19.04.2017 Chi Thien Vu ofm

Sa bai dee – Hallo, wie geht es Dir?

Ein Erfahrungsbericht von Bruder Chi Thien Vu

„Sa bai dee – Hallo!“ Ankunft von Bruder Chi Thien Vu bei den Franziskanern in Laos.

Mein Name ist Chi Thien Vu, Mitglied der Deutschen Franziskanerprovinz. 1983 bin ich als vietnamesicher Bootsflüchtling nach Deutschland gekommen, das mir und vielen anderen Vietnamesen eine Heimat gegeben hat.

Im Leben kommt einmal die Phase, in der man sich die Frage stellt, woher man kommt. Bei vielen Begegnungen wurde ich immer wieder mit dieser Frage konfrontiert. Es kann ein Land sei, ein Ort oder ein spiritueller Ort, in denen man seine Heimat findet. Ganz konkret lebe ich als Vietnamese in Deutschland, also ein deutscher Vietnamese. Um dieser Frage nachzugehen, habe ich die Gelegenheit, das Land Vietnam (geographisch) und die Franziskanergemeinschaft dort (spirituell) kennen zu lernen. Es ist eine Reise, die ich dankbar annehme.

Dabei sind mir folgende Intentionen wichtig:

  1.  Kennenlernen der Franziskaner in Vietnam und deren Missionstätigkeit vor Ort. Mit der Frage, wie betreiben sie heute Mission, möchte ich geistig und physisch „live“ dabei sein, um Gottes Gegenwart bei den Menschen zu spüren.
  2. Durch die Annäherung der beiden Provinzen in Deutschland und Vietnam habe ich die Hoffnung auf eine zukünftige Zusammenarbeit, um uns geistig und kulturell gegenseitig zu stärken.
  3. Durch die Kontakte mit den Menschen hoffe ich, spirituell und heimatlich meine Wurzel wiederzufinden. Vielleicht finde ich Antworten auf die Fragen: Woher komme ich, was ist aus diesem Land geworden, werde ich hier einen Platz finden? Es ist eine Reise, die ich dankbar annehme.

Am Flughafen von Saigon (heute: Ho Chi Minh Stadt) angekommen, wurde ich von einem Mitbruder freundlich empfangen und von einem bekannten Taxifahrer zum Klosterdistrikt 1 Dakao gebracht. Kaum waren wir aus dem Flughafengelände in Richtung Stadt gefahren, steckten wir auch schon im Stau. Es ist eher ein „Stop and go“, da einfach zu viel Verkehr ist und die Straßen eng sind. Autos und Mopeds fahren so dicht nebeneinander, dass jemand aus Deutschland erst einmal einen Schock bekommt und sich fragt, wie man bei einem solchen Verkehr überhaupt fahren kann. Verkehrsschilder sind zwar zu sehen, doch niemand kommt auf die Idee, sich daran zu halten. Es ist ein Wunder, dass wir uns weiter bewegen konnten.

In Dakao/Zentrum liegt das Kloster/Provinzialat der vietnamesischen Provinz des heiligen Franziskus. Am Kloster angekommen, konnte ich einige bekannte Gesichter wiedersehen, da ich im Jahre 2013 zum zweiten Mal in Vietnam war: Es tat gut!

Nach ca. zwei Wochen des Einlebens konnte ich mich mit Bruder John of God Phuoc zusammensetzen, um einen Plan für die kommenden zwei Jahre aufzustellen. Es ist lediglich eine Richtungsangabe, wann und wo ich die Zeit in den Häusern der Provinz verbringen werde.

In der dritten Woche unternahm Bruder John of God Phuoc eine Pilgerreise mit einer Gruppe aus der Pfarrei nach Pakse und Umgebung in Laos. Er bot mir an, sie zu begleiten, um die Missionsarbeit der Franziskaner näher kennen zu lernen.

Wir fuhren mit einem Reisebus, der Liegesitze hat. In aller Frühe (03:00 Uhr morgens) fuhren wir von Saigon (Ho Chi Minh Stadt) los in Richtung kambodschanischer Grenze. Wir fuhren durch Kambodscha und kamen zur Grenze nach Laos. Ich musste als Deutscher zweimal Visagebühren (Kambodscha und Laos) bezahlen. Jedes Visum kostet 30 Dollar. Doch beim Bezahlen musste ich 35 Dollar zahlen. Darauf frage ich, warum 35 Dollar, wenn auf dem Schild 30 Dollar für Deutsche steht? Der Beamte sprach zwei Worte Vietnamesisch: „An com“, d.h. „Essen Reis“. Ich verstand sofort, dass er etwas für sich aufgeschlagen hatte. Dies geschah auch an der kambodschanisch-laotischen Grenze. Die Fahrt von Saigon nach Pakse dauerte ungefähr 14 Stunden.

