27.04.2021 Bruder Andreas Brands

Kein Raum für Überraschungen

Erfahrungen indischer Franziskaner im Emsland und in Osnabrück

Die fünf indischen Brüder in Ahmsen.
Bild von Zeitschrift Franziskaner.

Es ist Sonntagnachmittag am zweiten Advent 2020. Draußen ist es schon dunkel, dabei ist es erst 17.00 Uhr. In der Wohnung von Baikim und Nijil ist es gemütlich. Es riecht nach indischen Gewürzen, auf dem Herd steht schon das Abendessen. Beide Männer sind Franziskaner, katholische Priester und leben als Kleinstkommunität in Osnabrück. Zu ihrer Wohnung gehören zusätzlich zu den Zimmern der beiden Küche, Wohnzimmer, Kapelle und Gästezimmer. Heute Nacht werden alle Betten und Notbetten belegt sein, denn wir erwarten drei weitere Brüder: Arun, Vijay und Prasad. Sie leben in Ahmsen, 90 Autominuten von Osnabrück entfernt. Heute bin ich mit allen fünfen verabredet. Sie bilden gemeinsam eine Kommunität an zwei Orten. Mich interessiert, wie sie sich organisieren, welcher Mission sie in Deutschland nachgehen, wo sie arbeiten und wie sie die Herausforderung eines gemeinsamen Lebens trotz zweier verschiedener Orte bewältigen.

Zuerst einmal möchte ich die Brüder etwas kennenlernen und bitte sie, sich kurz vorzustellen

„Ich bin Arun Junes aus der Provinz Tamil Nadu, bin 42 Jahre alt und lebe seit vier Jahren in Deutschland. Seit 1997 bin ich Franziskaner. Bevor ich nach Ahmsen gekommen bin, habe ich sieben Jahre in Belgien gelebt. Als mein Provinzial mich fragte, ob ich mir vorstellen könne, nach Deutschland zu gehen, habe ich gezögert. Das stand nicht auf meinem Wunschzettel. In Brüssel war ich Priester in einer multikulturellen Gemeinde, die ich gar nicht verlassen wollte. Aber als Franziskaner gibt es ja bekanntlich kein Wunschkonzert …“

„Ich heiße Prasad Papabathuni, bin 50 Jahre alt und komme aus Andhra Pradesh. 1988 bin ich in den Orden eingetreten und lebe jetzt seit drei Jahren als Pastor in Ahmsen. Ich wollte von Anfang in die Mission. Und auf meiner Liste stehen noch weitere Regionen, Sri Lanka beispielsweise oder auch Lateinamerika.“

„Mein Name ist Vijay (gesprochen: Widschai) Amritharaj. Ich stamme aus dem Bundesstaat Tamil Nadu, bin 41 Jahre alt, seit 1999 Franziskaner und lebe seit sieben Jahren in Deutschland. Aber die Sprache (…). Die ist wirklich schwer zu lernen! Kaum in Deutschland angekommen musste ich meinen Führerschein wiederholen, da meiner aus Indien hier nicht anerkannt wurde. Und im Emsland brauchst du einen Führerschein, auf jeden Fall!“

„Mein Name ist Nijil (gesprochen Naidschil) Chiramal, ich wurde im Bundesstaat Kerala geboren. Mit 34 Jahren bin ich der Jüngste in unserer Kommunität. Als ich 2006 in die Gemeinschaft der Franziskaner eingetreten bin, wusste ich noch nichts von einem Aufenthalt in Deutschland, geschweige denn dass ich diese Sprache jemals lernen würde. Ich wurde gerufen, wie die Apostel: Komm und geh! Und jetzt bin ich schon drei Jahre hier, lerne Land und Leute kennen und genieße es, in der Schule tätig zu sein.“

„Ich bin Baikim Chandra Minj und komme aus dem Bundesstaat Jharkhand, bin 35 Jahre alt und lebe seit 2003 im Orden der Minderbrüder und davon jetzt schon sieben Jahre in Deutschland. Zuerst wurde ich nach Ahmsen gesandt, um dort mit den Brüdern in der Pfarrei zu arbeiten, jetzt lebe ich seit mehr als einem Jahr mit Nijil als Schulseelsorger in Osnabrück.“

Bruder Vijay spendet das Sakrament der Taufe. Bild von Zeitschrift Franziskaner.

