04.08.2021 Marius Scherf, Fuldaer Zeitung

Kirche bedeutet Reform

Pater Cornelius im Interview mit der Fuldaer Zeitung

Aus der Fuldaer Zeitung vom 2. August 2021:

Vor 800 Jahren siedelten sich 25 Franziskaner erstmals dauerhaft in Deutschland an. Sie wollten unter den Menschen wirken und stehen heute vor einem großem Umbruch – auch in Fulda, wo der Orden seit 1237 ansässig ist. Der oberste Franziskaner in Deutschland, Pater Cornelius Bohl, spricht sich für Reformen in der Kirche aus.

„Ich kann mir gut vorstellen und wäre dafür, das Priesteramt in Zukunft auch für Frauen zu öffnen“, sagt Pater Cornelius Bohl im Interview mit der Fuldaer Zeitung. Bohl, gebürtig aus Fulda, erklärt mit Blick auf den heiligen Franziskus: „Kirche muss sich immer reformieren.“

 

Das ganze Interview der Fuldaer Zeitung mit Provinzial Cornelius

Bruder Cornelius Bohl ofm

Provinzialminister der Franziskaner in Deutschland: Das ist der ansehnliche Titel, den der gebürtige Fuldaer Cornelius Bohl trägt. Für den obersten Franziskaner sind die Umbrüche, vor denen der Orden und die Kirche steht, ganz im franziskanischen Sinne: Kirche muss Aufbruch bedeuten.

(FZ) Provinzen werden zusammengelegt. Die Franziskaner sehen sich mit einem Mitgliederschwund konfrontiert. Wie wichtig ist der Frauenberg für die Franziskaner in Deutschland?

Der Frauenberg hat an sich eine große geschichtliche Bedeutung. Wir Franziskaner sind in Provinzen organisiert. Früher war der Frauenberg der Sitz der Thüringischen Provinz. Von hier sind Brüder in die Mission gegangen, etwa nach Japan. Vor elf Jahren haben sich die vier Franziskanerprovinzen in Deutschland vereinigt. In der großen deutschen Provinz mit 28 Häusern hat der Frauenberg ein wenig an Bedeutung verloren, doch ist er ein markanter, spiritueller Ort, der mitten in Deutschland liegt. Er eignet sich auch ideal für Treffen der Brüder.

(FZ) Ein Blick in die Zukunft: Wird es in 15 Jahren noch Brüder auf dem Frauenberg geben?

Das weiß ich nicht. Wir sind weiter dabei, Häuser aufzulösen. Unsere Nachwuchssituation ist sehr bescheiden. Wenn es geht, möchten wir sehr gerne auf dem Frauenberg bleiben. Wir haben jetzt in Deutschland noch 28 Standorte. Auf Dauer gesehen wird es vielleicht noch zehn Häuser in Deutschland geben. Wir leben in einer Zeit des Klöster-Sterbens. Das betrifft fast alle Ordensgemeinschaften. Kooperation, wie sie mit antonius auf dem Frauenberg stattfindet, ist momentan ein wichtiges Thema für die Klöster Das wird in Zukunft noch wichtiger werden.

(FZ) Was hat Sie damals bewogen, in ein Kloster zu gehen?

Das Leben von Franz von Assisi hat mich schon als Jugendlichen beschäftigt. Ich habe in Fulda sehr früh Brüder kennengelernt, und das, was sie gelebt und vermittelt haben, sprach mich sehr an. Ich habe überlegt, Priester zu werden, aber das wollte ich auf jeden Fall in einer Gemeinschaft. Allein im Pfarrhaus sitzen, wollte ich nicht. Aber das Entscheidende war der Glaube. Ohne die Beziehung zu Jesus Christus ist dieses Leben sinnlos. Ich bin überzeugt, der Kern unseres Lebens geschieht aus einer Beziehung zu Gott heraus.

(FZ) Was bedeutet Seelsorge konkret?

Wir Brüder sind nicht nur für uns da, sondern für andere. Wir sind in der Seelsorge, im Krankenhaus oder der Schule tätig, begleiten Menschen im Gespräch, sind in der Obdachlosenhilfe tätig oder im Gefängnis.

(FZ) Wie finanziert sich ein Kloster dabei?

Franziskaner gehören geschichtlich zu den Bettelorden. Franziskus schreibt allerdings in der Regel, dass wir von unserer Hände Arbeit leben sollen. Auch heute leben wir zum Großteil von dem, was die Brüder erarbeiten. Wenn jemand Pfarrer oder Lehrer ist, bekommt er ein Gehalt. Das kommt in den gemeinsamen Topf der Provinz und wird von dort aus wieder verteilt. Die Einnahmen werden jedoch weniger, weil die Brüder immer älter werden und wenige junge nachkommen. Auf Dauer werden darum andere Einnahmequellen wichtiger, etwa Einkünfte aus Immobilien oder Fundraising.

(FZ) Leben in der Armut – wie kann man damit 800 Jahre nach Ordensgründung noch junge Menschen erreichen?

Das, was Franziskus wollte, finde ich sehr aktuell und zeitgemäß. Etwa die Frage nach einem einfachen Lebensstil und der Bewahrung der Schöpfung: Das ist politisch heute ein wichtiges Thema – wie können wir so leben, dass wir mit unseren Ressourcen nachhaltig umgehen? Aktuell ist auch der Dialog der Religionen und Kulturen oder der Blick an die Ränder der Gesellschaft. Aber es wird immer schwieriger, dass sich junge Menschen dauerhaft auf ein Lebensprojekt einlassen wie den Eintritt in einen Orden. Das liegt an einer veränderten gesellschaftlichen Situation, aber sicher auch an den Krisen, die die Kirche heute durchlebt.

(FZ) Stichwort Kirchenkrise: Wie bewerten die Franziskaner den Synodalen Weg in Deutschland?

Franziskus hat als junger Mann in einer verfallenen Kirche vom Kreuz her den Ruf gehört: „Stell mein Haus wieder her.“ Das ist ein starkes Bild. Es zeigt: Kirche muss sich immer reformieren. Die Frage nach einer lebendigen Kirche ist urfranziskanisch. Genau wie die Themen des Synodalen Weges, etwa der Umgang mit der Macht oder die Rolle der Frau in der Kirche. Natürlich hat jeder Bruder seine eigene Meinung dazu, aber von der Grundidee entspricht uns der Weg sicher sehr. Wir haben keine fertigen Antworten auf die Probleme, können aber dort, wo wir leben, Impulse geben. Wir sind noch recht zahlreich in Deutschland vertreten, jedoch dürfen wir uns auch nicht überschätzen. Ich glaube, es ist wichtig, dass die franziskanische Idee erhalten bleibt.

(FZ) Wie kann die Rolle der Frauen in Zukunft aussehen? Sollten Frauen das Priesteramt ausüben dürfen?

Ich kann mir gut vorstellen und wäre dafür, das Priesteramt in Zukunft auch für Frauen zu öffnen. Ich glaube nicht, dass das so bald passiert, doch muss darüber weiter nachgedacht werden. Frauen müssen stärker vorkommen und gleichberechtigt beteiligt werden. In unserer franziskanischen Familie gibt es auch die Franziskanerinnen. Sie arbeiten vielerorts mit den Brüdern zusammen.


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