Thomas Abrell ofm

Ohne Karfreitag kein Ostern?

Leiden und Tod als Erfüllung der Sendung Jesu

Der Weg zu Ostern führt durch die Nacht des Karfreitags. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Eine der ältesten neutestamentlichen Bekenntnisformeln findet sich im Philipperbrief. Dieser Hymnus bekennt sich zur Menschwerdung des Sohnes Gottes und seiner Hingabe bis zum Tod am Kreuz. Weil Jesus diesen Weg geht, wird er von Gott erhöht und verherrlicht und verehrt als Jesus Christus, der Herr, zur Ehre Gottes, des Vaters (Phil 2).

In gleicher Weise betonen auch andere vorpaulinische Bekenntnisformeln, dass Jesus für uns Menschen gestorben ist. Er hat seinen Tod am Kreuz angekündigt und durchlitten. Das haben die Jünger erlebt. Die Begegnung mit dem Auferstandenen schließlich gibt dem Tod Jesu Sinn. Ohne Auferstehung wäre die Sache Jesu zu Ende gegangen. Doch gibt erst der Kreuzestod Jesu seiner Auferstehung einen Sinn? „Die Ganzheit und Einheit des Heilsereignisses Jesu Christi schließt sein Leben, seinen Tod und seine Auferweckung ein“. (Herder Korrespondenz 35-1981, 138)

Das Leben Jesu ohne Leiden und Tod wäre eine Erfolgsgeschichte ohne Scheitern. Damit würde aber ein wichtiger Moment seiner Sendung fehlen. Schließlich betont Jesus selbst immer seine Sendung für Viele und sieht sich auf vielfache Weise gerade an der Seite der Gescheiterten. Damit tritt Jesus in die Tradition des messianischen Gesandten beim Propheten Jesaja (vgl. Lk 4,16ff.). Dessen Gottesknechtlieder versteht die Christologie bereits früh als Ankündigung des Lebens und der Sendung Jesu und damit auch des leidenden Christus.

Jesus Christus erscheint als göttlicher Gesandter, der die Menschen nicht bemitleidet, sondern mit ihnen leidet. So ist es nur konsequent, dass Jesus am Ende seiner Erfolgsgeschichte selbst Scheitern erfährt. Schließlich gehören Scheitern, Leiden und Tod zur Wirklichkeit menschlichen Lebens. Würde dieser Teil ausgeblendet, würde ein wichtiger Teil menschlicher Realität verneint. Unsere Gesellschaft blendet in der Tat Scheitern, Leid und Tod weitestgehend aus. Der stille Karfreitag holt genau diese Aspekte ein. Hier findet der Mensch mit seinem Scheitern Raum und darf sich in seinem Leid von Gott angenommen wissen.

Jesu selbst sieht in Leiden und Tod die konsequente Erfüllung seiner Sendung und nimmt daher auch die Schmach des Kreuzes auf sich. Er sagt selbst von sich: „Der Menschensohn ist nicht gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld hinzugeben für die vielen“. (Mk 10,45) Erst mit seiner Hingabe bis ans Kreuz wird Jesus seiner Sendung für die Vielen wirklich gerecht.

Ostern ohne Karfreitag wäre sinnlos! Denn nur der Karfreitag holt auch das Leid des Menschen ein. Er eröffnet Menschen mit ihrer Erfahrung von Leid und Tod die Möglichkeit, an einen mitgehenden Jesus Christus zu glauben. In seinem Leiden darf sich der leidende Mensch begleitet wissen. Wie der Weg Jesu in die Auferstehung mündet, darf auch der Leidende auf das österliche Leben hoffen. Deshalb verkündigen wir Christus als den Gekreuzigten, Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit (vgl. 1 Kor 23f.).

Erstveröffentlichung in Franziskaner Mission 1 / 2018


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