Johannes Baptist Freyer ofm

„Unser Kloster ist die Welt“

Franziskanischer Universalismus

Die Franziskanische Bewegung versteht sich über Jahrhunderte durchaus nicht nur als eine fromme, kirchlich domestizierte Gemeinschaft. Sie stellt sich vielmehr immer wieder im Geiste der Bergpredigt den sozialen und auch politischen Herausforderungen.
Bild von Archiv Franziskaner Mission.

Angesichts der Herausforderungen der globalisierten Welt und beunruhigt durch wirtschaftliche und politische Entwicklungen wenden sich viele Menschen in Europa Bewegungen zu, die Formen des Populismus zur Lösung der Probleme wiederbeleben. Die franziskanische Bewegung, geprägt durch den Geist von Franziskus und Klara von Assisi, möchte sich diesen Herausforderungen in einer optimistischen Haltung der freimütigen Offenheit und Großzügigkeit stellen.

Die bekannte Shell Jugendstudie, die untersucht, wie die Generation der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland aufwächst und was sie über ihre Zukunft denkt, hat in ihrer Umfrage von 2019 auch Fragen zum Gedankengut des in Europa erneut wachsenden Populismus gestellt. Auf Grund dieser Umfrage von 2.572 Jugendlichen identifiziert die Studie 24 Prozent als Populismus-Geneigte und bezeichnet neun Prozent als Nationalpopulisten. Dabei stellt die Studie fest, dass den populistischen Statements der Jugendlichen gemein ist, „dass sie gezielt an affektiven Komponenten und weniger an kognitiv reflektierten Positionen ansetzen. Bedient werden Ressentiments und Ängste.“ Als Ursachen werden die subjektive Erfahrung von sozialer Ungerechtigkeit, die Verunsicherung durch Pluralität und Vielfalt, die Ablehnung fremder Kulturen, die Unzufriedenheit mit der Parteien-Demokratie sowie der Wunsch nach Rückgewinnung der Kontrolle über das eigene Leben und die Zukunft genannt.

Universale Welt

Populistische Kreise bieten solchen Jugendlichen eine Gemeinschaft, die Sicherheit durch Abgrenzung und Partikularismus und eben nicht durch Universalismus garantieren will. Als eine spezifische Art des Denkens und Handelns („forma mentis“, cf. Arato), die sich auf diese verschworene und oft auch völkisch geprägte Gemeinschaft bezieht, werden die Gewohnheiten der Gefolgsleute pragmatisch ausgerichtet. Dazu gehört eine identitätsstiftende Strategie, die ein Zugehörigkeitsgefühl im Sinne von Beheimatung vermitteln soll. Dabei werden gerade auch soziale Aspekte in den Blick genommen und politische Reformen des Systems angestrebt. Notwendige Umgestaltungen werden vielfach mit Ideen des Klassenkampfes und auch mit konspirativen Theorien untermauert und mit der Notwendigkeit, die „reine Kultur“ zu schützen oder wiederherzustellen, begründet. Für eine Bewahrung der eigenen Lebensart werden durchaus Tugenden wie Tüchtigkeit, Vaterlandsliebe, täglicher Heroismus, Gemeinschaftssinn und anderes eingefordert.

Deutlich wird durch die Studie, dass hinter den allgemeinen populistischen Ansichten durchaus lebensnotwendige Forderungen stehen – wie die menschliche Notwendigkeit, eine Identität zu finden, das Bedürfnis nach Anerkennung, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit, der Wunsch nach Beheimatung und die Forderung einer nach menschlichen Möglichkeiten gesicherten Zukunft. Ob diese Grundbedürfnisse des menschlichen Lebens jedoch durch aggressive Abgrenzung, die Errichtung von Feindbildern, demokratische Unordnung, Simplifizierungen und dem Vertrauen auf Fake-News befriedigt werden können, bleibt mehr als fraglich. Denn es wird für die eigene Gesinnungsgruppe von populistischen Wortführern das eingefordert, was allen, die eben anders denken oder anders sind, abgesprochen wird.

