Thomas Meinhardt

Papst Franziskus: Hoffnung auf eine erneuerte Kirche

Ein Papst der sich nicht nur menschlich und barmherzig verhält, sondern auch deutliche Botschaften formuliert.

„Was für ein Comeback!“, würde man im Sport sagen. Das ohnehin schon recht geringe öffentliche Ansehen der Kirche war durch zahlreiche Skandale an einem Tiefpunkt angelangt.

Papst Franziskus trifft den Generalminister des Franziskanerordens Bruder Michael Perry in der Einsiedelei Carceri in Assisi (Okt. 2013). Bild von ofm.org
Papst Franziskus trifft den Generalminister des Franziskanerordens Bruder Michael Perry in der Einsiedelei Carceri in Assisi (Okt. 2013). Bild von ofm.org

Bis zur Wahl des neuen Papstes kam das Auftreten von Papst und vielen Bischöfen den meisten Zeitgenossen vor „wie aus der Zeit gefallen“, bestenfalls wurde es als skurril erlebt. Statt die befreiende Botschaft des Evangeliums zu verkünden, schien eine angstbesetzte Kontrolle des einzig rechtmäßigen Glaubens und der Glaubenden zum wesentlichen Ziel der Kurie geworden zu sein. Höfisch anmutende Aufführungen dokumentierten, dass man nicht verstanden hatte, dass die „Monarchie “ als „Staatsform“ nur noch für die bunten Illustrierten und den Boulevard taugt, aber kein ernsthaftes Angebot für die Menschen des 21. Jahrhunderts ist. Und nun dies: Die katholische Kirche ist in aller Munde, aber dieses Mal nicht mit Negativ-Schlagzeilen. Sie sieht sich konfrontiert mit riesigen Erwartungen und Wünschen – erstaunlicherweise nicht nur vonseiten der Katholiken. Viele Menschen, die schon lange meinten, nichts mehr mit Glauben und Kirche zu tun zu haben, zeigen hoffnungsfrohe Emotionen. Unerwartet ist dieser Aufbruch auch für große Teile des deutschen Kirchenvolks in eine Phase von Depression und Rückzug hereingebrochen. Ausgelöst hat dies alles die Wahl eines weitgehend unbekannten argentinischen Kardinals zum Papst. Gewirkt hat nicht etwa eine große programmatische Rede dieses Mannes, sondern einige wenige symbolische Gesten. Er verzichtet auf Pomp und höfisches Zeremoniell, spricht wie ein normaler Mensch mit seinen Mitmenschen auf Augenhöhe. Er fährt mit Bus und U-Bahn, wäscht jugendlichen – auch weiblichen – Häftlingen am Gründonnerstag die Füße und unterhält sich mit ihnen. All das findet seinen passenden Ausdruck in der Namenswahl: Franziskus! Wie kein anderer Heiliger steht er für die Hinwendung zu den Armen und Ausgeschlossenen. Ein deutliches Signal: Dieser Papst will seinen Wunsch nach einer armen und den Armen dienenden Kirche nicht nur als frommes Symbol verstanden wissen, sondern als gelebte Realität der Kirche Jesu Christi. Und damit, so Kardinal Reinhard Marx, steht die Kirche vor einem grundlegenden Perspektivwechsel.

Trügerische Illusion oder eine realitätstüchtige, einlösbare Vision? Ob sich Kirche erneuern kann, ob sie sich auf den Weg zu einer armen und den Armen dienenden Kirche macht oder welche der mit ihm verbundenen Hoffnungen und Wünsche des Kirchenvolkes nach einem Aufbruch Papst Franziskus tatsächlich teilt, kann wohl noch niemand wirklich beurteilen.

Seid keine Kontrolleure des Glaubens!

Das hervorstechendste Merkmal von Jorge Mario Bergoglio ist wohl seine Authentizität: Er lebt, was er sagt. Und er positioniert sich nicht nur in der Armutsfrage und in der grundlegenden Kritik am kapitalistischen Wirtschaftssystem. Auch in zwei weiteren zentralen Punkten macht er deutlich, wo er steht: Er kritisiert die mangelhafte Umsetzung des Zweiten Vatikanischen Konzils in der Kirche, ja den Versuch, hinter das Konzil zurückzugehen, als „Versuch, den Heiligen Geist zu zähmen“. Weniger mediale Aufmerksamkeit erlangte eine weitere Aussage des Papstes, die er während einer Frühmesse am 25. Mai formulierte: „Wer sich der Kirche nähert, muss dort offene Türen vorfinden und keine Kontrolleure des Glaubens.“ Das klingt wie ein Gegenentwurf zur Politik seines Vorgängers, Benedikt XVI., des ehemaligen Präfekten der Glaubenskongregation, und weckt Hoffnungen auf eine offenere und lebendigere Kirche.

