Bruder Natanael Ganter

Von Brautexerzitien zu Ehevorbereitungsseminaren

Franziskanische Erwachsenenbildung

„Willkommen in Haus Ohrbeck. Ich bin Bruder Thomas!“ Der Franziskaner steht strahlend vor einer Gruppe von 25 leitenden Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Stadt Osnabrück, die zu einer Schulung zum Thema „Teamführung“ in das nahe gelegene Holzhausen gekommen sind, und erklärt ihnen die Spielregeln: Wie läuft der Tag ab, wie sieht das Programm aus, wo befindet sich der Raucherbereich, und wer benötigt vielleicht eine spezielle Diät zum Mittagessen?

 

Bruder Thomas Abrell,: "Wir tagen im Kloster Ohrbeck", sagen die Leute und erwarten entsprechend eine sehr "fromme und katholische" Umgebung. Das Erlebnis von Haus Ohrbeck entspricht dann aber oft ganz und gar nicht dem Klischee - in positivem Sinne!
Bruder Thomas Abrell,: „Wir tagen im Kloster Ohrbeck“, sagen die Leute und erwarten entsprechend eine sehr „fromme und katholische“ Umgebung. Das Erlebnis von Haus Ohrbeck entspricht dann aber oft ganz und gar nicht dem Klischee
– in positivem Sinne!

„Es ist uns wichtig, jede Gruppe in unserem Haus zu begrüßen und willkommen zu heißen“, erklärt Thomas Abrell OFM, „auch diejenigen, die ihre eigene Kursleitung mitbringen. Neben dem Klären von organisatorischen Details wollen wir die Gruppen auch auf die Gebetszeiten hinweisen. Und aufklären, dass wir hier ein franziskanisches Haus sind“, fügt er schmunzelnd hinzu.

Seit 1918 leben die Franziskaner in Holzhausen, einem Vorort von Osnabrück. Dank einer großzügigen Landspende von Bauer Poggemann aus Westrup konnten sie sich mit dem Segen von Bischof Berning hier niederlassen und wurden von diesem mit der Pfarrseelsorge betraut. Nach der Errichtung des Klosters und einer ersten kleinen Kirche wurde am 20. September 1926 das Exerzitienhaus als „Stätte religiöser Erneuerung“ eröffnet. Die Bildungsarbeit begann mit der Fortbildung im innerkirchlichen Bereich für Sakristane, Lektoren und Seelsorger.

Seither hat sich viel getan in Holzhausen. Das Exerzitienhaus mauserte sich zur katholischen Erwachsenen-Bildungsstätte und wurde vom Land Niedersachsen als Heimvolkshochschule staatlich anerkannt. Heute arbeiten 40 Menschen in dem Bildungshaus. Jedes Jahr nehmen rund 15.000 Personen an den mehr als 650 verschiedenen Kursen teil. Die 52 Einzel- und 26 Doppelzimmer sind fast jede Nacht ausgebucht.

 

Gruppenarbeit während der "Bibelwoche" im Bildungshaus Ohrbeck
Gruppenarbeit während der „Bibelwoche“ im Bildungshaus Ohrbeck

Auch wenn sich das Bildungsangebot erweitert und verbreitert hat, die Grundmotivation des ursprünglichen Exerzitienhauses, die religiöse Erneuerung, hat sich nicht geändert. – Aber die Begriffe haben sich gewandelt. Was früher „Brautexerzitien“ hieß, kennt man heute als „Ehevorbereitungsseminar“.

Zudem haben sich die Methoden verändert, die Ziele sind jedoch gleich geblieben. Hier: die innere Vorbereitung auf einen neuen Lebensabschnitt in Verantwortung für Familie und Partnerschaft.