Andere Sprache, andere Kultur, andere Kirche

Als diese indischen Franziskaner – nach und nach – vor sieben Jahren nach Deutschland kamen, war noch vieles unklar. Wie viele Brüder sollen hier leben und arbeiten? In welcher Konstellation? Für wie lange? Mit welchem Auftrag?

Wir sitzen bei einer Tasse Kaffee am Esstisch der Wohnküche. Die selbst gebackenen Vanillekipferl unterstreichen die adventliche Stunde. Und ich frage mich, wie es mir in Indien gehen würde, sollte ich vom Orden aus dort eingesetzt werden. Eine andere Sprache, eine andere Kultur, eine andere Kirche – und weit weg von zu Hause.

Am 13. Mai 2014 ging es los. An diesem Sonntag begannen Franziskaner aus der indischen Provinz vom Hl. Apostel Thomas Kloster Ahmsen im Emsland wieder zu beleben. Zum Start des neuen Projekts kam ihr Provinzial aus Indien zu Besuch, ebenso Brüder aus den Niederlanden, aus Bonn und Ohrbeck, dazu einige Gemeindemitglieder aus Ahmsen und Umgebung, um die Brüder willkommen zu heißen. Ihre neuen Arbeitsfelder liegen in der Seelsorge für die Gemeinden Holte-Lastrup und Börger, in der Krankenhauspastoral und der Sorge um das Kloster Ahmsen. Es war der Wunsch des Bistums Osnabrück, dass indische Brüder hier eine spirituelle Gemeinschaft gründen und die franziskanische Präsenz in der Region stärken.

Gottesdienste und Schützenfeste

In den Gemeinden Holte-Lastrup und Börger, inmitten des Emslandes, sind Arun, Prasad und Vijay als Pastoren tätig. Indische Mitbrüder im Emsland – das hört sich sehr ungewöhnlich an. Was ist das Besondere am Emsland?, frage ich die Brüder. Die erste Antwort kommt schnell: viel Tradition! Es gibt ein öffentliches Interesse an der neuen Gemeinschaft, was das Leben manchmal auch anstrengend macht. Arun resümiert: „Das Leben im Emsland ist cool. Gottesdienste und Partys gehören zusammen, dazu Schützenfeste und jede Form von gemeinsamem Feiern. Nach zwei oder drei Bier reden die Leute viel.“ Prasad ergänzt: „Wir wurden hier wirklich gut aufgenommen und sind integriert in unseren Gemeinden. Uns wurde viel Wohlwollen entgegengebracht.“ Der Unterschied zu einer indischen Gemeinde? Vijay versucht eine erste Erklärung: „In Deutschland ist alles geplant, alles strukturiert: der Gottesdienst und auch der Kalender. Wenn man jemanden in der Pfarrei besuchen möchte, muss man vorher anrufen oder einen Termin ausgemacht haben.“ Es ist keine Klage, sondern Verwunderung. Dann wird es ernster:

„Man kann nichts ändern, alles ist festgelegt „, erklärt Arun. „Eines der meistgebrauchten Worte heißt: ‚Das geht nicht.‘ Das Krippenspiel ist immer um halb vier gewesen, und es wird auch in diesem Jahr um halb vier sein. Es gibt keinen Raum für Überraschungen. Das lässt die deutsche Mentalität nicht zu.“

Das Mühsame eines solchen Lebens kommt zur Sprache. Kirche wird in Indien anders erfahren. Wie, möchte ich wissen. „Von unserer Kultur her ist alles spontaner, offener, die Kirche ist voller, und wir erleben viel mehr Jugendliche als in Deutschland.“ Und dennoch gibt es auch hier Momente, wo etwas Besonderes gelingt. „Bei der Firmvorbereitung haben wir mit den jungen Leuten auf ein indisches Lied getanzt. Die waren glücklich wie die Prinzen.“

Arun erzählt: „Wir merken deutlich, dass es in Deutschland eine Trennung gibt zwischen dem, was das Evangelium sagt, und dem, was die Kirche lehrt. Aber das Wichtigste ist doch, dass der Glaube wächst – und zwar nicht nur für diejenigen, die in den Gottesdienst kommen. In Deutschland kann ich nach dem Sonntagsgottesdienst nicht zu einem Jugendlichen sagen: ‚Ich habe dich nicht in der Kirche gesehen.“ In Indien kann man das fragen. Die Beziehung zwischen den Gemeindemitgliedern und dem Priester ist viel enger. In Deutschland braucht es eine lange Zeit, bis das Vertrauen wächst.“ Ob sie denn verstanden werden? Prasad fasst die Erfahrungen der letzten Jahre zusammen: „Es gibt drei Möglichkeiten, warum einen die Menschen nicht verstehen: erstens wegen der Akustik in der Kirche; zweitens wegen unserer Aussprache und drittens, weil sie nicht hinhören.“

