Bruder Franz Josef Kröger

Portiunkula und Santa Maria degli Angeli

Ein Stück Erde für den Poverello

Detail eines Freskos mit der Darstellung Christi und Marias im Gewölbe der Portiunkula-Kapelle. Foto von Kerstin Meinhardt.
Detail eines Freskos mit der Darstellung Christi und Marias im Gewölbe der Portiunkula-Kapelle. Foto von Kerstin Meinhardt.

Die Portiunkula-Kapelle im Tal von Assisi gelegen hat für Franziskus eine ganz besondere Bedeutung. Hier hat er nach langem Suchen und Ringen den Auftrag Jesu konkret vernommen.

Ebenso wie das Kirchlein San Damiano hat Franziskus auch diese Kapelle eigenhändig wieder aufgebaut. So wird die Portiunkula zeichenhaft zu einem Ort aus dem das neue Leben für Franziskus und seine Bruderschaft erwächst. Wie Christus die Jünger, sendet Franziskus die Brüder aus. Sie sollen das Evangelium allen Geschöpfen verkünden.

In unmittelbarer Nähe befindet sich auch die Transituskapelle. Hier lag Franziskus der Legende nach in seiner Sterbestunde nackt auf der bloßen Erde. Noch im Sterben hielt Franziskus an seiner „Herrin Armut“ fest.

Im 16. Jahrhundert wurde die kleine Portiuncula mit samt der Transituskapelle in den Neubau der mächtigen päpstlichen Basilika Santa Maria degli Angeli integriert.

Portiunkula – Ein Ort für die „Ewigkeit“

Eingeborgen in der großen Basilika. Das Kirchlein Portiunkula, die Keimzelle des Franziskanerordens. Foto von Kerstin Meinhardt.
Eingeborgen in der großen Basilika. Das Kirchlein Portiunkula, die Keimzelle des Franziskanerordens. Foto von Kerstin Meinhardt.

„Seht zu, meine Söhne, dass ihr diesen Ort niemals verlasst. Wenn ihr auf der einen Seite hinausgejagt werdet, geht auf der anderen wieder hinein; denn dieser Ort ist wahrhaftig heilig und die Wohnstätte Gottes.“ (1 Cel 106) Für Franziskus ist die Portiunkula als Ort franziskanischer Präsenz eine „gesetzte Größe“, nicht verhandelbar, ein Ort für die „Ewigkeit“. Seitdem sind 800 Jahre vergangen. Der Ort ist geblieben. Aber das Gesicht dieses Ortes hat sich verändert. Spätestens seitdem 1569 mit dem Bau der riesigen Basilika begonnen wurde. Nun genießt die kleine Portiunkula-Kapelle den Schutz starker Mauern. Andere sind vielleicht ähnlicher Meinung wie Carlo Caretto, der einmal über die Portiunkula gesagt hat: „Schade, dass ihr über dieser Armut und Kleinheit eine so große Kuppel aufgewuchtet habt.“ Eine Kirche – mit zwei Gesichtern.

Ein Zwiespalt überfällt mich, wenn ich die Basilika Santa Maria degli Angeli aufsuche. Über einen weitläufigen freien Platz betrete ich den riesigen Bau – und mittendrin diese kleine Kapelle, die Portiunkula-Kapelle. Ein eigenartiger Kontrast: die Basilika, irgendwie leer, aber laut; irgendwie einfach und schlicht gehalten und doch voller Aufwand. Menschen gehen umher, unterhalten sich. Unruhig ist es tagsüber. Ein Gefühl von Verlorenheit kann aufkommen. Bis das Herzstück, die „Seele“ dieser Kirche, in den Blick gerät: die Portiunkula-Kapelle, auf den ersten Blick ein „Stein des Anstoßes“ in der Architektur der Kirche. Wie ein Fremdkörper wirkt sie zunächst. Und doch zieht sie fast magisch den Blick auf sich. Mit ihren farbenfrohen Bildern, mit den geschichtsträchtigen, quaderförmigen Steinen wirkt sie trotz ihres Alters sehr lebendig. Sobald ich die enge Kapelle betrete, bleiben der Lärm und die Unruhe draußen. Eine andere Welt, die sich auftut. Hier sind die Beter versammelt. Eine andächtige Stille füllt den Raum. Ein Gefühl wohltuender Zeitlosigkeit macht sich breit. Es berührt mich eigenartig, wenn ich daran denke, dass Franziskus hier selbst Hand angelegt haben soll. Dass in dieser Kapelle Steine sind, die er mit eigenen Händen angefasst, bearbeitet, getragen und gemauert haben soll. Die Nähe des Heiligen wird hier für mich handgreiflich spürbar. Die alten Mauern scheinen zu atmen – voller Geist und Leben.

Ein Ort, der Klarheit bringt

Die Basilika Santa Maria degli Angeli ist weit über die umbrische Ebene sichtbar.
Die Basilika Santa Maria degli Angeli ist weit über die umbrische Ebene sichtbar.