Nicht nur für „Treue“ Katholiken

Bildungshaus Ohrbeck bei Osnabrück, Gartenansicht im Frühling, Bild von Kerstin Beimdiek
Bildungshaus Ohrbeck bei Osnabrück, Gartenansicht im Frühling, Bild von Kerstin Beimdiek

Obwohl das Bildungshaus in der Trägerschaft von Bistum Osnabrück und dem Franziskanerorden steht, spricht es nur zum Teil typische Gottesdienstbesucher an. In seiner Medienarbeit bezeichnet sich Haus Ohrbeck selbst nicht als Kloster, wird aber von vielen Menschen als solches wahrgenommen. „Wir tagen im Kloster Ohrbeck“, sagen die Leute und erwarten entsprechend eine sehr „fromme und katholische“ Umgebung.

„Nicht dass wir etwa nicht fromm oder nicht katholisch wären“, beteuert Bruder Thomas augenzwinkernd, „aber die Assoziationen der Gäste bei diesen Begriffen sind leider oft andere: zwanghaft, rückwärtsgewandt und engstirnig.“ Das Erlebnis von Haus Ohrbeck entspricht dann auch ganz und gar nicht dem Klischee. Denn die meditative Atmosphäre des Hauses vermittelt eine spirituelle und geistige Weite. Viele Menschen sind daher überrascht und nehmen eine positive Erfahrung von Kirche mit nach Hause.

Die Franziskaner von Holzhausen verstehen sich durchaus auch als Missionare. Ein Besuch im Bildungshaus ist für manche Menschen eine zarte Einladung zum wieder anknüpfen an gebrochene Glaubensbiografien. Mission ist zunächst Begegnung – eine positive Begegnung, die auch von den vielen evangelischen Christen, Muslimen, Ausgetretenen oder Atheisten geschätzt wird, die als Teilnehmende kommen.

Eine „Unternehmensstrategie“ der Einrichtung ist somit auch das Entwickeln von Angeboten für nichtkirchliche Gruppen und Einzelpersonen. Neben den hauseigenen Veranstaltungen werden auch Gastgruppen mit eigener Leitung und Programm beherbergt. Dabei versteht sich Haus Ohrbeck aber nicht als „Tagungshotel“, denn die Kurse werden von der Hausleitung ausgesucht und müssen in das Profil des Hauses passen.

Das Ziel heißt Begegnung

Hauskapelle, Bild von Kerstin Beimdiek
Hauskapelle, Bild von Kerstin Beimdiek

In den eigenen Seminaren gilt grundsätzlich: Der Mensch ist wertvoll und steht im Mittelpunkt. Er bringt seine Fähigkeiten mit und die Kurse sollen ihm helfen, diese zu entdecken und weiterzuentwickeln. Die Referentinnen und Referenten versuchen die Bedürfnisse aufzugreifen und immer den Menschen zugewandt zu arbeiten und nicht nur das vorgegebene Kursziel im Auge zu behalten. Gleich wie die Vorgaben durch das Kursprogramm lauten, es soll immer Platz für persönliche Fragen geben. Wenn zum Beispiel Soldaten der Bundeswehr nach einem Auslandseinsatz in Afghanistan zu einer Nachbereitung nach Ohrbeck kommen, so ist es an dem Referenten oder der Referentin, Christus in jedem Menschen zu sehen.

Auch die Kapelle im Bildungshaus entspricht diesem einladenden und offenen Verständnis: ein bewusst schlicht gehaltener Raum mit angenehmen Farben, Formen und Materialien. Grundsätzlich sind alle Kursteilnehmer herzlich zur Eucharistiefeier willkommen. Eventuell auch mit der Einladung, sich segnen zu lassen, statt an der Kommunion teilzunehmen.

„Bildungsarbeit ist für mich Mission und Evangelisierung“, sagt Bruder Thomas. „Nicht nur spezifische Wissensvermittlung spielt dabei eine Rolle, sondern der ganzheitliche Wertekanon unseres franziskanischen und christlichen Charisma spielt hier zusammen in einer Musik.“


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.