In Pakse angekommen, erfuhren wir, dass große Busse nicht ins Zentrum fahren dürfen. Bruder Huyen musste für uns Tuk-Tuk-Wagen (Wagen mit drei Rädern) bestellen, die uns zur Unterkunft brachten. Ich durfte im Pfarrheim der Gemeinde bleiben, während die anderen zum Hotel weiterfuhren.

 

Prozession der Pilger zum Wallfahrtsort in Pakse in Laos. Bild von Bruder Chi Thien Vu.

So betrat ich zum ersten Mal Laos

Seitdem lebe ich schon drei Wochen in Pakse. Anfangs war es eine Zeit zum Einleben. Ich wollte gerne die laotische Sprache näher kennenlernen. Anfangs habe ich mir selbst etwas beigebracht, später wurde ich von einer Lehrerin, die Vorschulkinder unterrichtet, begleitet. Sie ist von ihrem Ursprung her vietnamesisch, aber in Laos geboren und hier aufgewachsen. Insgesamt erhielt ich nur vier Stunden Unterricht.

Wie ist die laotische Sprache zu beschreiben? „Laotisch ist eine Tonsprache. Eine weitere Besonderheit im Vergleich zu europäischen Sprachen ist, dass es bei den Verschlusslauten nicht nur zwei Reihen (stimmlos – stimmhaft), sondern drei Reihen (asperiert – stimmlos – stimmhaft) gibt. Laotisch ist eine isolierende Sprache, die weder Deklination noch Konjugation kennt. Tempus und Numerus etc. verändern die Wörter nicht. Laotisch kennt keine Artikel und kein grammatisches Geschlecht. Die grundlegende Wortstellung im Satz ist Subjekt – Verb – Objekt. Die Schrift stammt aus Sanskrit.“ (entnommen aus Wikipedia)

Es ist nur eine kurze Beschreibung der laotischen Sprache, die ich ausnahmsweise aus Wikipedia entnehme. Da sie stimmt, habe ich keine Bedenken, sie hier anzuführen. Die Aussprache fällt mir leicht, während die Schrift für mich unbekannt ist. Man muss hier die Vokale und Konsonanten ganz von vorne lernen, also von A bis Z. Dennoch wage ich damit anzufangen; vor allem möchte ich mich auf das Sprechen und das Verstehen konzentrieren. Die Schrift ist zweitrangig. Ein Abenteuer! Ein wichtiger Satz den man immer wieder zur Begrüßung hört, ist: „Sa Bai Dee“ = Hallo. „Sa Bai Dee, Bo?“ (Wie geht es dir?).

Durch Gespräche mit dem Pfarrer Cha Thu und den anderen Priestern und Brüdern durfte ich einen kleinen Einblick in die Situation der Kirche in Laos gewinnen. Die laotische Kirche ist eine sehr junge Kirche. Besonders stark litt und leidet sie unter dem Kommunismus, der wie in Vietnam ab 1975 an die Macht kam. Es gibt vier Apostolische Vikariate in Laos: Vientiane, Luang Prabang, Savannakhet und Pakse. Der Apostolische Vikar von Pakse ist Bischof Louis Marie Lin Mangkhanekhoun. Die laotische Kirche befindet sich in einer schwierigen Situation, sowohl im Inneren wie auch von außen. Es gibt zu wenig Priester, die oft mehr als 60 Gemeinden versorgen müssen. Sie müssen lange Wege auf sich nehmen, um die Dörfer zu erreichen, damit sie mit den Gemeinden die heilige Messe feiern können. Und fast alle Orte sind nur sehr beschwerlich zu erreichen. Inzwischen bin ich schon fast zwei Monate in Laos. Zurückblickend kann ich über folgende Erlebnisse berichten:

 

Englischunterricht für die Kinder der Pfarrgemeinde in Paksong. Bild von Bruder Chi Thien Vu.

Das Leben mit den Brüdern in Pakse und Paksong

Die Idee, warum ich einige Zeit in Laos verbringen wollte, ist, die Mission der Franziskaner in Laos kennenzulernen. Vom Generalminister erhielten die Brüder in Vietnam vor etwa fünf Jahren den Auftrag, die Missionsarbeit in Laos und Kambodscha zu eröffnen. In diesen beiden Ländern leben die Christen in der Minderheit. Bruder Huyen, der anfangs in Kambodscha war, wurde nach Laos geschickt, um hier den Anfang zu machen. Es folgten Bruder Chinh und die Praktikanten, die nach der Philosophie ein Jahr der Praxis in verschiedenen Gemeinschaften absolvieren sollen. Bruder Huyen konnte mit viel Geschick ein Grundstück erwerben und ist nun dabei, einen eigenen Konvent zu bauen. Es ist nicht einfach, Grundstücke in Laos zu kaufen, wenn man nicht sesshaft ist oder keine laotische Staatsbürgerschaft besitzt. So tritt der Pfarrer von Pakse für die Sache ein.

