Leonhard Lehmann OFMcap

Vom Wort Gottes belebt

Die Rolle der Bibel im Leben des heiligen Franziskus

Franziskus von Assisi erfährt aus der Bibel Orientierung und Hilfe für sein Leben. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Als Sohn eines betuchten Kaufmanns hat Franz von Assisi (1182–1226) das Glück, die Pfarrschule seiner kleinen Heimatstadt in Umbrien besuchen zu dürfen. Dort lernt er so viel Lesen, Schreiben und Rechnen, dass es reicht, das Geschäft seines Vaters zu übernehmen – so jedenfalls die Pläne seiner Eltern, wenngleich die gütige und einfühlsame Mutter Pica aus der Provence in ihrem Herzen auch Raum lässt für andere Zukunftsaussichten ihres Sohnes.

Kenntnis aus Schule und Liturgie

Das Lehrbuch zum Lesen in der Schule ist eine Teilausgabe der Bibel. Ein weiterer Zugang zur Bibel eröffnet sich in der Liturgie. Dort hört Franziskus Lesungen und Evangelien und singt mit den Psalmen; diese kann er fast auswendig, wie sein Offizium zum Leiden des Herrn beweist, das er um 1215 zusammenstellt. Es besteht aus 15 Gebeten, die er aus Psalmversen, weiteren Zitaten aus der Bibel und eigenen Zusätzen verfasst hat. Er hat ein gutes Gedächtnis, das ihm hilft, sich Gehörtes und Gelesenes einzuprägen.

Über Krieg und Aussatz zum Ausstieg

In kriegerischen Zeiten träumt Franziskus davon, ein Ritter zu werden und Kriegsruhm zu erwerben, doch da gerät er in Gefangenschaft und schmachtet über ein Jahr im Kerker von Perugia. Krank kommt er wieder heim, losgekauft vom Vater. Während es ihm so elend zumute ist, hat er plötzlich einen Blick für die Ausgegrenzten, die Leprakranken, die er vorher gemieden hat. Er überwindet sich, geht zu ihnen, wäscht sie und verbindet ihre Wunden. Dieser soziale Dienst im Hospiz unten in der Ebene vor Assisi wird für ihn zum Wendepunkt in seinem bürgerlichen Leben. Später, als er sein Testament diktiert, sagt er: „So hat der HERR mir gegeben, ein Leben der Buße zu beginnen; er hat mich unter die Aussätzigen geführt, und ich habe ihnen Barmherzigkeit getan.“Von da an ist er ein anderer Mensch, der seine Mitte gefunden hat; er zieht sich zum Gebet zurück, sucht Kirchen auf. Eines Tages bei der Messfeier schlägt dann das Evangelium wie ein Blitz bei ihm ein. Er hört, wie Jesus seine Apostel aussendet: „Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Heilt Kranke, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Nehmt kein Geld mit, keine Vorratstasche, kein zweites Hemd, keine Schuhe. … Wenn ihr in ein Haus kommt, dann wünscht ihm Frieden“ (Mt 10,7–10.12).

Franziskus beginnt sich nun von zu Hause zu lösen, er verschenkt Stoffe und Pferd, lebt von Gelegenheitsarbeiten und repariert Kirchen. Vom Vater angeklagt, kommt es zu einem Prozess vor dem Bischofshaus. Er verzichtet auf sein Erbe und gibt dem Vater alles zurück, auch sein letztes Hemd. Unter Berufung auf das Vaterunser sagt er: »Von jetzt an will ich nicht mehr sagen „Vater Bernardone“, sondern nur noch „Vater unser im Himmel“ „(2 Cel 12: FQ 307). Er steigt aus. Sein Leben schockiert, rüttelt auf: Die einen halten ihn für verrückt, andere werden nachdenklich. Als sich ihm zwei ehemalige Freunde anschließen – Bernhard und Petrus –, da sagt Franziskus nicht: Wir überlegen mal, wie und wo wir zusammenleben können, sondern alle drei gehen zur Kirche am Marktplatz und praktizieren das Bibellos. Sie schlagen dreimal das Evangelienbuch auf und finden zuerst den Rat Jesu: „Wenn du vollkommen sein willst, geh und verkaufe, was du hast, und gib den Erlös den Armen“ (Mt 19,21), dann den Rat: „Nehmt nichts mit auf den Weg …“ (Lk 9,3), und beim dritten Öffnen erfahren sie, wie sie Jesu Freunde werden können: „Wer mein Jünger sein will, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt 16,24). Diese populäre Bibelbefragung, die uns Johannes von Perugia erzählt, bestätigt die Art und Weise, wie die drei im Grunde schon lebten. Von daher fährt Johannes von Perugia fort: „Als sie dies vernahmen, hatten sie große Freude und sagten: „Das ist’s, was wir wünschten, das ist’s, was wir suchten.“ Und Franziskus sprach: „Dies wird unsere Regel sein“ (AP 11: FQ 582). Tatsächlich findet man die drei Stellen im ersten Kapitel der Regel.