Identität, Anerkennung, Beheimatung und eine gemeinsame Zukunft sind allerdings nur im Miteinander und nicht im Gegeneinander zu finden. Dies mag schon früher in einem kleineren und auch national beschränkteren Raum gegolten haben, ist aber heute angesichts der globalen und weltumfassenden Zusammenhänge zu einer neuen Herausforderung geworden. Ob wir es wollen oder nicht, wir leben in einer gewandelten pluralistischen und universalen Welt. Dass diese andere Welt auch in unsere beschränkte Welt einbricht, wird für viele zur Überforderung. Sie fühlen sich einer unabsehbaren Zukunft ausgeliefert. Es mag noch nachvollziehbar sein, dass da mancher nach dem Strohhalm einer Gesinnung greift, die eine sichere, begrenzte und mehr oder weniger „heile Welt“ verspricht. Bedingungslos unterstützenswert ist dies aber nicht.

Die franziskanische Tradition geht einen anderen Weg. Den menschlichen Bedürfnissen nach Zugehörigkeit, Anerkennung, Beheimatung und einer gesicherten Zukunft kommt sie durch eine ihr grundgelegte Lebensform („forma vitae“) entgegen, die im Leben von Franziskus und Klara von Assisi ihren Anfang nimmt. Das konkrete Leben Jesu, wie es in den biblischen Texten zur Sprache kommt, wird für sie zum Modell und Inbegriff der eigenen Lebensweise. Das Wirken und die Haltung Jesu sind für sie und die von ihnen angestoßene Bewegung Orientierung, die den unterschiedlichen Lebensäußerungen gleichsam eine Form geben und eine Identität sowie eine Zugehörigkeit vermitteln.

Die vom Evangelium inspirierte Lebensweise bildet den Rahmen eines Gemeinschaftsbewusstseins, das sich durch das religiöse Selbstverständnis nicht einzumauern braucht, sich vielmehr einer universalen Weltsicht öffnet. Die in der „Nachfolge der Fußspuren Jesu“ (NbR, KlTest) rückgebundene, starke Identität als „Minores“(„Mindere“) ermöglicht es auf die Anderen, auch die Fremden, zuzugehen. Dabei werden diese gerade in ihrer Andersartigkeit nicht nur geduldet, sondern sie werden vielmehr als Bereicherung des eigenen Minder-Sein und darin als Schwestern und Brüder, die das gleiche menschliche Leben, ähnliche Bedürfnisse, Ängste und Hoffnungen teilen, erfahren.

Zugehörigkeit wird eben nicht durch nationale Grenzen oder ethnische Zuordnungen bestimmt, sondern im von Gott geschenkten gemeinsamen Mensch- und Geschöpf-Sein erfahren.

Daher ist die Franziskanische Bewegung von Anfang an eine die lokalen Grenzen und Nationalitäten überspannende Bewegung, die die ganze Welt als ihr Kloster betrachten kann. Die Franziskanische Bewegung versteht sich dabei über Jahrhunderte durchaus nicht nur als eine fromme, kirchlich domestizierte Gemeinschaft. Sie stellt sich vielmehr immer wieder im Geiste der Bergpredigt den sozialen und auch politischen Herausforderungen. Nicht nur das eigene Heil steht im Mittelpunkt, vielmehr geht es um eine Veränderung der Zustände dieser Welt durch mehr Gerechtigkeit, durch eine Verminderung der Armut und des Elends – auf der Basis einer nachhaltig-ethischen Ökonomie, mittels der Förderung von Frieden unter den Völkern – sowie durch die Sorge um die Schöpfung. Dies erfordert sowohl eine Umkehr der menschlichen Gesinnung als auch die Änderung politischer Strukturen und wirtschaftlicher Mechanismen. Im Blick steht dabei das jeden Einzelnen einschließende Gemeinwohl. Um dies zu verwirklichen, werden auch in der franziskanischen Tradition aufbauende und praxisbezogene Tugenden und Werte in den Blick genommen: Einfachheit, Demut, Barmherzigkeit, Geschwisterlichkeit, Großzügigkeit, Anerkennung jeder menschlichen Person als einmaliges Individuum, Achtung der Würde jedes Geschöpfes und Kongruenz in der Vielfalt.

Diese Sinn- und Identitätsstiftenden Tugend-und Werteorientierungen bilden den Kompass für die eigenen und gemeinsamen Einstellungen und Gesinnungen sowie für die Bewertung des Handelns und die Mitgestaltung einer lebenswerten und aufgeschlossenen Zukunft.

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Mission 1 / 2020


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