28.07.2020 Bruder René Walke OFM

Schwester Wasser

Demütig und keusch, nützlich und kostbar

Wasser, Symbolbild. Foto von congerdesign auf Pixabay

Bei Kindergottesdiensten im Freien trage ich den Kindern gerne auf, die Natur zu erkunden und sich eine Pflanze, einen Baum, ein Tier oder irgendetwas anderes aus der bunten Schöpfung auszusuchen. Etwas, das ihnen heute besonders gut gefällt. Dann kommen wieder alle zusammen und wir singen den Sonnengesang mit diesen ausgesuchten Schöpfungszutaten:

„Sei gepriesen, für die Johannesbeeren, sei gepriesen, für den Baum, dessen Namen wir nicht kennen, sei gepriesen, für Hummeln und für Bienen, sei gepriesen, denn du bist wunderbar, Herr: Laudato si …“

Die Kinder bringen ihre eigenen Erfahrungen ins betende Lied, in den Lobpreis der Schöpfung ein und werden somit selbst zu Autoren des Sonnengesangs.

Wasser als Kostbarkeit

„Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.“ Diese Strophe zur Schwester Wasser im Sonnengesang erscheint mir beim ersten Blick eher wie eine theologische Beschreibung der metaphorischen Bedeutung des Wassers: Demütig und keusch wie Wasser – diese Analogie finde ich oberflächlich betrachtet in meinem Alltag oder meiner Erfahrung nicht. Die Nützlichkeit des Wassers und dessen Kostbarkeit hingegen wird unangefochten zu allen Zeiten im Bewusstsein des Menschen, der ohne Wasser durchschnittlich nur drei Tage überleben kann, fest verankert sein.

Der heilige Franziskus ist weder als Naturwissenschaftler noch als Theologe bekannt, sondern vielmehr als Mensch der Realität, des Alltags, der Handfestigkeit und der Leidenschaft. So lassen sich auch aus diesem Blickwinkel die scheinbar mehr theoretischen Analogien demütig und keusch erden.

Im „Diktat von der wahren Freude“ können wir nachlesen, wie Franziskus scheinbare und vergängliche Freude von der unvergänglichen zu unterscheiden sucht. Nachdem er viele Erfolge und große Taten der Brüder beschreibt, weist er darauf hin, „dass in all dem nicht die wahre Freude ist“. Danach erzählt Franziskus von einer langen, widrigen Reise durch nasskalte Nacht, von gefrorenen Wassertropfen am Saum seiner Kutte, die seine Beine verletzen, und schließlich von der Ankunft bei den Brüdern, die ihn ablehnen, schlagen und vertreiben. An dieser Stelle kommt das Fazit des Heiligen: „Ich sage dir: Wenn ich Geduld habe und mich nicht aufrege, dass darin die wahre Freude ist und die wahre Tugend und das Heil der Seele.“

Wasser als Hilfsmittel

Franziskus nimmt das Wasser wahr: Es lässt ihn frieren und schlägt seine Beine auf – und doch zeigt es ihm die Möglichkeit, dass durch eine demütige Gelassenheit wahre Freude zu finden ist. Das Wasser als Hilfsmöglichkeit zur Freude ist für ihn hier nicht nur im angenehmen Whirlpool zu suchen, sondern auch in der herausfordernden und abschreckenden Form. Im Sonnengesang lobt er in diesem Sinne Gott nicht nur durch „heiteres“ sondern auch durch „jegliches“ Wetter.

Wenn Franziskus mit Versuchungen zu kämpfen hatte, entkleidete er sich oftmals und setzte seinen Körper extremen Reizen aus: Im Winter wirft er sich zum Beispiel in den Schnee. Auch hier ist es die abschreckende Form des Wassers, die schneidende Kälte, die er als Hilfsmittel zum Entkommen aus der Versuchung nutzt.

Das Wasser ist für Franziskus demütig und keusch, weil es ihm Hilfe ist, selbst so zu werden. Im Annehmen der Gegebenheiten erfährt Franziskus den Schöpfer, ob es schneit, regnet, hagelt und stürmt, ob die Sonne strahlt, ein Wind ihn umspielt und weiches Moos seine Füße trägt: Franziskus erfährt alles als die geschwisterliche Schöpfung, die uns von Gottes Güte erzählt und uns durch unsere Empfindungen zu lebendigen, mit Gott verbundenen Menschen machen will.

Neben den extremen Beispielen wird Franziskus die gleiche Erfahrung gemacht haben wie wir: Das Wasser erfreut uns – unter der Dusche wird mit solcher Hingabe gesungen, wie nirgendwo sonst. Das Wasser befreit und macht uns neu, gibt uns Kraft und erhält uns am Leben. Jeder Schluck Wasser kann uns daran erinnern, dass Gott uns das Leben schenkt, Leben in Fülle. Im momentan so viel empfohlenen Händewaschen wird uns die äußerlich reinigende Kraft deutlich vor Augen geführt, die ihre innere Analogie zur Reinigung der Seele und des Geistes ahnen lässt.

Ergänzungen im Heute

Die Kinder lieben es, beim Sonnengesang mitzumachen, und es fällt ihnen leicht, Dinge zu finden, für die sie Gott loben und preisen. So wird der Sonnengesang erweitert und ergänzt, wie es schon Franziskus selbst getan hat: Als der Bürgermeister und der Bischof von Assisi heftig miteinander im Konflikt liegen, ergänzt Franziskus den Sonnengesang durch eine Strophe zur Vergebung und Verzeihung und trägt den Brüdern auf, es den Streitenden vorzusingen – mit Erfolg.

Jede Generation ist aufgefordert, diesen Lobpreis ins Heute zu ergänzen – singen wir freitagvormittags vor den Ämtern und auf den Plätzen unserer Städte ein Lied zur Bewahrung der kostbaren Schöpfung, singen wir im Gebet, singen wir beim Einkauf, wenn wir bewusst konsumieren, und singen wir unter der Dusche, wo das Wasser uns erfrischt und unsere Seele neu belebt!

„Gelobt seist du, mein Herr, durch Schwester Wasser, gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.“

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner-Mission 2/2020


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