15.06.2016 Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK)

DOK Resolution: „Fürchtet Euch nicht!“

Katholische Orden fordern Mut zu Solidarität mit Flüchtlingen

Mitgliederversammlung der Deutschen Ordensoberenkonferenz vom 12. bis 15. Juni 2016 in Vallendar. Bild von der DOK Pressestelle
Mitgliederversammlung der Deutschen Ordensoberenkonferenz vom 12. bis 15. Juni 2016 in Vallendar. Bild von der DOK Pressestelle

Mit einem Appell zum interkulturellen und interreligiösen Dialog mit den Menschen, die als Flüchtlinge zu uns kommen, ist am Mittwoch, 15. Juni, die viertägige Mitgliederversammlung der Deutschen Ordensobernkonferenz (DOK) zu Ende gegangen. Vor dem Hintergrund der Flüchtlingssituation in Deutschland und Europa hatte der Studientag der Versammlung am Dienstag das Thema „Fremdheit“ in umfassender Weise in den Blick genommen.

Mit einer Resolution hat sich die Vollversammlung zur Flüchtlingsthematik positioniert. Unter dem Titel „Fürchtet Euch nicht!“ verurteilt sie nationale und nationalistische Alleingänge und fordert die Staaten in Europa zu einer größeren Solidarität untereinander und mit den Nachbarländern der Krisenregionen auf. Die gegenwärtige Situation dürfe nicht nur vor dem Hintergrund möglicher Gefahren beurteilt werden, sondern es müssten auch die darin liegenden Chancen erkannt werden. Gefordert sei eine Kultur der Begegnung und eine Begegnung der Kulturen. Integration und Dialog verlangten eine weitaus größere Anstrengung, als die Aufnahme und Unterbringung der geflohenen Menschen. Dennoch führe kein Weg daran vorbei.

Die Deutsche Ordensobernkonferenz (DOK) vertritt die Interessen der Ordensgemeinschaften in Deutschland mit rund 16.700 Ordensfrauen und rund 4.200 Ordensmännern. Auch die Franziskaner sind Mitglied der DOK.

Resolution: „Fürchtet Euch nicht!“

Ordensgemeinschaften für Solidarität mit Flüchtlingen und eine Kultur der Begegnung

Die Deutsche Ordensobernkonferenz hat sich auf ihrer diesjährigen Mitgliederversammlung eingehend mit Flucht und Leben in der Fremde befasst. Wie kein anderes Thema bewegt die Menschen in unserem Land die Situation derjenigen, die aufgrund schwieriger Umstände in ihren Heimatländern zu uns gekommen sind oder zu uns drängen. Deutschland hat in den zurückliegenden Monaten gezeigt, dass es ein weltoffenes und gastfreundliches Land ist. Mit großem Einsatz haben viele Menschen sich den Herausforderungen gestellt und tun dies weiterhin.

Als Teil dieser Gesellschaft beteiligen sich nicht wenige Ordensgemeinschaften an diesen Aufgaben, indem sie z.B. Unterkünfte für Flüchtlinge bereitstellen. Ordensfrauen und -männer engagieren sich bei der Integration, bieten menschliche Nähe oder seelsorgerische Begleitung an. Viele Ordenschristen leisten – nicht selten unter Lebensgefahr – Aufbau- und Versöhnungsarbeit in den Herkunftsländern und helfen, die Notlagen der Menschen vor Ort zu lindern.

Zahlreiche Ordensgemeinschaften sind international und multikulturell geprägt und weltweit vernetzt. Daher kennen wir die Komplexität der Ursachen, die für so viele Menschen zu lebensbedrohlichen Konfliktlagen führen. Einfache Antworten darauf gibt es nicht. Dies gilt auch für die Frage, wie wir als Aufnahmegesellschaft den Aufgaben gerecht werden können. Wir nehmen wahr, dass viele Menschen in Deutschland und Europa sich sorgen und ängstigen: Die Herausforderung erscheint als Überforderung. Die Fremden wecken die Angst vor Überfremdung. Ihre große Zahl verstellt den Blick für den Einzelnen und sein Schicksal. Statt Freundschaft anzubieten, entwickeln einige sogar Feindseligkeit. Zunehmend wird diese Stimmungslage mit dumpfer und mit Ressentiments aufgeladener Rhetorik politisch instrumentalisiert. Dies verstärkt ein Klima der Abwehr. Als Christinnen und Christen setzen wir das „Fürchtet Euch nicht“ des Evangeliums entgegen. Jetzt im Jahr der Barmherzigkeit erinnern wir mit besonderem Nachdruck an das Wort Jesu Christi: „Ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und obdachlos und ihr habt mich aufgenommen“ (Mt 25,35). Wer sich auf das christliche Abendland beruft, kommt an diesen Aussagen nicht vorbei. Sie sind Richtschnur und Verpflichtung: Nicht Abschottung durch Mauern, Zäune und neue rechtliche Abgrenzung, sondern zupackende Solidarität und tatkräftige Hilfe sind gefordert.

