12.04.2017 Niklaus Kuster ofmcap

Viele Religionen – eine Hoffnung

Die Franziskanische Antwort auf sogenannte „Hassprediger“

Hier darf man gerne zweimal hinschauen. Engel der Kulturen nennt sich die ornamentale Plastik von Carmen Dietrich und Gregor Merten, die die großen Religionen Judentum, Christentum und Islam in einem Kreisrund vereinigt und auf diese Weise die Shilouette eines Engels bildet.
Bild von www.engel-der-kulturen.de

Religiöse Intoleranz

Die islamistischen Terroranschläge, die 2015/2016 mit Paris, Brüssel, Nizza, München und Berlin auch Zentren Westeuropas trafen, folgen einer blendenden Ideologie. Religiöse Fundamentalisten können mit Vielfalt nicht umgehen. Es gibt nur den einen wahren Glauben, ein wahres Gesetz und die eine richtige Ordnung: jene, die sie selbst für gottgegeben halten. Wer die einzige Wahrheit zu kennen glaubt, kann guten Gewissens alles davon Abweichende bekämpfen. Alles Fremde wird als unwahr abgelehnt und als unheilig angefeindet.

Die lateinische Kirche kennt diese Versuchung aus eigener Erfahrung. Bereits die antiken Kaiser, die den Katholizismus zur Staatsreligion erklärten, verboten das Ausüben anderer Religionen unter Todesstrafe. Karl der Große stellte die unterworfenen Sachsen vor die Wahl zwischen Zwangstaufe oder Tod. Kreuzzüge versprachen christlichen Gotteskriegern den Himmel und Kreuzzugsprediger sahen die Welt mit jedem getöteten Muslim besser werden. Nach der abendländischen Glaubensspaltung sprach Rom den evangelischen Konfessionen das ewige Heil ab.

Der Blick in die christliche Geschichte und auf religiöse Fundamentalismen der Gegenwart empfiehlt, „Ungläubige“ zum Unwort der Religionen zu erklären. Wer Menschen anderen Denkens und anderer Gotteserfahrung den Glauben abspricht, neigt schnell zu respektloser Intoleranz. Absolutes Heilsdenken fördert religiös militantes Verhalten. Islamisten aller Art demonstrieren die diabolische Kraft religiöser Verblendung. Statt zu verbinden, trennen sie, wiegeln Menschen gegeneinander auf und provozieren Gewalt, wo verschiedene Religionen eben noch friedlich zusammenlebten. „Diabolein“ ist das griechische Wort für durcheinanderbringen, Zerwürfnis verursachen und entzweien.

Wir lassen uns nicht entzweien, bekennen Berlins Repräsentanten der Kirchen und islamischen Glaubensrichtungen. Den Strategen des „Islamischen Staates“ (IS) darf es nicht gelingen, mit Gewalt in Europa islamfeindliche Gefühle anzustacheln, Flüchtlinge und integrierte Muslime generellem Misstrauen auszusetzen und das Zusammenleben der Religionen zu vergiften. Sogenannte „Hassprediger“, die den Kampf zwischen Islam und Christentum ins Abendland tragen und auch da einen „Heiligen Krieg“ entfachen wollen, müssen scheitern. Medien und Politik sind gefordert, entsprechender Stimmungsmache wach zu begegnen.

Geschwisterlichkeit

Kirchen sowie islamische und jüdische Organisationen haben Verkündern eines einzigen Glaubens eine größere Vision und eine universale Hoffnung entgegenzuhalten: die Botschaft einer Wahrheit, denen Menschen sich auf verschiedenen Wegen gemeinsam nähern. Nach dem Terroranschlag von 2001 in New York reichten sich 300 Delegierte aller großen Kirchen und Religionen in Assisi die Hände, erklärten jede Gewalt im Namen Gottes für gottlos und bekannten sich zum gemeinsamen Auftrag, Friede und Menschlichkeit in der Welt zu fördern.

