30.05.2020 Provinzialminister Cornelius Bohl

No risk, no future

Wie entsteht Neues – in der Kirche, in der Gesellschaft, in meinem eigenen Leben?

Neues riskieren. Bild von Ulrike Leonea, Pixabaya

Diese Frage beschäftigt mich schon lange: Wie entsteht Neues – in der Kirche, aber auch in der Gesellschaft oder in meinem eigenen Leben? Oder machen wir uns etwas vor mit dieser Sehnsucht nach dem Neuen? Vielleicht hat ja Kohelet Recht: „Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues – aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind“ (Koh 1,10). Es gibt Pseudoinnovationen: „Keiner braucht zwar ein neues Smartphone, aber alle haben eines“, hat jemand gesagt. Ist etwas schon deswegen gut, nur weil es neu ist? Neue Besen kehren gut. Aber wie bald ist der Reiz des Neuen vorbei!

Wie entsteht Neues? Es gibt eine idealistische Position: Wir analysieren kritisch den Istzustand, entwerfen gute Konzepte und setzen sie um. Optimisten hoffen, dass die ständige Entwicklung durch trial and error wie von selbst zu Verbesserungen führt. Oft entsteht Neues auch durch den gezielten Umsturz des Bestehenden: Revolutionäre schaffen neue Verhältnisse, gegen Widerstände und notfalls auch mit Gewalt.

Wie entsteht Neues? Franziskus, so haben es seine Zeitgenossen erlebt, war irgendwie „neu“. Novus certe homo et alterius saeculi, nennt ihn Thomas von Celano, er war „wirklich ein neuer Mensch“, so, als käme er aus einer anderen Welt. Und die Frage passt zu Pfingsten. Da feiern wir den Geist, der „das Gesicht der Erde neu macht“. Die Pfingstsequenz illustriert das mit schönen Bildern: Hartes wird geschmeidig, Dürres wieder lebendig, Krankes gesund.

Neuwerden hat mit Umkehr zu tun. Es fordert die Bereitschaft, Altes loszulassen, neu zu denken, neue Wege zu gehen. Das ist anstrengend. Eingefahrene Gleise sind bequemer. Die Frage kann nur jeder selbst beantworten: Will ich wirklich, dass sich bei mir etwas ändert – oder will ich eigentlich lieber noch ein bisschen weiterjammern? Vorsicht aber, das ist ein beliebtes Muster derer, die den Status quo erhalten und gerade nichts Neues möchten: Erst musst du dich ändern, dann ändert sich auch das System. Das stimmt. Aber nur zur Hälfte. Manchmal braucht es mutige Veränderungen an äußeren Strukturen. Spiritualität und Politik gehören zusammen.

Viele Neuerungen werden ungewollt von außen angestoßen. Wie viel hat z.B. die aktuelle Corona-Pandemie bereits verändert! Manchmal muss erst etwas zusammenbrechen, bevor Neues entsteht. Ein wichtiger Innovationsimpuls ist für mich auch die Begegnung mit anderen Menschen. Für Franziskus beginnt etwas völlig Neues in der Begegnung mit dem Aussätzigen. Welche Begegnungen haben mich bisher verändert? Begegnungen mit Menschen, die mich „angesprochen“ und begeistert – aber auch mit solchen, die mich kritisiert, provoziert und maßlos geärgert haben …

Neues kann auch dort entstehen, wo ich Alt-Bekanntes aus einer neuen Perspektive sehe. Menschen deuten äußerlich sehr ähnliche Erfahrungen ganz unterschiedlich: Eine Krise kann völlig aus der Bahn werfen oder eine neue Tiefe eröffnen. Eine Not kann zu Gott hin- oder von ihm wegführen. Viel hängt davon ab, aus welcher Perspektive ich mein Leben betrachte, in welche Zusammenhänge ich es einordne, was mich motiviert. Ich muss also nicht immer den alten Ort verlassen, um Neues zu leben. Sicher, auch das kann ideologisch werden: Manchmal reicht es nicht, die Wirklichkeit nur neu zu interpretieren. Man muss sie auch wirklich ändern.

Womit beginnt Neues? Mit der Sehnsucht, wie Nelly Sachs meint? Oder mit Unzufriedenheit? Mit dem Staunen? Mit einer Frage? Mit einer Idee? Mit dem ersten Schritt? Bei Franziskus hat das Neue tatsächlich angefangen mit dem ersten Stein, den er in die Ruine von San Damiano einfügt. Neues braucht den Mut zum Experiment, das auch daneben gehen darf. „Keine Experimente!“ ist das Credo konservativer Bewahrer. Vielleicht gehen von fünf Experimenten vier daneben. Aber aus dem letzten Versuch kann Neues entstehen! No risk, no future.

Womit beginnt Neues? Auf diese Frage gibt es nicht nur eine Antwort. Der Geist Gottes, der alles neu macht, weht, wo er will, und aus ganz unterschiedlichen Kanälen. Seine beiden großen Symbole jedenfalls, der Sturm und das Feuer, zeigen, dass er nicht nur auf die sanfte Tour wirkt. An Pfingsten beten wir um diesen Geist. Pfingsten lädt aber auch ein, einmal darüber nachzudenken, wo bei mir und in meinem Umfeld Neues ansteht, und dann da und dort auch etwas Neues zu probieren.


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