Bruder Andreas Müller

Leben ohne Eigentum

Der Verzicht auf Eigentum und Macht beschert Freiheit

In seinem Testament beruft sich Franziskus darauf, dass der Herr selbst ihm die Art und Weise offenbart habe, wie er leben solle (Test 14–17), nämlich „unseres Herrn Jesu Christi heiliges Evangelium zu beobachten„. So schrieb er es am Anfang seiner Regel und schließt darin die Aufforderung ein: „zu leben ohne Eigentum“ (BReg 1.2). Auch in seinen Ermahnungen betont er diesen Punkt immer wieder. Und somit wird offenbar: Wir berühren hier den innersten Kern franziskanischen Lebens.

„Leben ohne Eigentum“ gehört nach den Seligpreisungen zum Wesen der Jüngerschaft. Diejenigen, die nichts ihr Eigen nennen, sind „die Armen im Geist, denen das Himmelreich gehört“ (vgl. Mt 5,3). In seinen „Ermahnungen“ nennt Franziskus die Gründe für seine Ablehnung jedweden Besitzes: Es ist der „Allerhöchste selbst, der jegliches Gute redet und wirkt“ (Erm 7). Alles Gute gehört allein Gott. Sich selbst anzueignen, was einem anderen gehört, ist für ihn „Blasphemie“. Für Franziskus ist alles ein Geschenk. Etwas, das wir haben oder sind, unser „Eigentum“ zu nennen, ist ein Affront gegenüber Gott, der der „allein Gute“ ist und „jegliches Gute“ gibt. Nicht nur materieller Besitz ist hier gemeint. Dies berührt jede Facette des menschlichen Lebens. Gott will, dass wir Leben haben, Leben in Fülle sogar. Doch das gelingt nur, wenn wir es mit anderen teilen.

Diese radikale Absage an jeglichen Besitz hat mit seiner Erfahrung in Assisi zu tun. Franziskus war der Sohn eines reichen Kaufmanns, gehörte also zum neureichen Bürgertum. Die Mächtigen und Reichen blieben unter sich. Auch die Kirche war Teil dieser feudalen Gesellschaft.

Franziskaner bei einer Prozession in Assisi. Auch heute noch ist es für manchen verlockend ohne Eigentum zu Leben. Das schafft Freiheit. Bild von Bruder Michael Blasek
Franziskaner bei einer Prozession in Assisi. Auch heute noch ist es für manchen verlockend ohne Eigentum zu Leben. Das schafft Freiheit. Bild von Bruder Michael Blasek

Die Armen hausten draußen vor der Stadt. Sie waren die billigen und rechtlosen Diener der Reichen und kamen auch in der Kirche kaum in den Blick. Der junge Franziskus fühlte sich wohl in dieser Welt. Er war der Anführer rauschender Feste. Mit dem Geld des Vaters konnte er sich das leisten. Ritter wollte er werden und ganz nach oben kommen. Das war sein Traum. Von dieser Zeit sagte er später, dass er lebte, „als ob es Christus nicht gäbe“. Der Gott, den die reichen Bürger Assisis verehrten, war der „erhöhte Herr“, der erhabene Weltenherrscher, der mit dem Alltagsleben der Menschen wenig zu tun hatte. In seinem Testament wird Franziskus sagen, dass das die Zeit war, „als ich noch in Sünden war“; die Zeit also, in der der „arme Jesus von Nazareth“ und die Sorgen und Leiden der Armen vor den Toren Assisis ihn gar nicht berührten.

Die Wende kam durch Gottes eigene Führung: „Der Herr hat mir den Mut gegeben, das Leben der Umkehr und der Buße zu beginnen„, schreibt er in seinem Testament. Es war die Begegnung mit dem Aussätzigen: „Der Herr selbst hat mich unter sie geführt. (…) Was mir bitter war, wurde in Zärtlichkeit verwandelt. Danach hielt ich eine Weile inne und verließ die Welt.“ (Test 2–3)

Seine bisherige Welt brach nun zusammen; jene Welt, in der es oben und unten gibt, Besitzende und Besitzlose, Herren und Knechte. Aus dieser Welt steigt er aus. Ihm geht auf, dass eine solche Welt nicht die wahre sein kann. Er entdeckt die Welt des Evangeliums als Alternative. In den Fußstapfen des armen Wanderpredigers Jesus will er künftig wandeln. Er verlässt seine Stadt Assisi, die Stadt der Sicherheiten und des Geldes. Sein Standort ist künftig die Welt der Aussätzigen, der Mühseligen und Beladenen. Es war ein schmerzhafter Standortwechsel, eine lange Suche, doch schließlich die Gewissheit: „Niemand konnte mir sagen, was ich tun soll, Gott selbst hat mir offenbart – der Herr hat mir gegeben – der Herr hat mir gezeigt.“ (Test 14)

Auf diesen Geist Gottes beruft sich Franziskus künftig. „Der Herr gab ihm Brüder“ (vgl. Test 14), die wie er dem armen Jesus von Nazareth folgen und seine befreiende Botschaft leben wollen. Aus kleinen Anfängen wird schnell eine große Bewegung, wird eine neue Art von Kirchesein, eine revolutionäre Weise des Zusammenlebens, ohne Herrschaftsansprüche und Besitzdenken. Wie Schwestern und Brüder sollten sie miteinander leben, teilen und Zeugnis geben vom kommenden Reich Gottes. Der Schlüssel dazu ist „leben ohne Eigentum“.

 


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.