25.11.2020 Stefan Federbusch OFM

Was ist Friedenstheologie?

„Können wir es uns leisten, auf den Gewaltverzicht Jesu zu verzichten?“

Was ist Friedenstheologie? „Können wir es uns leisten, auf den Gewaltverzicht Jesu zu verzichten?“ Buchrezension von Stefan Federbusch OFM.

In seiner Einleitung beschreibt der Herausgeber Thomas Nauerth die doppelte Intention des Werkes. Es möchte zum einen eine kleine Selbstvorstellung des 2018 gegründeten Ökumenischen Instituts für Friedenstheologie sein, zum anderen eine Selbstvorstellung dessen, was mit Friedenstheologie zu bezeichnen ist. „Christliche Friedenstheologie führt auf unterschiedliche theologische Wege. Christliche Friedenstheologie führt aber immer, das zeigt dieses Buch deutlich, zu Ablehnung von tötender (militärischer) Gewalt als einem legitimen politischen Mittel“ (11). Das Buch vereinigt die höchst unterschiedlichen Beiträge von 22 Autoren und Autorinnen, darunter Artikel, die bereits in anderen Zusammenhängen und vor längerer Zeit erschienen sind, sowie Artikel, die speziell für dieses Werk verfasst wurden. Die weibliche Sicht ist mit 5 Autorinnen deutlich unterrepräsentiert und noch ausbaufähig.

„Neben Versuchen, auf die Frage „Was ist Friedenstheologie“ eine direkte Antwort zu geben… finden sich eindringliche exegetische und biblische Detailanalysen… gefährliche Erinnerungen an große Vorgänger und Zeugen…, praxisorientierte spirituelle und homiletische Beispiele friedensethischer Orientierung…, ein Versuch, Friedenstheologie interreligiös zu verorten … und eine Erkundung der Anschlussfähigkeit an bestehende Theologiekonzepte“ (12).

Als Gestaltungsformat „Lesebuch“ ist als Zielgruppe neben der Wissenschaft die Gemeinde in-tendiert als „Anstöße auch für diejenigen, die Christsein an der Basis, in den Gemeinden, in Friedensbewegungen, in Verbänden und an vielen anderen Orten (gewaltfrei) zu leben versuchen“ (12). Das Werk weist keine inhaltliche Systematik auf, die Beiträge sind ohne Gliederung in der alphabetischen Reihenfolge der Autoren und Autorinnen Namen hintereinander angeordnet, so dass sie nicht in der vorgegebenen Reihenfolge studiert werden müssen, sondern wie einzelne Per-len entdeckt und gelesen werden können.

Das ansprechende Cover weist bereits bildlich die Richtung. Es zeigt einen Ausschnitt aus dem Gemälde „Peaceable Kingdem“ (um 1834) von Edward Hicks (1780-1849) mit Verweis auf den Propheten Jesaja (11,6-8) mit seiner Vision vom Tierfrieden. Er hat um die achtzig Mal in seinen Bildern Bezug genommen auf den Quäker William Penn, den Gründer des Staates Pennsylvannia. Das Besondere besteht darin, dass der Gründung friedliche Verhandlungen mit der indianischen Urbevölkerung vorausgingen und es Penn gelang, ein friedliches Zusammenleben zu gewährleisten. Dies auf der Basis einer biblischen Friedenstheologie.

Der Beitrag von Peter Bürger ist insofern ein Türöffner, da er Friedenstheologie als „zivilisatorischen Ernstfall“ betrachtet. „Im Zentrum steht die Befreiung von jenem Zwangskomplex der Gewalt, der im Äußersten zur suizidalen Zerstörung der Lebensgrundlagen unserer Gattung führt“ (33). Der menschengemachte Klimawandel lässt für eine Umkehr und Transformation nicht mehr allzu viel Zeit.

Friedenstheologie beruft sich auf das Handeln Jesu. Die biblische Begründung und Fundierung bietet Georg Steins mit seiner Darlegung: „‘Seid vollkommen, auf das Ganze bedacht!‘ Biblische Grundlagen kreativer Gewaltfreiheit.“ Er verweist auf den Begriff von Walter Wink vom „Mythos der erlösenden Gewalt“. „Es ist der tief verwurzelte Glaube, dass nur über die tödliche Gewalt Sicherheit, Frieden und Heil zu gewinnen sind. Das Evangelium, die biblische Botschaft von Gottes Engagement für die Welt, erzählt dazu die große Gegengeschichte“ (208).

Hingewiesen sei an dieser Stelle nur auf die vier Artikel, die sich unmittelbar der Frage widmen, was Friedenstheologie ist. Matthias W. Engelke hat sie als Überschrift über seinen Beitrag gewählt. Er unterscheidet Friedenstheologie, die er christologisch als Gegenwart Jesu Christi in der Gemeinde verortet von einer Friedensethik, die auf den Einzelnen zielt. Friedenstheologie verschreibt sich der Gewaltfreiheit Jesu und widersetzt sich der Kriegsreligion. „Kriegsreligion liegt dort vor, wo militärisch tötende Gewalt mit kirchlichen und/oder religiösen Mitteln legitimiert wird und wo der Krieg selbst als transzendente Größe erscheint“ (56).

