Bruder Johannes Küpper, Bruder Hermann Schalück

Vivere – Leben aus franziskanischer Inspiration

800 Jahre franziskanische Geschichte in Deutschland - Vergegenwärtigung Teil 6

Gemeinsam beten, leben und über franziskanische Themen diskutieren. Gruppentreffen 2018 in Fulda, Bild von Andrea Bruns.

Wir leben in einer Zeit großer Umbrüche. Zwar sind wir überzeugt, dass das Charisma des Franz von Assisi so jung und dynamisch bleibt wie es vor 800 Jahren war. Aber wie können wir es heute überzeugend als Einladung zu einer erneuerten Kirche und Welt leben?

Auf dem Kapitel der Franziskaner im Jahr 2013 ging es um Formen der Teilhabe von Frauen und Männern an unserer Lebensform. Hermann Schalück machte auf das päpstliche Schreiben „Vita Consecrata“ (1996) aufmerksam. In Artikel 96 wird von „Assoziierter Mitgliedschaft“ gesprochen. Unsere Frage war: Können wir uns eine neue Weise von „Teilhabe“ franziskanisch interessierter Menschen, Frauen und Männern, Christen und auch Andersgläubigen an unserem Leben vorstellen? Was heißt Teilhabe, und wie kann sie sichtbar gemacht werden? Die Brüder Thomas Abrell, Martin Lütticke, Helmut Schlegel, Hermann Schalück und Johannes Küpper bekamen den Auftrag, Lösungen vorzuschlagen.

Erste Überlegungen gingen aus von schon in verschiedenen Gemeinschaften praktizierten Beispielen: „Mitleben“ in einer Gemeinschaft, für eine begrenzte oder unbegrenzte Zeit; konzentrische Kreise von Interessierten um eine Ordensgemeinschaft mit verschiedenen Formen des Austausches nach dem Beispiel der ökumenischen Gemeinschaft in Volkenroda (Thüringen); gemischte Gemeinschaften von Franziskanern/Franziskanerinnen und Laien; eine eigene Wohngemeinschaft mit franziskanisch Interessierten.

Es wurde schnell klar, dass vor allem suchende Menschen angesprochen werden sollten. Für sie ist das Zusammenleben nicht der erste Schritt des Prozesses, sondern ein möglicher Folgeschritt. Grundlegend ist die Annahme, dass in der heutigen Gesellschaft Formen „klassischer“ religiöser Bindung abnehmen, die Sehnsucht nach religiösen und franziskanischen Werten jedoch da ist und sich in anderen Formen äußert, z. B in der Umwelt- und Friedensbewegung
Bei der Suche nach einem geeigneten Namen einigten wir uns 2015 auf „Vivere“, als Ausdruck unseres Pilgerstatus nach dem Evangelium. Wer sich für Franziskus und Klara interessiert und ihrem Beispiel heute nachgeht, erlebt einen lebendigen Anstoß, er lässt sich ansprechen und nimmt andere auf dem Wege mit.

Im Jahr 2016 verabschiedete Vivere sein Leitbild. Darin heißt es: „Unter Vivere verstehen wir die Bewegung, in der wir gemeinsam nach einem Weg suchen, das Evangelium in franziskanischer Spiritualität zu leben…. Vivere heißt alle Menschen – gleich welcher Herkunft, Religion, Weltanschauung oder Prägung – willkommen, die sich mit uns auf den Weg machen wollen…. Menschen, die Alternativen zu den gängigen kirchlichen Gebetsformen suchen und solche, die sich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzen, sind willkommen“.

Vivere ist also eine „Bewegung“, die einen Weg zurücklegen will und sich dabei weiter organisatorisch entwickeln wird. Sie ist selbständig, d.h. nicht vom Orden abhängig. Franziskaner in Vivere sind einfache Mitglieder, nicht Leiter. Wichtig ist die Abgrenzung auch zum „Dritten Orden“/SFO (Franziskanische Gemeinschaft): Vivere ist kein „Orden“, hat keine Regel und kein Versprechen und ist auch Heimat für Christen anderer Konfession. Wir sind den Brüdern und Schwestern des 3. Ordens aber ebenso herzlich verbunden wie der übrigen Franziskanischen Familie.

Seit 2015 haben sich Regionalgruppen in Ohrbeck, am Hülfensberg und im Rheinland (Raum Bonn) gebildet, danach im Rhein-/Maingebiet, in Fulda, Wiedenbrück, Köln, Bremen und Neviges. Die Regionalgruppen treffen sich regelmäßig im Abstand von zwei bis sechs Wochen. Im Jahr 2016 fand das erste überregionale Treffen statt (Hülfensberg), danach in Wiedenbrück, Fulda und Spangenberg. Beachtet man die Dynamik dieser Treffen, so zeigt sich folgende Entwicklung:

  • Kennenlernen, Verabschiedung von Leitbild und Struktur;
  • Vertiefung der biblisch-franziskanischen Spiritualität;
  • „Wir machen uns auf den Weg“.

Die Struktur von Vivere ist einfach: In föderativer Weise sind die Regionalgruppen selbständig. Die Koordinierung der Gruppen geschieht durch ein Koordinierungsteam (Treffen 2x jährlich) und auf dem überregionalen Jahrestreffen. Zur weiteren Teambildung, zur Konfliktbearbeitung und zu Fragen einer hierarchiefreien Organisation hat Vivere in 2021 begonnen, sich regelmäßig von einem Coach begleiten zu lassen. Aktuell zählt Vivere 110 Mitglieder. Die Tendenz ist steigend. Wir hoffen, dass die Saat weiter aufgeht und das franziskanische Vermächtnis heute und morgen viele Suchende sinnvoll „leben“ lässt.

Weitere Informationen unter: https://www.vivere-leben.de


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