Bernd Schmies, Fachstelle Franziskanische Forschung

Mit Herz und Verstand

800 Jahre franziskanische Geschichte in Deutschland - Teil 4

„Wo wollt ihr euch Niederlassen?“ fragten die Edelleute die Franziskanerbrüder. „Hauptsache es ist ein Bach in der Nähe, in dem wir uns die Füße waschen können“, antwortete Bruder Jordan, als sie in Erfurt einen geeigneten Ort für ein Kloster suchten. Bild von Jim Black auf Pixabay

Kaum zwei Wochen nachdem die Brüder von Trient aus nach Deutschland aufgebrochen waren und eine strapaziöse und entbehrungsreiche Alpenüberquerung hinter sich gebracht hatten, erreichten sie Mitte Oktober 1221 Augsburg. Dass sie sich die Bischofsstadt als erstes Etappenziel ausgewählt hatten, war sicherlich kein Zufall. Vielmehr stimmt die Ortswahl mit dem von Beginn an eingeschlagenen Weg überein, in kleinen Gruppen wandernd, zuerst Bischofsstädte anzusteuern. Dort suchten sie unmittelbar den Kontakt zum Bischof, dessen Schutz und Gunst sie erhofften. Als Herr über Bistum und Stadt konnte dieser den fremden, aber frommen Ankömmlingen die Erlaubnis zu predigen erteilen und sie an geeigneten Orten unterbringen. Dabei ermöglichte die räumliche Nähe der Brüder zum Bischof und seinem Hof ein rasches Kennenlernen und erleichterte so, Vertrauen in die franziskanische Lebensform zu gewinnen. Die kontaktierten Bischöfe zeigten sich indessen den Franziskanern gegenüber zumeist offen, erhofften sie sich doch durch ihr Wirken eine Verbesserung der Seelsorge in ihren Diözesen. Eine Aufgabe, die wenige Jahre zuvor das Vierte Laterankonzil 1215 für vordringlich erklärt hatte: „Die Bischöfe bestellen geeignete Männer, mächtig in Tat und Wort, die das Amt der heiligen Verkündigung segensreich wahrnehmen.“ Die Bischöfe erkannten in den Gefährten des Armen von Assisi die vom Konzil geforderten „geeigneten Männer“, die wiederum vom Bischof geschützt, frei wirken konnten.

Jordan von Giano, dem wir unser Wissen über die Anfänge der Brüder in Deutschland maßgeblich verdanken, war unter den Brüdern, die sich in Augsburg sammelten. Seine anektdotenreichen, Rückschläge und Probleme nicht verschweigenden, Nachrichten lassen die frühe Ausbreitungsstrategie des Ordens in Deutschland gut erkennen und nachvollziehen. So berichtet Jordan, dass „sie der Augsburger Herr Bischof und dessen Neffe, der Vizedominus und Domherr, sehr gütig [auf]nahm. Der Herr von Augsburg selbst nämlich brachte den Brüdern eine so große Zuneigung entgegen, dass er jeden einzelnen mit einem [Friedens-]Kuss empfing und mit einem Kuss entließ. Der Vizedominus aber nahm sie mit solcher Zuneigung auf, dass er sein Amtsgebäude verließ, um die Brüder dort unterzubringen.“

Ihre gastliche, ja geradezu überschwängliche Aufnahme durch den „Herrn Bischof“ – es war Siegfried von Rechberg – ist wohl auch Bruder Cesarius von Speyer zu verdanken, der als Provinzialminister die Brüderschar anführte. Cesarius und der Bischof waren sich vermutlich schon zu Zeiten des 5. Kreuzzugs 1218-1220 im Heiligen Land begegnet. Folglich trafen in Augsburg keine sich gänzlich unbekannten Zeitgenossen aufeinander. Zugleich erwies sich nicht zum letzten Mal, wie klug Franziskus und Bruder Elias Entscheidung war, den ihnen vertrauten Cesarius mit der Leitung der Deutschland-Mission zu betrauen. Denn Cesarius erwies sich nicht nur als ausgezeichneter Prediger und Organisator, sondern auch als „Netzwerker“ und guter Kenner der geographischen, politischen und kirchlichen Verhältnisse im Deutschen Reich. Seine Talente und sein Wissen zeigten sich auch auf dem ersten Kapitel der Ordensprovinz Theutonia, das Cesarius „um das Fest des heiligen Gallus“ (16. Oktober) in Augsburg leitete. „Von dort schickte er die Brüder in die verschiedenen Provinzen Deutschlands. Bruder Johannes von Piano di Carpini und Bruder Barnabas sandte er als Prediger voraus nach Würzburg. Von dort gingen sie weiter nach Mainz, nach Worms, nach Speyer, nach Straßburg und Köln. Dabei zeigten sie sich den Menschen, predigten das Wort von der Buße und bereiteten für die nachfolgenden Brüder Unterkünfte vor.“ So schreibt es Jordan, der selbst zusammen mit zwei weiteren Brüdern nach Salzburg geschickt wurde, wo sie nach seinen Worten der Ortsbischof freundlich aufnahm. Zudem ging eine dritte Kleingruppe von vier Brüdern nach Regensburg.

Auf diese Weise dehnte sich die gerade einmal drei Dutzend Brüder umfassende Provinz binnen Jahresfrist in alle Himmelsrichtungen aus. Dabei ging es ihnen nicht in erster Linie darum, in den Städten sofort Klöster zu gründen, sondern vielmehr sich vor Ort zunächst vorzustellen, also den Bischöfen, aber auch mit ihrer Art der „Volksmission“ den Einwohnern das franziskanische Leben nahe zu bringen. Unter den Menschen, mit denen sie auf Augenhöhe und in Nachbarschaft zusammenlebten, beteten und zu ihnen predigten, fanden sich auch solche ganz unterschiedlicher Herkunft, die sich ihnen anschlossen. Auf die Neuaufnahmen waren die aus Italien kommenden Brüder für den fortschreitenden Aufbau der Provinz dringend angewiesen. Schon nach zwei Jahren, beschloss das in Speyer versammelte Kapitel, die stetig wachsende Provinz in vier Kustodien zu unterteilen: Franken, Bayern – Schwaben, Elsass und Sachsen. Im Herbst 1223 erreichte der zum Kustos ernannte Bruder Johannes von Piano di Carpini gemeinsam mit zehn weiteren Brüdern die Bischofsstadt Hildesheim auf sächsischem Boden. Hier trafen sie auf Bischof Konrad, ein früherer Theologielehrer des Bruders Cesarius, der die Franziskaner trotz einiger Rückschläge fortan in seinem Bistum stark förderte. Bis zum Jahresende erreichten die Brüder von Hildesheim weiterziehend Goslar, Braunschweig, Halberstadt und schließlich mit Magdeburg die Elbe. Als Franziskus 1226 in Assisi starb, waren seine Mitbrüder bereits in den meisten Gegenden Deutschlands präsent und schon 1230 teilte das Generalkapitel in Assisi die riesige Provinz Theutonia in die Rheinische und die Sächsische Provinz auf.


Lesetipp: Vergegenwärtigung der Geschichte

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