Bruder Cornelius Bohl

Opfer

Bedingungslose Hingabe

"Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt bringt es reiche Frucht!" Dieses Wort Jesu im Johannesevangelium (Joh. 12:24) verdeutlicht den Sinn des Opfers aus christlicher Sicht. Bild von H.-M. Fischer / pixelio.de
„Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt, bleibt es allein, wenn es aber stirbt bringt es reiche Frucht!“ Dieses Wort Jesu im Johannesevangelium (Joh. 12:24) verdeutlicht den Sinn des Opfers aus christlicher Sicht. Bild von H.-M. Fischer / pixelio.de

Immer wieder werden Menschen Opfer von Hass und Gewalt: NS-Opfer, Missbrauchsopfer, Terroropfer. Es gibt Opferverbände und Opferberatung. Solidarität mit den Opfern ruft nach politischem und gesellschaftlichem Engagement,damit der Mensch nicht mehr Opfer des Menschen wird. Ein anderer Opferbegriff dagegen fördert menschenverachtende Gewalt: Ungezählte Menschen werden in sinnlosen Kriegen „auf dem Altar des Vaterlandes geopfert“. Pathetische Opferrhetorik totalitärer Systeme missbraucht Frauen und Männer für ideologische Ziele. Fanatisierte Selbstmordattentäter „opfern“ das eigene Leben,um Tod und Zerstörung zu bringen.

Von Haus aus ist das Opfer ein religiöser Begriff. Fast alle Religionen kennen kultische Opfer. Der Mensch „opfert“ (und das heißt: er zerstört!), was ihm lieb und wertvoll ist, um mit der Gottheit in Kontakt zu treten. Wer lebenswichtige Haustiere tötet oder Nahrung verbrennt, setzt sich existenziell und radikal in Beziehung zu einer Wirklichkeit, die ihn übersteigt. Leicht aber verkommt der archaische religiöse Akt zur magischen Ersatzhandlung: Ich opfere „etwas“, um mich selbst aus dieser transzendenten Beziehung gerade herauszuhalten. Hier setzt die alttestamentliche Opferkritik ein: „Das Opfer der Frevler ist dem Herrn ein Gräuel“ (Spr 15,8), „Gerechtigkeit üben und Recht ist dem Herrn lieber als Schlachtopfer“ (Spr 21,3).

Im Christentum wurde das Opfer zu einer (keineswegs der einzigen!) Deutungskategorie für den Tod Jesu: Er hat sich Gott als makelloses Opfer dargebracht (vgl. Hebr 9,14), um „Sühne zu leisten mit seinem Blut“ (Röm 3,25). Das kann schnell zu einem problematischen Gottesbild führen: Was ist das für ein Gott, dessen Zorn über die Sünde des Menschen durch den grausamen Tod seines Sohnes besänftigt werden müsste?! „Wie war es mit einem Male zu Ende mit dem Evangelium! Welches schauderhafte Heidentum“, urteilt Nietzsche. Die Rede vom Opfertod Jesu kann missverstanden werden. Dennoch eröffnet sie einen zentralen Zugang zum Christusereignis: Jesus war nicht nur eines von vielen unschuldigen Opfern politischer Gewalt. Sein ganzes Leben war Dasein für uns. Und das hält er auch durch, als er abgelehnt wird. Die Eucharistie setzt fort, was als Grundthema seines Lebens am Kreuz kulminiert: „Mein Leib, hingegeben für euch, mein Blut, vergossen für euch“ (vgl. Lk 22,19f.). Er schenkt sich uns bis in den Tod.

Christen können Gott keinerlei Opfer mehr bringen. Gott hat sich in Jesus auf eigene Kosten so radikal und endgültig für Mensch und Welt engagiert, dass es völlig absurd wäre, wenn wir ihm darüber hinaus noch etwas geben und da mit etwas von ihm erreichen wollten. Wenn Paulus dennoch auffordert,uns Gott als „lebendiges Opfer“ darzubringen (vgl. Röm 12,1), dann lädt er dazu ein, uns im Alltag in die Hingabe-Bewegung Jesu einzuklinken und uns in der Gemeinschaft mit ihm füreinander zu verschenken. In diesem Sinn lebt jede glückende menschliche Beziehung auch von „Opfern“, das heißt von der Bereitschaft, sich selbst zu investieren und „hinzugeben“, auch wenn es wehtut. Solches „Opfern“ aber hat weniger mit passivem Erdulden zu tun als vielmehr mit einem leidenschaftlichen Engagement in der Nachfolge Jesu.

Erstveröffentlichung Zeitschrift, „Franziskaner“ Frühjahr 2015


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