02.08.2021 Stefan Federbusch ofm

Unsere Zukunft: Einfach leben!?

Franziskanisches Grundlagenseminar in Oberzell

Warum ist einfach leben so schwierig? Mit dieser Kernfrage beschäftigten sich die Teilnehmenden des diesjährigen Grundlagenseminars. Bild von Franz-Josef Wagner.

Eine bunte franziskanische Truppe aus verschiedensten Gemeinschaften und Interessierten kam zusammen, um sich mit dem Thema „Unsere Zukunft: Einfach leben?!“ auseinanderzusetzen und der Herausforderung, wie Schritte zu einem nachhaltigen Lebensstil gelingen können. In der Mischung aus theoretischer Fundierung und Praxisbeispielen wurde klar, wie das kapitalistische Credo „Ich – sofort – alles“ in die gemeinwohlorientierte Erfahrung „Wir – nachhaltig – genügend/einfach“ überführt werden kann.

Warum ist einfach leben so schwierig? Mit dieser Kernfrage beschäftigten sich die 28 Teilnehmenden des diesjährigen Grundlagenseminars vom 23.-25. Juli 2021 in Haus Klara in Oberzell. Aufgrund der Corona-Pandemie musste es zweimal verschoben werden, ehe eine Präsenzveranstaltung möglich war. Eine bunte franziskanische Truppe aus verschiedensten Gemeinschaften und Interessierten kam zusammen, um sich mit dem Thema „Unsere Zukunft: Einfach leben?!“ auseinanderzusetzen und der Herausforderung, wie Schritte zu einem nachhaltigen Lebensstil gelingen können. Der kommissarische Vorsitzende der INFAG, Br. Markus Fuhrmann, machte es in seiner Begrüßung gleich einmal vor. Nicht nur barfuß im Herzen zu sein, sondern sich auch seiner Sandalen zu entledigen, um sich wie Mose vor dem Herrn bewusst zu machen: wo du stehst, ist heiliger Boden. Wie sehr wir diesen heiligen Boden schädigen, wurde nach einer Kennlernphase in Kleingruppen durch die Liste deutlich, die sich die Teilnehmenden zu Fragen ihres ökologischen Fußabdrucks machten. In ihm kamen die zentralen Felder von Mobilität (Art der Anreise – Auto oder öffentliche Verkehrsmittel), Ernährung (vegan, vegetarisch oder mit Fleisch), Kleidung (Alter, neu oder Secondhand) und Energie (Umgang mit Wasser) vor.

Den ersten Impulsvortrag hielt Br. Stefan Federbusch unter dem Titel „Schritte zu einem nachhaltigen Lebensstil“. Dabei warf er die Frage auf, warum „Einfach leben“ so kompliziert ist und lud dazu ein, auf die eigenen Handlungsblockaden zu schauen. An Wissen mangelt es uns nicht, was angesichts der Klimakrise und vieler anderer Krisen dran ist, eher an der Vorstellung, wie dies konkret gelingen kann. Er zeigte Grundlinien der franziskanischen Schöpfungsspiritualität auf, mit der Perspektive, die Natur weniger als Umwelt, sondern im Sinne der Schöpfung als Mitwelt zu verstehen und in geschwisterlicher Verbundenheit mit allen zu schätzen und zu gestalten. In Anlehnung an Stichworte von Papst Franziskus aus seiner Enzyklika Laudato si lässt sich von der Franziskanischen Fünf-Finger-Methode von Schönheit, Dankbarkeit, Unentgeldlichkeit, Verzicht und Kreativität sprechen.

Die Dringlichkeit von einschneidenden Maßnahmen wies Dr. Andrea Kaiser-Weiss vom Deutschen Wetterdienst in Offenbach in ihrem Vortragsimpuls „Klimawandel – Ausmaße, Folgen und was zu tun ist“ auf. Sie stellte die Veränderungen der letzten Jahrzehnte aus meteorologischer Sicht vor und hielt dann mit ihrer persönlichen Meinung nicht hinter dem Berg. Als Wissenschaftlerin könne sie der Politik nur Fakten liefern und dürfe keine Forderungen daraus ableiten. Sie persönlich halte sehr wohl gravierende Schritte für zwingend notwendig.

Die Verbindung und Klammer zwischen Spiritualität und Wissenschaft stellte dann Sr. Beate Krug her mit ihrem Impuls zu „Einfach glücklich sein“. Wie können wir ein gutes Leben führen, das generationengerecht ist und nachhaltig? Wie können wir genügsam (suffizient) leben, so dass es erfüllend ist und nicht nur schwerer Verzicht? Immer wieder blitzten auch in ihrem Beitrag Zitate von Papst Franziskus aus „Laudato si“ auf (es lohnt sich wirklich, seine Umwelt- und Sozialenzyklika immer wieder zu lesen!).

