08.07.2020 Bruder Thomas Abrell

Laudato Si‘ – Nachgedacht

Die Beschäftigung mit der Umweltenzyklika lohnt…

Der heilige Franziskus und Bruder Grille im Garten des Franziskanerklosters San Damiano in Assisi. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Wir können nicht eine Spiritualität vertreten, die Gott als den Allmächtigen und den Schöpfer vergisst. Auf diese Weise würden wir schließlich andere Mächte der Welt anbeten oder uns an die Stelle des Herrn setzen und uns sogar anmaßen, die von ihm geschaffene Wirklichkeit unbegrenzt mit Füßen zu treten. Die beste Art, den Menschen auf seinen Platz zu verweisen und seinen Ansprüchen, ein absoluter Herrscher über die Erde zu sein, ein Ende zu setzen, besteht darin, ihm wieder die Figur eines Vaters vor Augen zu stellen, der Schöpfer und einziger Eigentümer der Welt ist. Denn andernfalls wird der Mensch immer dazu neigen, der Wirklichkeit seine eigenen Gesetze und Interessen aufzuzwingen.
(Papst Franziskus, Enzyklika „Laudato si’“, 75)

Und dann erinnert Papst Franziskus an die große Krise in der Geschichte des Volkes Israel, die babylonische Gefangenschaft. Es war eine einschneidende Erfahrung von Ohnmacht. Doch gerade diese Erfahrung führte das Volk Israel zu einem vertieften Glauben an Gott als den Herrn der Welt. Die große Krise in unseren Tagen ist die Corona-Pandemie. Für zahlreiche Menschen ist sie existenziell, stellt viele Gewohnheiten infrage. Nichts mehr ist selbstverständlich. Von neuem Denken ist jetzt vielfach die Rede. Ähnlich der Erfahrung Israels im Exil birgt die aktuelle Krise auch eine spirituelle Chance.

Der Mensch muss feststellen, dass er nicht der Herr der Welt ist, und das trotz aller Errungenschaften. Der Mensch bleibt mit all seinen Möglichkeiten begrenzt. Es braucht Demut, das zu erkennen und zu akzeptieren, dass den Platz des Herrn der Schöpfung und der Welt allein Gott innehat. Dies zu akzeptieren, wäre wirklich ein Schritt in ein neues Denken. Es hindert den Menschen nicht, sich mit seinem Wissen kreativ in die Entwicklung der Welt einzubringen.

Aber nicht mehr als Herr, sondern als Hüter der Welt, der sich eingebunden weiß in das Ganze der Schöpfung. Entsprechend verantwortlich fügt er sich mit seinem Handeln ein für alle Menschen und für die ganze Welt.

 

Erstveröffentlichung Zeitschrift Franziskaner Sommer 2020


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