11.11.2020 Christina Mülling OSF

Sich vom Wort Gottes ergreifen lassen

Franziskanische Gebetsschule

„Dein Wort ist Licht und Leben…“ Aquarell von Bruder Gabriel Gnägy OFM.

Das Hören auf das Wort Gottes ist kein sachliches Hören, sondern ein ergriffenes Hören. Im Ergriffenwerden, das heißt im Hören des Wortes, werde ich von dem ergriffen, auf den ich höre: von Christus, dem lebendigen Wort, und vom Heiligen Geist.

Um „ganz Ohr“ zu werden und das Wort Gottes in der Tiefe des Herzens aufnehmen zu können, empfiehlt Franziskus im Brief an den Orden drei Schritte des Hörens:

  • „Hört, ihr Söhne des Herrn und meine Brüder, und vernehmt mit euren Ohren meine Worte.“
    Die Brüder sollen mit ihrem leiblichen Hören ihre Achtsamkeit auf das Wort Gottes richten. Hört, richtet euch aus, nehmt auch alle eure anderen Sinneswahrnehmungen zu Hilfe. Dabei geht es zunächst um ein verstandesmäßiges Erfassen des Wortes: Was, wie, wem wird etwas gesagt. Die franziskanische Kontemplation ist eine liebevolle, gesammelte Aufmerksamkeit und beginnt mit dem leiblichen konzentrierten Hören.
  • „Neigt das Ohr eures Herzens und gehorcht der Stimme des Sohnes Gottes.“
    Nun ermuntert Franziskus die Brüder dazu, mit dem Ohr des Herzens zu hören, also von innen her. Auf diese Weise wird das Wort des Herrn nicht nur angehört, sondern als sein persönliches und jetzt einzig wichtiges Wort gehört, das mir in meiner aktuellen, persönlichen Situation gilt. Beim inneren Horchen lässt sich das Herz vom Wort ergreifen. Das Ohr des Herzens hört die Liebesbotschaft heraus, die jetzt an mich gerichtet ist. Das Wort geschieht jetzt an mir und löst eine Resonanz aus.
  • „Bewahrt seine Gebote in eurem ganzen Herzen und erfüllt seine Räte in vollkommener Gesinnung.“
    Die Brüder werden nun angeleitet, einen weiteren Schritt in die Kontemplation hinein zu tun: Das Wort in der Tiefe des Herzens bewahren.

Hier beginnt die kontemplative Wandlung. Nicht nur ich halte das Wort in der Tiefe meines Herzens, sondern das Wort beginnt zunehmend mich zu halten! In diesem dreifachen Hören auf das Wort des Herrn wirkt es schließlich so, dass es den, der das Wort hält, selbst hält. Es beginnt eine Umgestaltung in Christus. Und schließlich führt das Bewahren in das Tun.


Übung: Das dreifache Hören des Wortes Gottes

Ich stelle mich mit meiner Sehnsucht, Gott in seinem Wort begegnen zu wollen, in die Gegenwart Gottes und nehme seinen liebevollen Blick auf. Gott wartet auf mich und möchte mir jetzt in seinem lebendigen Wort begegnen.

  1. Das Wort hören
    Ich lese laut das Wort Gottes, zum Beispiel das Tagesevangelium. Dieses Wort spricht Gott jetzt in meine konkrete Lebenssituation hinein. Was höre ich? Um was oder wen geht es? Ich kann mir die geschilderte Situation auch vorstellen: Was sehe, höre, rieche, schmecke ich?
  2. Das Wort mit dem Herzen hören
    Ich lese das Wort noch einmal und höre nun mit dem Herzen hin. Wo trifft dieses Wort mein konkretes Leben, die Situation, in der ich gerade stehe? Welche Liebesbotschaft ist in ihm für mich enthalten? Wo oder wie stärkt es meine Liebe?
    Ich lausche in der Stille auf die Regungen meines Herzens. Wenn ich die Liebe Gottes betrachte, die mir in diesem Wort geschenkt ist, welche Liebesantwort steigt dann in meinem Herzen auf?
  3. Das Wort im Herzen halten
    Ich formuliere aus der Botschaft, die ich mit den Ohren und mit dem Herzen in meine persönliches Lebenssituation hinein vernommen habe, ein kurzes Stoßgebet, das ich durch wiederholendes Beten in meinem Herzen halte.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Herbst 2020


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