18.02.2022 Pater Thomas Ferencik

Wenn das Vertrauen schwindet, kommt die Angst

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Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Pater Thomas Ferencik mit Studierenden der KHG Hamburg

Ich bin in der DDR, in Halle an der Saale, aufgewachsen. Als Schüler wurde mir beigebracht, dass die Staaten jenseits des antifaschistischen Schutzwalls (innerdeutsche Grenze) aggressiv und unmenschlich sind. So stand im Lehrplan für Staatsbürgerkunde: „Die Schüler sind zu der Einsicht zu führen, dass die BRD der NATO-Staat mit der stärksten ökonomischen und militärischen Macht in Europa ist, der aggressive Ziele verfolgt.“ Eigentlich hätte ich Angst vor den Westdeutschen und den anderen westlichen Ländern haben müssen – hatte ich aber nicht. Andere Quellen sagten mir nämlich, die im Westen sind gut und setzen sich für die Rechte und Freiheit des Menschen ein.

Inzwischen genieße ich die Freiheit und anerkannte Menschenwürde eben dieser westlichen Staaten. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass es nicht Schwarz oder Weiß, gut oder schlecht gibt. Ich musste miterleben, wie die „Guten“ mit Falschinformationen einen Krieg beginnen, wie ihre Drohnen zivile Opfer töten, wie sie ihre Geschäfte zulasten der Menschenrechte tätigen oder gar Menschen völkerrechtswidrig wegsperren. In der Seemannsmission Hamburg hängt eine Weltkarte, die Einblicke in das Denken von Ronald Reagan (40. Präsident der USA) wiedergibt. Da stehen Begriffe wie „unser Öl“, „unser China“ oder „Bananenland“ als Bezeichnung für unterentwickelt.

Ja, der Westen hat viel Gutes bewirkt und ist sicherlich im Ranking oben anzusiedeln. Aber mein vorbehaltloses Vertrauen von damals hat er für immer vergeigt. Vielleicht beginnt schon, während ich diese Zeilen schreibe, ein Krieg zwischen der Ukraine (dem Westen) und Russland. Könnte ich mit ganzem Herzen sagen, ich befinde mich hier in Deutschland auf der guten Seite?

Die Russen haben aber angefangen, so der allgemeine Tenor in den Social Media. Das lässt mich ein wenig innehalten, um über den eigentlichen Beginn des Konflikts nachzusinnen. Ist der Anfang nur das, was ich kenne und sehe? Oder verbirgt sich dahinter ein Geflecht an unzähligen Handlungen, die zu dieser Situation geführt haben? Ist wirklich nur immer einer Schuld? Der Blick auf das Ganze ist nicht einfach. Geschichtliche Entwicklungen kann ich vielleicht noch nachverfolgen. Aber wer hat wann welche Waffen geliefert? Wer ist cybermäßig aggressiv in fremdes Territorium eingedrungen? Welche Geheimdienstler sind wo unterwegs und stiften Unruhe? Und welche Ideologen lauern im Hintergrund auf ihre Chance und geben locker ihr Geld aus, um die Krise anzuheizen? Welchen Nachrichten und Bildern kann ich trauen?

Vielleicht liegt es am Alter, aber im Unterschied zu damals, als der Kalte Krieg tobte, habe ich heute Angst. Angst, die mich mit vielen Menschen in Europa und besonders in der Ukraine und auch in Russland verbindet. In einem Film wird gesagt: „Ich hoffe, dass der Wille der Vernünftigen ausreicht, um die Krise abzuwenden.“ Das war damals zur Kubakrise. Heute würde ich gern hinzufügen: Ich hoffe, dass nicht nur der Wille der Vernünftigen ausreicht, sondern auch deren Einfluss stark genug ist.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
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