„Und er war ein Lebemann und bekehrte sich“

Franziskaner werden – Franziskaner sein

Franziskaner werden – Franziskaner sein. Was bewegt Menschen ihre gewohnte Umgebung, Beruf und alle Sicherheiten zu verlassen und sich einer Ordensgemeinschaft anzuschließen?

Ich befand mich mitten in einem inneren Prozess, Franziskaner zu werden, als ich einen merkwürdigen Tagtraum hatte. Zu dieser Zeit arbeitete ich in der Spätschicht einer Lackiererei und konnte so den Frühgottesdienst besuchen. Aber an diesem Morgen hatte ich keine Lust. Ach komm, bleib liegen, dachte ich. Und ich weiß nicht, wie ich es anders beschreiben soll, aber es war wie eine innere Stimme, die sagte: „Christoph, steh auf, beeile dich und komm in meine Kirche!“ Das war so intensiv, dass ich sofort vor dem Bett stand und dachte: Spinn ich jetzt? Ich fragte mich, ob das jetzt meine Berufung war. Es war jedenfalls eine Bestätigung, den Weg weiterzugehen und Kontakt zum Orden aufzunehmen.

Schon mit 16 habe ich gesagt: Ich geh mal ins Kloster. Es kam mir aber damals selbst so vor, als hätte ich das nur so daher gesagt. Dann kam die Lehre, die Sturm-und Drangzeit. Ich bin in den Heimatverein meiner Gemeinde Schmalnau bei Fulda eingetreten und habe zehn Jahre bei der Kirmes getanzt.

Mein Elternhaus war katholisch, aber nicht übertrieben fromm. Als Kinder gingen wir sonntags in die Kirche, während der Ausbildung konnte ich machen, was ich wollte. Weil ich spürte, dass in der Kirche oft etwas gesagt, aber nicht gelebt wird, bin ich eine Weile nicht hingegangen. Doch irgendwann fehlte mir etwas. Am Ende eines Prozesses stand die Erkenntnis: Egal, was in der Kirche gesagt oder getan wird – Gott ist da, er verleugnet sich nicht, er schenkt sich uns. Also habe ich wieder angefangen, mein Christsein zu leben.

An einem Samstagabend war beim Heimatverein Party angesagt. Die Kirmesgesellschaften kamen, es ging in die Sektbar, es wurde getrunken. Irgendwann saß ich da und dachte: Läuft hier nicht gerade etwas falsch? Müsstest du nicht in einem Zimmer sein und beten? Nein – wenn du eine Berufung hast, dann hast du sie auch hier, mitten in dieser Partymeute.

2004 habe ich Kontakt zu den Franziskanern in Fulda aufgenommen. Ich habe eine Woche auf dem Frauenberg „Kloster auf Zeit“ und anschließend eine weitere Woche Exerzitien gemacht. Die Exerzitien waren die beste Zeit überhaupt, denn ich war endlich bei mir angekommen.

In Fulda gab es einen Schaukasten mit der Lebensgeschichte von Franziskus. An einer Stelle blieb ich hängen: „Und er war ein Lebemann und bekehrte sich.“ Genau in dieser Situation war ich! Ich war ein Lebemann, habe gefeiert und steckte mitten im weltlichen Leben. Aber innerlich habe ich gespürt: Es muss noch etwas anderes geben. Ich fühlte mich wie Franziskus, als er stehen blieb, während die anderen weiterzogen.

Nach einem Gespräch mit Provinzial Helmut Schlegel habe ich an einer franziskanischen Jugendfahrt nach Frankreich teilgenommen. Im Anschluss an diese intensive Reise haben wir dann meine Kandidatenzeit eingeläutet. Die größte Hürde bestand darin, es meiner Familie beizubringen. Ein halbes Jahr vorher hatte mein Bruder meinen Eltern gebeichtet, dass er Priester werden würde. Und dann kam ich und sagte: In einem halben Jahr gehe ich nach Berlin, um Franziskaner zu werden.

Wenn Gott jemanden ruft, dann macht er sich bemerkbar. So war das bei mir. ER klopfte immer wieder an und fragte: Wie sieht’s denn jetzt aus? Ich habe mir den Weg zu Gott wie eine Brücke vorgestellt. Entweder sie hält, oder sie hält nicht. Dann bin ich losgegangen.

Nach dem Noviziat kam ich 2008 in das franziskanische Zentrum für Stille und Begegnung in Hofheim. Hier arbeite ich heute am Empfang und habe jeden Tag mit Menschen zu tun. Manchmal kommen Gäste zu uns, die nichts mit Religion zu tun haben – gerade das finde ich sehr spannend. Wir sind ein Ort, wo jeder willkommen ist, das ist mir persönlich sehr wichtig. Ich möchte Menschen begegnen, mit ihnen unterwegs sein. Ich will niemanden bekehren, sondern ein lebendiges Zeichen sein für Gott.

Erstveröffentlichung in Zeitschrift Franziskaner / Herbst 2015


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