Jeder ist mitverantwortlich

Viele Kommentatoren haben versucht, diese ungeheure mediale Aufmerksamkeit zu deuten. Weshalb löst dieser Mensch solche Hoffnungen aus? Natürlich versteht sich die katholische Kirche auf medienwirksame Inszenierungen, und richtig ist auch, dass ein Papst einer der ganz wenigen weltweit Prominenten ist. Und das er sich nach Franziskus – dem „Mensch des Jahrtausends „, wie eine Umfrage des Nachrichtenmagazins TIME Magazine vor mehr als zehn Jahren ergab – benannte, weckt weit über die Christenheit hinaus große Erwartungen. Offensichtlich gibt es bei sehr vielen Menschen eine große Sehnsucht nach Glaubwürdigkeit, Bescheidenheit, Solidarität und die Rückbesinnung auf die zentralen Werte des Lebens. Und genau dies vermittelt Papst Franziskus auf einfache, verständliche und eindrückliche Weise. Doch eine wirklich erneuerte Kirche kann es nur geben, wenn die Christen sich jetzt nicht zurücklehnen und abwarten, ob der Papst nun alle Probleme der Kirche und am besten gleich der Welt löst. Solche Heilserwartungen an einen einzelnen Menschen sind – wie schon bei der Wahl von Präsident Obama zu beobachten war – populär. Und sie sind vor allem bequem, denn sie bürden das Denken, Entscheiden und Handeln anderen auf. Zwangsläufig stehen am Ende eines solchen Weges große Enttäuschungen. Eben noch zum Heilsbringer erkoren, heißt es dann morgen: „Kreuzigt ihn!“

Wenn das nicht eintreten soll, muss sich das Volk Gottes, das heißt jede und jeder Einzelne, selbst als verantwortlich für sich und für ihre und seine Kirche begreifen. Dann geht es darum, gemeinsam am Reich Gottes zu bauen, dann kann die Kirche zu einem Instrument der Befreiung werden. Da Menschen meist dann bereit sind, sich zu engagieren, wenn sie wertgeschätzt werden und tatsächlich etwas bewegen können, liegt es auch an Papst und Bischöfen, dem Volk Gottes realen Gestaltungsraum in der Kirche zuzugestehen und die Laien nicht nur als Empfänger von Weisungen zu begreifen, deren Mitverantwortung nur dann betont wird, wenn man von den eigenen Fehlern und der realen Machtausübung ablenken möchte.

Den Fussspuren Jesu folgen

Zeichnung von Michael Blasek, "Franziskanerinnen und Franziskaner packen mit an bei der "Erneuerung der Kirche"
Zeichnung von Michael Blasek, „Franziskanerinnen und Franziskaner packen mit an bei der „Erneuerung der Kirche“

Auf den zweiten Blick ist die Begeisterung für diesen Papst bei Bischöfen und Kirchenvolk in Deutschland jedoch erstaunlich, wenn bedacht wird, dass der Papst sich nicht nur menschlich und menschenfreundlich verhält, sondern auch deutliche Botschaften formuliert. Der klare Blick des neuen Kirchenoberhauptes auf die Nachfolge Jesu und auf die Verbundenheit mit den Armen und Ausgegrenzten faszinieren allein schon als Kontrastprogramm in einer Welt, in der Reichtum, Macht und ewige Jugend zählen. Doch was ist, wenn von uns mehr als eine verbale Zustimmung gefordert wird? Weder Bischöfe noch Priester noch das Kirchenvolk leben in der Regel arm und bescheiden. Die deutsche Kirche ist eine Mittelstandskirche, die den Armen bei uns und in der Welt zwar mithilfe von Caritas und Hilfswerken unter die Arme greift, doch nahe kommen wir den Ausgegrenzten selten. Und nun fordert dieser Papst, wir sollen an die Ränder der Gesellschaft gehen, mit den Armen tatsächlich in Kontakt kommen, ihnen auf Augenhöhe und nicht nur väterlich- sorgend mit Spenden, guten Ratschlägen und auf Distanz begegnen, unserer „Kultur des Wohlstandes“ entsagen, „die uns feige, faul und egoistisch “ habe werden lassen. Nehmen wir dies ernst, dann müssen wir über unseren Schatten springen, die Begegnung mit den Armen suchen, uns – wie einst der heilige Franz – von ihnen berühren lassen und anfangen, dafür zu kämpfen, dass sich auch die Strukturen, die Armut erst erzeugen, verändern. Keine leichte Aufgabe, zumal wir alle – die Kirche und die Christen in Deutschland – bisher materiell von diesen Strukturen eher profitiert haben.

Folgen wir hier immer noch Papst Franziskus, dann bedeutet dies einen grundlegenden Wandel. Dann stellt dies, wie es Kardinal Marx formulierte, für die ganze Kirche eine große Herausforderung dar, die sich nur langsam Schritt für Schritt begreifen lasse. Und dieser Weg wird kaum möglich sein ohne einen Bekehrungsprozess, wie ihn etwas die Kirche Lateinamerikas unter dem Stichwort „Option für die Armen“ durchlaufen hat. Wir müssten miteinander ergründen, wo „unsere Armen“ sind und ob wir ganz und gar bereit sind, den Fußspuren Jesu zu folgen.

Dass solche Fragen und Herausforderungen wieder in den Fokus der ganzen Kirche geraten sind, dafür hat Papst Franziskus gesorgt. Nun müssen wir Christen uns entscheiden, ob wir uns wirklich darauf einlassen wollen.


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