Monika Schachner (Kleine Zeitung - Graz)

Wer die Wahl hat, hat die Qual

Über die Tyrannei der Wahl - Verzichten ist nichts Negatives

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Supermarktangebot. „Wer die Wahl hat, hat die Qual…“ Bild von flickr/lyza

Rot oder grün, Erdbeeren oder Marillen, lang oder kurz – wir leben in einer Zeit des Überflusses und müssen fast im Minutentakt Entscheidungen treffen. Wie damit umgehen?

Manchmal erscheint das Leben als endloses Herumirren in einem Wald von Möglichkeiten. Viele Psychologen sprechen sogar von einer „Tyrannei der Wahl“.

Dazu eine Geschichte des amerikanischen Erfinders und Staatsmannes Benjamin Franklin: Ein junger Mann bat ihn um Rat, weil er sich nicht zwischen zwei Frauen entscheiden konnte. Franklin riet ihm, auf einem Blatt Papier die Vor- und Nachteile der einen und der anderen Frau zu notieren. Dann sollte er zählen und jene Frau nehmen, die mehr Punkte hat. Der junge Mann tat das. Als die Siegerin feststand, wurde ihm aber rasch klar, dass es die andere war – er entschied sich dann auch für diese. Der Verstand hatte nicht gesiegt, aber dem Gefühl auf die Sprünge geholfen. Und genau das ist der Punkt: Bei Entscheidungen sind wir immer im Dilemma zwischen Kopf und Bauch, zwischen Verstand und Intuition.

Die Jesuiten, Stefan Kiechle und Johannes Maria Steinke, haben darüber zwei Bücher geschrieben, die mir sehr weitergeholfen haben: Es geht darum, Intuition und Verstand in einen guten Dialog zu bringen. Steinke spricht etwa von verschiedenen Entscheidungstypen: Es gibt Kopf-, Herz- und Bauchmenschen. Es gibt den spontan-emotionalen, den kontrolliert-rationalen, den innerlich widersprüchlichen und den ausgeglichenen Typ. Er empfiehlt fünf Schritte zur Entscheidungsfindung:

  • Erstens: Die Situation wahrnehmen, in sich gehen, durchatmen.
  • Zweitens: Die Entscheidung gut vorbereiten, die Frage klar formulieren, sich Überblick verschaffen, sich über eigene Ziele und Sehnsüchte klar werden.
  • Drittens: Kriterien abwägen, auf das Bauchgefühl hören, sich die Frage stellen, ob es zu den eigenen Werten passt und inneren Frieden bringt.
  • Viertens: Die Entscheidung entschlossen treffen – auch wenn ich mir nicht ganz sicher bin.
  • Fünftens: Die Entscheidung auswerten, sind die Auswirkungen gut und hält der innere Frieden an?

Multitasking ist ebenso ein Phänomen unserer Zeit

Frauen haben tendenziell den geweiteten Wahrnehmungsblick, Männer den fokussierten. Mittlerweile wird aber von „Eva und Adam“ dieses gleichzeitige Tun gefordert. Das gibt uns zwar das Gefühl, effizient zu arbeiten, doch das ist ein Trugschluss. Denn die Qualität leidet darunter. Informationen können zwar parallel verarbeitet werden, aber eine schiebt sich nach vorne. Je älter man wird, desto mehr nimmt auch die Reaktionsfähigkeit ab, Multitasking überfordert dann. Cortisol und Adrenalin werden ausgeschüttet, das führt zu Stress, Gereiztheit, Schlafstörungen. Was kann man da machen?

Die Lösung liegt in einer optimierten Selbstorganisation: Checklisten mit den anfallenden Arbeiten machen, realistisch planen, 40 Prozent Zeitfenster für Überraschungen einbauen, nach Dringlichkeit kategorisieren und Erledigungszeiträume dafür festlegen. Wichtig ist es, auch Zeiträume zu schaffen, in denen man ungestört arbeiten kann. Das kann man auch seinem Chef so kommunizieren: Ich erledige eine Aufgabe, die du mir aufgetragen hast und komme nach dieser Zeit mit einem konkreten Ergebnis zurück. Am Ende des Tages ist es dann ratsam, bewusst Feierabend zu machen und etwa in die Natur zu gehen.

Manchmal schiebt man auch Aufgaben endlos vor sich her

Ein bisschen aufschieben ist normal. Manchmal hat es auch Sinn, weil es im Inneren arbeitet. Aber für die alltäglichen Dinge ist das anders. Um diese „Aufschieberitis“ in den Griff zu bekommen, gibt es auch Tipps: Ordnung schaffen, Störfaktoren wie Telefon oder Internet für eine bestimmte Zeit abschalten, pünktlich anfangen, Aufgaben in kleinen Schritten samt Priorität niederschreiben, vernünftig planen, sich für erreichte Zwischenziele belohnen.

Wie viel Auszeit braucht der Mensch?

Immer mehr Menschen nehmen sich eine Auszeit, gehen einen Pilgerweg oder ziehen sich ins Kloster zurück.

Ein Tag ist wie ein Leben: Du startest in den Tag wie bei der Geburt, du durchlebst ihn und gehst am Abend zu Bett, so wie man stirbt. Der Schlaf ist der kleine Bruder des Todes. Und da muss es Zeiten des Tuns und des Ruhens geben – im Kloster nennen wir das die „vita activa“ und die „vita contemplativa“: Zeiten, in denen viel getan wird und Zeiten, in denen gebetet wird. Ich persönlich mache nach dem Mittagessen einen Powernap – wie das heute heißt – und spanne mich eine halbe Stunde aus. Am Computer habe ich ein Programm installiert, das regelmäßig meldet: aufstehen und bewegen!

Auszeit heißt auch, in Gedanken versunken zu sein, das Tagträumen üben. Größere Auszeiten sind wiederum ein Innehalten im Alltag, ein Rückblick, eine Bilanz ziehen. Das muss geplant sein: Was motiviert mich, was ist mein Hauptanliegen? Wie belastet ist meine berufliche oder private Situation? Wie möchte ich meine Auszeit gestalten und wovon lebe ich in dieser Zeit? Wo liegen meine Neigungen und meine vernachlässigten Bedürfnisse? Und mit wem muss ich das abstimmen.

Verzichten ist nichts Negatives, sondern es schenkt uns einen „Mehrwert“

Man darf sich dabei aber nicht unter Erfolgsdruck setzen, die Belohnung ist das, was gelingt. Und wer Zeit für sich hat, wird zu Tieferem finden – oder religiös gesprochen: Er wird auf einmal Gott entdecken.

 

Aus einem Interview mit Bruder Christoph Kreitmeir. Geführt hat dies Monika Schachner, Kleine Zeitung Graz, am 14.02.2016.

Bruder Christoph ist Franziskaner und lebt im Wallfahrtskloster in Vierzehnheiligen. Er ist bekannt durch seine fundierten Buchveröffentlichungen zum Thema Spiritualität.

Besuchen Sie die Webseite von Bruder Christoph

Lesetipp

Sehnsucht Spiritualität  – „Wenn du dich wirklich auf die Suche machst, dann kommt dir das Gesuchte entgegen“

  • Christoph Kreitmeir
  • Gebundene Ausgabe, 288 Seiten
  • Gütersloher Verlagshaus
  • ISBN-10: 357908514X
  • ISBN-13: 978-3579085142
  • Preis: 17,99  Euro

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