Bruder Huyen lebt inzwischen schon ca. fünf Jahre in Laos. Die wichtigste Intention hier in der Mission richtet sich nicht nur auf die Neugetauften (also um möglichst viele Menschen zum Christentum zu bekehren), sondern auch, um für Nachwuchs in den kirchlichen Berufen zu sorgen. Pfarrer und Ordensleute nehmen Schüler und Schülerinnen auf. Diese kommen meist aus den christlichen Dörfern. Morgens gehen sie zur Schule, am Nachmittag haben sie Katechismusunterricht. Viele lernen auch Englisch. Englisch ist eine, neben Laotisch, sehr wichtige Sprache. Es ist in Laos sehr bewusst, dass Englisch eine Weltsprache ist. Mit Englisch kann man sich fast überall verständigen. In der Zeit der Globalisierung ist man mit Englisch in Vorteil. Junge Menschen, die etwas mit Englisch agieren können, arbeiten in besseren Positionen. Sie sind weltoffen und selbstbewusster als die, die kein Englisch beherrschen. Auch ich wurde gefragt, ob ich den Schülern etwas Englisch beibringen könne. In Paksong habe ich diese Möglichkeit. Wenn die Schüler gegen 16.00 Uhr von der Schule kommen, kommen sie zum Pfarrhaus, wo ich ihnen in Englisch helfen kann. Alle sind willig, diese Sprache zu lernen. Dabei haben sie beim Erlernen der europäischen bzw. lateinischen Sprachen große Schwierigkeiten. Denn sie müssen das lateinische Alphabet ganz neu lernen. Ich erinnere mich an meinen Griechisch- oder Hebräisch-unterricht.

Durch die Priester des Vikariats durfte ich immer wieder die Dörfer besuchen und mit den Menschen Gottesdienste feiern. Das sind meistens verschiedene ethnische Minderheiten, die in den Wäldern und Bergen leben. Diese Menschen sind sehr einfache, aber freundliche Leute, die man einfach gern haben muss. In ihrer Einfachheit sehe und spüre ich eine große Armut, die sie täglich neu überwinden müssen. Viele von ihnen haben Kaffeeplantagen. Als ich zum ersten Mal von Kaffeeplantagenbesitzern hörte, klang es in meinen Ohren nach Reichtum und Wohlstand. Aber das ist nicht die Realität. Die Menschen sind auf Grund ihrer Armut schon von Anfang an abhängig von den Kaffeekäufern,  d. h. sie müssen Geld von den Käufern für das Betreiben der Plantagen ausleihen. Sie bezahlen die Schulden mit der Ernte. Die Käufer können wiederum die Preise bestimmen. Meistens werden die Preise gedrückt, so dass es für die Plantagenbesitzer nur gerade zum Überleben reicht. Es gibt keine Gewerkschaften oder GEPA, die sich für die Rechte der Plantagenbetreiber einsetzen könnten.

Oft stelle ich mir die Frage, wie leben denn diese Menschen in ihrer Einfachheit? Natürlich haben sie nur das Notwendigste zum Leben, alles andere übersteigt ihre Lebensverhältnisse und wohl auch ihre Vorstellungen.

Andererseits sind die Laoten bemerkenswerte Menschen. Gerade ihre Einfachheit spiegelt ihre Haltung zum Leben und zu den materiellen Dingen. Das laotische Volk ist ein Volk der Bequemlichkeit und Schlichtheit. In den Gesprächen mit erfahrenen Priestern und anderen wurde immer wieder gesagt, dass das laotische Volk mit dem lebt, was es jetzt und heute hat. Was morgen kommen wird, dafür wird heute nicht gesorgt. Diese Einstellung klingt für mich der Hl. Schrift sehr ähnlich, wo es heißt: Sorgt euch nicht um den morgigen Tag (vgl. Mt 6,25-34). Dennoch verlangt das Leben mehr als nur jetzt zu leben und zu arbeiten. Ich als ein in Deutschland Aufgewachsener denke anders. Das Leben verlangt eine Vorsorge und einen Plan für die Zukunft. Wozu gehen die Kinder zur Schule? Lernen sie für das Leben und die Zukunft? Es ist frustrierend für Studenten, wenn sie jahrelang studieren und dennoch keine Arbeit finden können. Daher ist die Frage „wozu“ sehr berechtigt. Liegt der Fehler im Staatssystem, das die Menschen mehr ausbeutet als fördert oder in der Haltung der Laoten, die sich nicht um die Zukunft des Landes kümmern? Ich wage hier keine Antwort zu geben. Stattdessen nehme ich die Antwort von Menschen, die in diesem Land leben: Die Antwort liegt dazwischen, d.h. sowohl auf der Seite des Staates als auch auf der Seite der Menschen.