Die Ursachen der Fluchtbewegungen sind global. Nationale oder gar nationalistische Alleingänge sind deshalb keine Lösung. Ihr Zweck ist oft die Besitzstandswahrung auf Kosten der Solidarität mit den in Not Geratenen. Nationalstaatliche Egoismen tragen zur Verschärfung der Konflikte bei, anstatt sie zu minimieren. Mit Papst Franziskus fordern wir: „Auf die Globalisierung des Phänomens der Migration muss mit der Globalisierung der Nächstenliebe und der Zusammenarbeit geantwortet werden.“ (Botschaft zum Welttag der Migranten und Flüchtlinge 2015) Dies bedeutet, dass einzelne Länder mit dem Problem der Aufnahme nicht alleine gelassen werden dürfen. Zu Recht fordern wir in Deutschland die Solidarität anderer Staaten in Europa ein. Umso mehr müssen wir aber auch jene Nachbarstaaten der Krisenregionen unterstützen, die, gemessen an ihrer Bevölkerungszahl, weitaus mehr Flüchtlinge aufnehmen als wir. Einige unserer Brüder und Schwestern arbeiten in den Lagern in Afrika und dem Nahen Osten. Von daher wissen wir um die z. T. menschenunwürdigen Lebensbedingungen dort. Die „Globalisierung der Nächstenliebe“ verlangt von der Weltgemeinschaft, hier Abhilfe zu schaffen.

Auch bei uns gibt es in Flüchtlingsunterkünften Situationen, die den Menschenrechten und der Menschenwürde widersprechen. Besonders Frauen und Kinder bedürfen eines wirksamen Schutzes vor gewaltsamen und sexuellen Übergriffen.

Wir appellieren an alle Menschen in unserem Land, die gegenwärtige Situation nicht nur vor dem Hintergrund möglicher Gefahren zu beurteilen, sondern vor allem auch ihre Chancen zu erkennen. Wir denken dabei in erster Linie nicht an die ökonomischen Potentiale, die sich mit jungen und evtl. gut ausgebildeten Migranten für eine alternde Gesellschaft ergeben mögen. Die aus der Not geborene Zuwanderung bietet vielmehr die Möglichkeit, in eine Kultur der Begegnungen und eine Begegnung der Kulturen einzutreten. Ein solcher dialogischer Austausch weitet den Blick und den eigenen Horizont. Er kann dazu beitragen, Spannungen abzubauen, und helfen, eine geschwisterlichere Welt aufzubauen, indem er Herz und Verstand öffnet, für ein menschlicheres und gerechteres Miteinander einzutreten.

Wir wissen, dass die Anstrengungen der Aufnahme und Unterbringung erst der Anfang der Bemühungen sind. Integration und Dialog stellen die weitaus größeren Herausforderungen dar. Es wird aber kein Weg daran vorbeiführen, diese Aufgaben anzugehen. Als Orden mit z.T. vielfältigen Erfahrungen des interkulturellen und interreligiösen Dialogs möchten wir alle in unserem Land dazu ermuntern, diesen Weg zu gehen. Wir wollen uns selber nach Kräften den Herausforderungen stellen und an Lösungen mitarbeiten.

 

Bruder Germanicus und die Fremden Text von Bruder Helmut Schlegel Illustration von Bruder Michael Blasek
Bruder Germanicus und die Fremden, Illustration von Bruder Michael Blasek

Bruder Germanicus und die Fremden

„Wo kommen die denn alle her?“, ereiferte sich Germanicus. Die Brüder standen am Rand der großen Straße, die nach Süden führte, und beobachteten den langen Zug. Es waren Menschen, die an Wuchs, Hautfarbe, Haartracht und Sprache verschiedener nicht sein konnten. Franziskus wandte sich seinem Bruder zu: „Sie kommen aus allen Regionen des Reiches: aus Dänemark, Burgund, Deutschland, der Lombardei, Sizilien, aus…“ „Und was wollen die alle hier?“, unterbrach ihn Germanicus. An seinem Gesicht konnte man den Ärger über so viele Fremde ablesen. „Sie sind auf dem Weg zu Kaiser Friedrich II. Er will mit den Königreichen, Fürstentümern, Reichsstädten und Bistümern eine Konföderation schließen.“ „Eine was?“, fragte Germanicus. „Der Kaiser will mehr Gemeinsamkeit. Die Grenzen sollen offener und die Lasten untereinander besser verteilt werden. Er sagt: Die Verschiedenheit der Güter, der Sprachen und Kulturen ist unser Reichtum.“ „Haha“, prustete Germanicus. „Das wollen die Leute doch gar nicht. Diese Dänen sollen im Norden bleiben und ihren heißen Tee trinken und die Sizilianer im Süden ihren Wein.“ – „Und ihr Deutschen euren sauren Apfelmost“, feixte einer der Brüder. „Hast du vergessen, dass du hier in Umbrien auch mal ein Fremder warst? Weißt du noch, wie es war, als du hier ankamst?“ Germanicus hörte es nicht mehr. Er hielt sich die Ohren zu und lief davon.

Text von Bruder Helmut Schlegel
Illustration von Bruder Michael Blasek

Erstveröffentlichung in der Zeitschrift „Franziskaner“ Frühling 2016


Ein Kommentar zu “DOK Resolution: „Fürchtet Euch nicht!“

  1. ein wunderbares Kinderbuch zu dem thema Toleranz zwischen den Religionen bringt es – auf einfache Art und Weise – denk ich -auf den punkt: „Mein Gott, dein Gott, Unser Gott“ liebe grüsse

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