Kirche geht zur Schule

Mitten in Osnabrück leben Baikim und Nijil. Ihr Auftrag: als Schulseelsorger präsent zu sein. „Bedingt durch die Corona-Krise ist aktuell in der Schule nicht viel möglich.“ Baikim zieht Bilanz nach einem ganz besonderen Jahr, und er tut es mit einem Lächeln. Er arbeitet als Schulseelsorger an der Ursulaschule in Osnabrück, an der von 1977 bis 1997 Franziskaner der nordostdeutschen Provinz (Saxonia) tätig waren. „Der franziskanische Geist soll erhalten bleiben. Das Bistum ist daran interessiert, den Geist des Armen aus Assisi lebendig zu halten, und ich bin einfach da und biete mich und meine Glaubenserfahrungen an.“ Die Ursulaschule ist ein Gymnasium in der Trägerschaft des Bistums wie auch die Domschule, eine bis zur 10. Klasse gehende Mittelschule. Hier ist Nijil tätig, ebenso als Schulseelsorger. »Ich möchte im Schulalltag die Frage nach Gott lebendig halten“, sagt er. „In der Schule ist zwar nicht der Ort, wo das Geistliche an erster Stelle steht, aber es gehört zum Leben dazu. Als Ordenspriester bin ich unter den Jugendlichen sichtbar.“Nijil und Baikim feiern klassenweise mit den Schülerinnen und Schülern Gottesdienste, einmal im Jahr auch jahrgangsweise. Sie bieten Sprechstunden für die Jugendlichen an, um über Gott und die Welt zu sprechen. „Die Kirche geht zur Schule.“ Nijil lacht aus vollem Hals. Präsent sein, ins Gespräch kommen, nicht nur wenn man in Not ist, das ist das Konzept, und beide Brüder gehen darin auf. Neben ihrem Schuldienst sind Baikim und Nijil in der Dompfarrei tätig und helfen aus bei Werktags- und Sonntagsgottesdiensten. Für wie lange, denken sie, hier zu leben und zu arbeiten? Nijil ist ganz spontan: nicht für ewig! Und ein breites Lachen geht über sein Gesicht.

Bruder Nijil während der Firmvorbereitung.
Bild von Zeitschrift Franziskaner.

Eine Gemeinschaft an zwei Orten

Für die Kommunität ist es eine Herausforderung, an zwei Standorten zu leben und den Alltag kaum miteinander teilen zu können. Zu unterschiedlich sind die Aufgabenfelder und zu weit die Entfernung. Das Leben an zwei Orten bringt Fragen mit sich: Wie wollen wir leben? Gibt es Vorgaben der indischen Provinz? Inwieweit können diese verbindlich sein für ein Leben in Deutschland? Was gilt es neu zu erfinden? Zweimal im Monat treffen sich die Brüder aus Ahmsen und Osnabrück, einmal im Emsland, einmal in Osnabrück. Um das gemeinsame Leben zu gestalten, bedarf es der Regelmäßigkeit der Begegnung und des Austausches, des Betens und des Kochens, der Reflexion und der Planung. Darüber hinaus gibt es Treffen zu Geburtstagen oder franziskanischen Festen. Die Brüder erzählen, wie wichtig es ist, diese Traditionen zu pflegen und miteinander im Gespräch zu sein, gerade wenn man den Alltag nicht miteinander teilt. „Wir brauchen den Besinnungstag und das Hauskapitel als wichtige Elemente für unser Leben.“ Ob dieses Modell eine Zukunft hat? „Wir wissen es nicht“, sagt Arun. „Wir werden einmal Bilanz ziehen und schauen, ob es so weiter geht oder vielleicht eine andere Form braucht.“

Was Mission heißt? „Für die Menschen da zu sein. Ich bin berufen hier mitzuarbeiten. Und: offen sein für neue Projekte.“ Ich weiß nicht mehr, wer es gesagt hat, aber alle nicken und stimmen zu.

Dann dampft das indische Abendessen auf dem Tisch. Hühnchen in Curry, Rindfleisch in Sahnesoße. Reis. Grüne Bohnen. Es ist wie mit allem im Leben, denke ich: Die Unterschiede machen das Leben bunt. Und sie tun uns Menschen gut.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Frühjahr 2021


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