 

Plakat mit den 17 seliggesprochenen Märtyrern in Vientiane in Laos. Bild von Bruder Chi Thien Vu.

Die Seligsprechung der 17 laotischen Märtyrer in Vientiane

Ich hatte das große Glück, am 11. Dezember 2016 bei der Seligsprechung der 17 laotischen Märtyrer in Vientiane, der Hauptstadt Laos, dabei zu sein. Papst Franziskus hatte sie in das Verzeichnis der Seligen aufgenommen. Es ist einfach eine Freude der jungen Kirche in Laos zu gratulieren. Man kann sogar mit Stolz verkünden, dass die laotische Kirche sich in ihrem Glauben als stark erwiesen hat. Die Früchte der Märtyrer basieren auf den harten Prüfungen in der Zeit zwischen 1954 und 1975, in der der Kommunismus die Christen in Nordvietnam und Laos verfolgte. Vor uns stehen 17 Menschen, die ihre christlichen Schwestern und Brüder mehr liebten als ihr eigenes Leben. Aus Liebe zu Gott und den Menschen wagen sie bei den Menschen zu bleiben statt zu fliehen. Einheimische Katecheten verteidigten ihre Priester und Seelsorger ohne Angst und Furcht. Dafür mussten sie ihr Leben lassen. Denn der Kommunismus besitzt einen Hass gegen die Christen bzw. gegen ihren Glauben. In den Augen der Kommunisten ist die Religion Opium, also Gift für das Volk (Karl Marx). Die Worte des Marxismus kann man in Laos noch ganz real erleben. Die Kirche in Laos wird in vielerlei Hinsicht eingeschränkt. Priesterweihen müssen vom Staat erlaubt werden. Die Religionen werden von der Staatsmacht kontrolliert, damit eine Ordnung im Land eingehalten wird. Die Einschränkungen der Religionen mit Ausnahme des Buddhismus, der Staatsreligion ist, dienen der Ordnung im Land. Die Feier der Seligsprechung war dementsprechend eine Ausnahme, die nicht alle Tage vorkommt. Viele Priester, Bischöfe und Ordensleute aus Vietnam und Thailand kamen zur Feier, weil sie eine gemeinsame Geschichte haben.

Kardinal Orlando Quevedo aus den Philippinen stand der Feier vor. Bei der Feier stellten sich verschiedene Volksgruppen aus Laos mit ihren traditionellen Tänzen und Kostümen vor. Ein starkes Gefühl der Sorge und Fürsorge kam in mir hoch, als die Kinder aus der Gruppe H’mong ihren Tanz vorführten. Dabei kam mir der Gedanke, dass man diese Kinder unbedingt mit allen Mitteln bewahren und verteidigen müsse, weil sie es wert sind, bewahrt und geschützt zu werden. Wer könnte schöner und unschuldiger sein als diese Kinder? Wenn Jesus uns auffordert, Kinder zu ihm zu lassen? Wenn Jesus Kinder mit dem Reich Gottes vergleicht? Für diese Sache lohnt es sich auf jeden Fall, zu beten und Einsatz zu geben. Ebenso soll man die laotische Kirche beschützen und ihr mit Liebe und Einfachheit begegnen, weil sie es verstanden hat, was es heißt, Jesus nachzufolgen: nicht in Reichtum und Hochmut, sondern im Kindsein vor Gott und den Menschen. Die Kirche in Laos kann durch die Zeugnisse der Märtyrer mit Zuversicht in die Zukunft blicken. Sie ist jung, aber zuversichtlich im Glauben.

Ich bin sehr dankbar für die Begegnung mit den Menschen und mit der Kirche in Laos. Es ist für mich nur eine kurze Zeit, aber sie ist wertvoll, um davon zu erzählen. Ich bin auch dankbar für die Gespräche mit Menschen, die ich kennenlernen darf. Ich bin dankbar für die Kinder, die Englisch lernen wollen, die mir durch ihr Lächeln Freude gegeben haben. Ich bin auch dankbar für die Mitbrüder, die mich sehr freundlich aufgenommen haben. Sie geben mir das Gefühl der franziskanischen Zusammengehörigkeit weltweit.

 


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