Benedikt XVI. überraschte im Oktober 2011, als er in Assisi die Welt- und Naturreligionen zu einem weiteren großen Treffen versammelte. Der respektvolle Austausch und die berührende Friedensfeier standen unter dem Motto: Jede Religion und alle Menschen guten Willens auf Erden sind Pilgernde zu Wahrheit und Frieden. Niemand besitze die Wahrheit, bekannte der Papst als Vertreter der größten Religionsgemeinschaft. „Wir alle sind unterwegs zu tieferer Wahrheit und echtem Frieden.“ Pilgernde auf verschiedenen Wegen zum selben Ziel. Pilgernde sind Suchende, und keine Rivalen; sie sind Gefährten, die einander bestärken und voneinander lernen können.

Bereits Johannes Paul II. verdeutlichte beim Friedenstreffen der Kirchen und Religionen, die sich 1986 erstmals in Assisi versammelten, dass alle Menschen in einem großen Kreis vereint zum gleichen göttlichen Geheimnis beten. Im Rückblick auf das prophetische Treffen ermutigte der Gastgeber die eigene Kirche, das Zweite Vatikanische Konzil ernst zu nehmen. Dessen „Erklärung über die nichtchristlichen Religionen“ spricht 1965 von der einen Menschheit und dem einen göttlichen Geheimnis, dem sich verschiedene Religionen in universaler Geschwisterlichkeit nähern. Nichts sei abzulehnen, was einer Religion heilig ist, und der Lichtstrahl der göttlichen Weisheit kann jeden Menschen auf Erden erleuchten.

Friedensstadt Assisi

Nicht zufällig ist die Stadt des Franziskus der Ort, der die Kirchen und Weltreligionen wie kein anderer verbindet. Nach Monaten, in denen Terrorakte unseren Alltag und die Medienberichte prägten, versammelten sich vom 18. bis 20. September 2016 in Assisi 800 Delegierte aller Glaubensgemeinschaften, um für den Frieden der Welt zu beten und einen Friedensappell zu verbreiten. Der Aufruf, den Papst Franziskus im Namen aller vorlas, verurteilte erneut Gewalttätige, die sich auf Gott berufen, als Gottlose. Weder Krieg noch Terror, sondern allein der Friede dürfe sich heilig nennen.

Das gemeinsame Bekenntnis zur Friedenssendung und die Absage an jede religiös motivierte Aggression ermutigen all jene, die militanter Religion entgegentreten: der Imam, der den Attentätern in der Diözese Rouen (Frankreich) eine islamische Bestattung verweigerte, die Syrer, die in Leipzig einen islamistischen Landsmann der Polizei übergaben, Gläubige, die »Hassprediger« anzeigen und damit ihr eigenes Leben riskieren – und Christen, die politischer Hetze islamfeindlicher Politiker entgegentreten.

Franz von Assisi ermutigt die Religionen, sich nicht zu bekämpfen, sondern als Töchter und Söhne desselben Vaters voneinander zu lernen. Im 13. Jahrhundert schreibt der franziskanische Laie Ramón Llull ein prophetisches Buch („Das Buch vom Heiden und den drei Weisen“). Darin trifft ein Ungläubiger drei Weise. Ein Jude, ein Christ und ein Muslim legen dem Betagten, der angesichts des nahen Todes verzweifelt, die gemeinsame Weisheit und die Unterschiede ihrer Religionen dar. Als der Verzweifelte zum Glauben findet und seine Wahl der überzeugendsten Religion kundtun will, verabschieden sich die Weisen. Das Buch endet mit folgendem Bekenntnis: „Wenn du in unserer Gegenwart bekennst, welche Religion du bevorzugst, verlieren wir ein vorzügliches Motiv, die Wahrheit im Gespräch zu suchen!“ Nach diesen Worten beschlossen die drei Weisen, zusammen durch die Welt zu ziehen, um den Namen Gottes zu preisen, bis sie vereint seien im selben Glauben.“

Erstveröffentlichung in Franziskanermission Heft 1/ 2017


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