Den Grundlagenseminaren geht es neben der theoretischen Fundierung stets um den Praxisbezug. Der wurde wie üblich durch die nachmittäglichen Exkursionen hergestellt. In diesem Jahr gab es einen konsumkritischen Stadtrundgang durch Würzburg mit einer Mitarbeiterin vom Weltladen, bei dem an verschiedenen Stationen kritische Punkte unseres Konsums näher unter die Lupe genommen wurden, beispielsweise die Herstellungsbedingungen einer Jeans. Eine weitere Gruppe brauchte weniger laufen, nur vom Bahnhof bis zum Kellerlager der Verbraucher-Erzeuger-Gemeinschaft (VEG) Würzburg, die die Erzeuger und Erzeugerinnen der Solidarischen Landwirtschaft unterstützen. Ein junges Ehepaar, das dort Mitglied ist, erklärte uns das Verfahren: die Mitglieder haben jeweils Zugang zum Lebensmittellager und bedienen sich dort eigenständig. Niemand ist dort angestellt, alles geschieht ehrenamtlich. Zulieferer sind regionale Anbieter aus einem Umkreis von 60 km. Die Produkte werden mit einem zehnprozentigen Aufpreis nach den Vorgaben der Erzeuger und Erzeugerinnen verkauft, um möglichst faire und gerechte Preise zu erzielen. Ähnlich begeistert von ihrem Ansatz war auch die Gründerin des Unverpacktladens in Würzburg. Seit seinem Bestehen 2017 konnten rund eine halbe Million kleinster bis größerer Verpackungen eingespart werden. Und jede Nichtverpackung ist ein Beitrag zum Ressourcenschutz! Sehr anschaulich blieb uns ihr Beispiel der Tomaten hängen. Die eine konventionelle Tomate aus Spanien hat einen ebenso großen CO2-Rucksack wie 7 Ökotomaten aus der Region. Obwohl klimaschädigend, ist die konventionelle Erzeugung wesentlich teurer. Noch immer sind nicht die tatsächlichen Folgekosten in unsere Produkte eingepreist.

Sehr handgreiflich ging es bei denen zu, die im schwesterlichen Kräutergarten in Oberzell anpackten und die Kostbarkeit der Erde hautnah spürten. Auch ziemlich schwülwarme Luftmassen, die einigen Schweiß mit sich brachten, hielten sie nicht von dieser Erfahrung ab. Zur Belohnung standen sie beim Ausruhen auf einer Bank in regen Kontakt mit einem Eichhörnchen…

Nicht weniger handgreiflich waren die Praktiker und Praktikerinnen, die aus wenigen Stoffen Seife, Duschgel, Badekugeln und Deo herstellten. Ein sehr konkretes Ergebnis und Erfolgserlebnis für daheim.

Wer es eher theoretisch mochte, konnte an einer Stellungnahme zu klimaverantwortlichem Handeln mitarbeiten, die dem INFAG-Vorstand zur Beratung mitgegeben wird. Sie lehnt sich an die Forderungen von „Christians für Future“ an, die diese in wenigen Wochen an die Kirchenleitungen übergeben werden. Darin sind wesentliche und konkretere Schritte enthalten, zu denen sich die Kirchenverantwortlichen verpflichten sollen.

Die Erträge der Arbeitsgruppen wurden abends noch einmal reflektiert und in eine Form gebracht, in der sie am nächsten Vormittag abwechslungsreich präsentiert werden konnten, um auch die anderen an den Eindrücken und Ergebnissen teilhaben zu lassen. Dieses Verfahren mündet ein in die Frage der nächsten Schritte und des konkreten Handelns: als Einzelner, als Familie/Gemeinschaft, als Franziskanische Familie. Zumindest ein konkreter Handlungsvorsatz für die nächsten zwei Wochen sollte dabei herausspringen.

Für den inhaltlichen und spielerischen Kitt sorgte in bewährter Weise wieder unser Moderator Franz-Josef Wagner. Die Ambivalenz des Themas Schöpfung verdeutlichten auch die Gebetszeiten, in der der Opfer der Flutkatastrophe gedacht wurde.

Im Sinne des Vierschritts Sehen – Urteilen – Handeln – Feiern mündete das Grundlagenseminar in die Feier der Eucharistie, in der passender Weise von der (katholischen) Leseordnung die Brotvermehrung vorgegeben war. „Wenn jeder gibt, was er hat, dann werden alle satt…“ Noch einmal die Verbindung zum Anfang: heiliger Boden, heilige Schöpfung, in ihr sakramentale Zeichen der Mitwelt, geteiltes Leben, Gemeinschaft und Verbundenheit, einfach glücklich leben, Bestärkung für den Weg, Segen und Gesandtsein… und die Vorfreude auf das Wiedersehen im nächsten Jahr

Einfach leben? Einfach leben! Vielleicht ist das gar nicht so kompliziert, wenn es uns gelingt, von unserer christlichen Vision, von unserem eu-angelion, von unserer guten Nachricht zu erzählen. Wenn wir uns mehr über gelungene Beispiele eines veränderten Lebensstiles austauschen und von so engagierten Menschen begeistern lassen, wie wir sie erlebt haben. Wenn wir „Selbstwirksamkeit“ erfahren, dass uns etwas an Veränderung gelingt, und so zu einer Plausibilitätsverdichtung kommen, dass für immer mehr Menschen ein klimafreundliches und nachhaltiges Verhalten selbstverständlich wird. Dann kann das kapitalistische Credo „Ich – sofort – alles“ in die gemeinwohlorientierte Erfahrung „Wir – nachhaltig – genügend/einfach“ überführt werden.


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