Der Artikel „Friedenstheologie ist wie ein Baum“ von Rainer Schmid beschreibt Friedenstheologie im Bild eines Baumes, dessen Wurzel Jesus Christus ist. Ecclesia semper reformanda heißt zurück zu den Wurzeln. Re-formieren als Zurückformen. Der Stamm des Baumes sind jene Menschen, die durch die Jahrhunderte Jesus Christus nachgefolgt sind. „Die Äste des Baumes berühren die Äste der Nachbarbäume, das sind die anderen Religionen und Wissenschaften.“ Friedenstheologie denke global viele Themen wie Klimaschutz, Migration, Genderfragen, fairen Handel und vieles andere mit, solle sich im Kern aber auf die Frage konzentrieren: „Dürfen wir angesichts dessen, was Jesus Christus gesagt und getan hat, Waffen benutzen oder nicht“ (155). Für Schmid steht fest: „Mit der Bergpredigt lässt sich Politik machen, und zwar bessere Politik. Pazifisten sind die besseren Realisten und Verantwortungsethiker“ und: „Friedenstheologie fordert deshalb auch unbequeme Dinge, wie die Abschaffung von Bundeswehr und NATO, die Konversation von Kasernen und Rüstungsfirmen, ein Ende der Militärkonzerte in Kirchen, und dass die Kirchen die Soldatenseelsorge wieder – wie es in den östlichen Landeskirchen zur Zeit der DDR üblich war – in die eigene Hand nehmen sollen“ (156).

Und noch ein dritter Beitrag bezieht sich explizit auf die jesuanische Botschaft: „Das Wesentliche der biblischen Friedensbotschaft erkennen“ von Theodor Ziegler. „Eigentlich müsste jede Theologie Friedenstheologie sein“, so sein einleitender Ansatz. Jede spezifische Theologie habe ein Vorinteresse und eine inhaltliche, dem Leben dienende Positionierung. „Wenn als Vorinteresse der Friedenstheologie die Überwindung von Gewalt bis hin zum Krieg anzunehmen ist, dann stehen die biblischen Impulse für die Versöhnung von Feinden, für eine solidarische Lebensweise, für eine am Gemeinwohl orientierte Wirtschaftsform und für gewaltfreie Konfliktregelungen im Fokus“ (241). In der kirchlichen Wirklichkeit stehen sich jedoch zwei Spuren gegenüber: die pazifistische und die nunmehr über 1.700 Jahre alte, auf politische Anschlussfähigkeit bedachte Verantwortungsethik. Laut Ziegler bedarf es einer „theologischen Rückbesinnung auf die biblischen Kernaussagen mit dem Ziel einer von ihren Friedensgedanken geleiteten – friedenslogischen – Theologie und daran orientierten Ethik“ (242). Dienlich dazu wäre die Einrichtung eines Lehrstuhls für Friedenstheologie an einer der deutschen Universitäten.

Das Stichwort „Friedenstheologie“ taucht noch einmal im Titel des Beitrags von Marie Noelle von der Recke auf: „Friedenstheologie – fünf Grundpfeiler aus friedenskirchlicher Perspektive“. Diese sind: 1. Grundpfeiler: Wenn wir in der Gemeinde über Frieden und Friedenstiften reden, sprechen wir vom Kern unseres Glaubens. 2. Grundpfeiler: Wenn wir über Frieden und Frieden-stiften reden, reflektieren wir darüber, wie wir leben und handeln. 3. Grundpfeiler: Der Friede im biblischen Sinn ist ganzheitliches Wohlergehen. 4. Grundpfeiler: Nicht die Gewalt erlöst, sondern die Liebe. 5. Grundpfeiler: Eine Kirche, die den Friedensauftrag Jesu lebt und verkündet, nimmt Gottes Willen für die ganze Welt vorweg.

Friedenstheologie will einerseits eine wissenschaftlich fundierte Reflexion bieten, andererseits wird sie konkret im Alltag gelebt. Somit verkörpert sie sich in Personen, die durch ihr Leben und Werk die Botschaft Jesu als im guten Sinne Provokation (Herausrufung aus gewaltbelasteten Zuständen) prophetisch realisiert haben. Exemplarisch dafür stehen Franz von Assisi (Stefan Federbusch), Dietrich Bonhoeffer (Johannes Weissinger), Helmut Gollwitzer (Gottfried Orth) und Michael Sattler (Wolfgang Krauß), die in kurzen Beiträgen vorgestellt werden.

„Können wir es uns leisten, auf den Gewaltverzicht Jesu zu verzichten?“ lautet Frage 14 im ab-schließenden „Christlicher Fragebogen Frieden“ (246-247). Das Lesebuch Friedenstheologie bietet ausreichend Material und Anregungen zur Beantwortung dieser Frage.

Bibliografie

  • Thomas Nauerth (Hg.)
  • Was ist Friedenstheologie?
  • Ein Lesebuch
  • Edition pace 12
  • 258 S.
  • Books on Demand,
  • Norderstedt 2020
  • ISBN: 978-3-7526-4444-9
  • Preis: 9.80.- Euro

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