Vom Wort zum Leben

Wie sehr das Neue Testament das Leben der jungen Gemeinschaft inspiriert, ist leicht an der Regel zu erkennen. Diese wächst mit der Gruppe der herumziehenden Brüder. Für jedes auftretende Problem wird die Heilige Schrift befragt. Dass „kein Bruder eine Machtstellung oder ein Herrscheramt innehaben soll“ (NbR 5,9), wird mit Matthäus 20,25–26 begründet. „Sie sollen durch die Liebe des Geistes einander freiwillig dienen und gehorchen“ (NbR 9,14) leitet sich von Galater 5,13 her. Im Verhalten zu den Kranken gilt die Goldene Regel: „Was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen“ (Mt 7,12). In der Frage, wie man sich unter Muslimen verhalten soll, schlägt nicht nur die Sendungsrede durch (Mt 10,16), sondern auch der 1. Petrusbrief: Die Missionare sollen „um Gottes willen jeder menschlichen Kreatur untertan sein“ (NbR 16,6; vgl. 1 Petr 2,13). Nach Auskunft des Chronisten Jordan bat Franziskus den in der Heiligen Schrift kundigen Cäsar von Speyer, bei der Redaktion der Regel zu helfen und sie „mit Worten des Evangeliums zu schmücken“ (Jord 15: FQ 979). So stark ist sie von der Frohen Botschaft geprägt, dass sie mit den Worten beginnt: „Regel und Leben der Minderen Brüder ist dieses: unseres Herrn Jesu Christi heiliges Evangelium beobachten“ (BR 1,1). Und sie schließt mit der Verpflichtung, „die Armut und Demut und das heilige Evangelium unseres Herrn Jesus Christus zu beobachten, was wir fest versprochen haben“ (BR 12,4). So ist das Evangelium die Klammer der ganzen Regel, das Prinzip ihrer Auslegung.

Vom Wort zur Tat

Es geht Franziskus nicht darum, die Bibel möglichst gut zu kennen und viel von ihr zu wissen. Sein Ziel ist die Praxis. Weil Jesus im Evangelium sagt: „Niemand ist gut außer Gott“ (Lk 18,19), will er niemanden und nichts gut nennen, preist aber umso mehr Gott als „höchstes Gut, ganzes Gut, der du allein gut bist“ (PreisHor 11). „Weil Jesus seinen Verräter Freund genannt hat (Mt 26,50), sind jene unsere Freunde, die uns Drangsal und Ängste, Schmach und Unrecht, Marter und Tod antun; und diese müssen wir sehr lieben“ (NbR 22,2-5). Das Prinzip der Praxis erkennt man auch daran, dass Franziskus das erste Neue Testament, das im Orden vorhanden ist, als Almosen verschenken lässt mit der Begründung, „dass es dem HERRN und seiner Mutter mehr gefällt, wenn wir tun was darin steht, als wenn wir bloß in ihm lesen“ (2 Cel 91: FQ 350).

Franz von Assisi erfährt aus der Bibel Orientierung und Hilfe für sein Leben. Als sich Männer und Frauen um ihn scharen, gibt er ihnen Weisungen, die auf der Bergpredigt beruhen, und für seinen Orden will er nichts anderes, als das Evangelium befolgen. Es ist für ihn Geist und Leben. Darum ehrt er die Theologen und Prediger als solche, „die uns Geist und Leben spenden“ (Testament 3). Das Evangelium vermittelt Leben, ist vital, besonders wenn es mitgeteilt und miteinander geteilt wird. Darum sind Bibelrunden, Gesprächskreise und Tage mit der Bibel so wichtig und wertvoll.


Leonhard Lehmann OFMcap: Der Kapuziner, emeritierter Professor für Ordensgeschichte und Spiritualität, lebt in Münster. Er ist ein international renommierter Fachmann für franziskanische Spiritualität. Unter anderem hat er die Franziskus-Quellen herausgegeben.

Erstveröffentlichung: Zeitschrift Franziskaner Frühjahr 2020


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