Dabei sind sich die Quellen nicht ganz einig, wie Franziskus und seine Brüder an diese „Wohnstätte Gottes“ gelangt sind. Der erste Biograf, Thomas von Celano, schreibt: „Als er [Franziskus] damit [Aufbau der Kapelle von San Damiano] fertig war, zog er weiter und kam an einen Ort, der Portiuncula genannt wurde. In früherer Zeit hatte man hier eine Kirche zu Ehren der Mutter Gottes errichtet. Jetzt aber war die Kirche verlassen, und niemand kümmerte sich um sie.“ (1 Cel 21)

In dieser Kapelle – so erzählt Thomas von Celano – endet für Franziskus die Zeit des Suchens und Fragens. Die Stimme des Gekreuzigten hatte Franziskus in der verfallenen Kapelle von San Damiano aufgefordert, „sein Haus wieder herzustellen“. Franziskus hatte sich fraglos darauf eingelassen und die verfallene Kapelle renoviert. Seitdem war wohl einige Zeit vergangen. Aber Franziskus hatte immer noch keine letzte Klarheit darüber gewonnen, wie sein Weg weitergehen sollte.

In der Portiunkula hört Franziskus eines Tages während eines Gottesdienstes das Evangelium von der Aussendung der Jünger. Franziskus fühlt sich auf einmal direkt angesprochen. Dabei hatte er diese Worte vermutlich schon oft gehört. Aber es gibt Momente, wo etwas für mich zu sprechen beginnt, wo mir Augen und Herz aufgehen und ich auf einmal Klarheit darüber gewinne, was nun zu tun ist. Wo Worte nicht mehr nur mein Ohr erreichen, sondern mein Herz. Danach weiß er: Das ist es, was ich will, das ist es, was ich suche, das verlange ich aus innerstem Herzen zu tun.

So wird die Portiunkula-Kapelle für Franziskus zum Geburtsort eines neuen Lebens. Gott hat ihn endgültig für sich gewonnen, Franziskus endlich seine große Liebe gefunden. Auf einmal scheint alles so klar. Seine Selbstzweifel lösen sich, seine Ungewissheit klärt sich. Seine Unruhe legt sich. In seinem Testament wird Franziskus es später so beschreiben: „Und nachdem mir der Herr Brüder gegeben hatte, zeigte mir niemand, was ich tun sollte, sondern der Höchste selbst hat mir offenbart, dass ich nach der Form des heiligen Evangeliums leben sollte. “ (Test 14) Das ist typisch Franziskus. Bei aller Demut, die er sonst an den Tag legt, seine Weisungen nimmt er nur vom „Herrn“ entgegen.

Für Franziskus ist die Portiunkula nicht nur der Geburtsort seines neuen Lebens mit und in Gott, sondern auch der Ort, an dem er sein Leben vollendet. Hinter der Portiunkula-Kapelle befindet sich an der rechten Seite die „Transituskapelle „. Der Ort, an dem Franziskus sein Leben in die Hände des lebendigen Gottes zurückgegeben hat. Nackt lässt er sich auf die Erde legen. „Auch in dieser letzten Stunde“, so schreibt sein Biograf Thomas von Celano, „wollte er frei von jeglichem Besitz“ sein. Nackt, wie er geboren war, wollte er vor seinen Schöpfer treten. Auch im Sterben hat Franziskus an seiner „Herrin Armut“ festgehalten.

Eine Kirche mit zwei Gesichtern

Eine alte Legende besagt, hier in der Transituskapelle liege das Herz des Heiligen begraben, während sein Leichnam in die Basilika San Francesco überführt worden ist. Rechter Hand der Transituskapelle gelangt man in die Sakristei mit ihren sehenswerten Holzschnitzwerken aus dem siebzehnten Jahrhundert. Daran schließt auch ein Museum mit interessanten Ausstellungsstücken an, und es führt ein Weg zu den Resten des alten Klosters aus dem 14. Jahrhundert.

Auf dem Gang zur Sakristei und zum Museum fallen Pfeile an der Wand auf, die den Weg weisen zum Rosengarten. Eine Legende erzählt, dass Franziskus hier einmal in Wintertagen vom Teufel versucht worden sei. In seiner Not habe er sich nackt ausgezogen und in das Dornengestrüpp geworfen, um so der Versuchung Herr zu werden. Plötzlich sei ein helles Licht erschienen und das Rosengestrüpp habe mitten im Winter weiße und rote Blüten getragen und die Dornen seien abgefallen.

Wer sich selber überzeugen will, kann sich die Rosen anschauen. Als lokale Rosenart tragen sie bis heute keine Dornen.

Wer die Basilika verlässt und in das meist pulsierende Leben von Pilgern und Touristen auf dem Vorplatz der Basilika eintaucht, der ist manchmal vielleicht ein wenig verwirrt angesichts der beiden Gesichter von Kirche, die sich hinter diesen Mauern verbergen. Man kann sie als Gegensatz deuten und sich daran reiben. Man kann sie aber auch als zwei Pole oder Brennpunkte der einen Kirche sehen, die sich ergänzen. Um ein Gleichgewicht zwischen einem einfachen Leben in der Nachfolge Christi und dem Wunsch, dass für Gott nichts gut genug sein kann, muss immer wieder gerungen werden. Eine Spannung, die Franziskus selbst auch gekannt hat: Für sich selbst wollte er nichts – für die Feier der Eucharistie sollte es immer nur das Beste sein.

Wer die Möglichkeit dazu hat, der sollte die Portiunkula in den frühen Morgenstunden oder in den späteren Abendstunden besuchen, wenn der Strom der Besucher noch nicht eingesetzt hat oder wieder abgeklungen ist. Dann kann ich am besten „Frieden schließen“ mit den zwei Gesichtern von Portiunkula.

Fassade der Basilika Santa Maria degli Angeli. Foto von Kerstin Meinhardt.
Fassade der Basilika Santa Maria degli Angeli. Foto von Kerstin Meinhardt.

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