24.12.2020 Provinzialminister Cornelius Bohl

Wer weiß, wozu das gut ist?!

Ein franziskanischer Blick auf Weihnachten

„Unsere Straße führt auf ein neues Wohnhaus zu, an dem seit Monaten gebaut wird. Ein Aufzug zieht Karren mit Mörtelsäcken hoch und transportiert leere Karren wieder hinunter. Tinka will genau wissen, wie das funktioniert. Ihr neuer, unerschütterlicher Glaube, dass alles, was existiert, ‚zu etwas gut ist‘, ihr zu etwas gut ist. Wenn ich so oft um die Kinder Angst habe, dann vor allem vor der unvermeidlichen Verletzung dieses Glaubens.“

Diese Sätze schreibt Christa Wolf zum 27. September 1960 in ihrem Buch „Ein Tag im Jahr“. Das ist eine tiefe Sehnsucht: Dass alles zu etwas gut ist. „Wer weiß, wozu das gut ist!“, sagen wir manchmal. Oder auch: „Es wird schon zu etwas gut sein.“ Ist das ein kindlicher, vielleicht sogar kindischer Glaube? Erwachsensein heißt doch auch, zu erfahren, dass eben nicht alles zu etwas gut ist. Vieles ist einfach nur sinnlos. Es gibt Leid, Schmerzen, Grausamkeiten, die nie und nimmer gut sind. Es ist eine Verhöhnung der Opfer, dann von außen zu sagen, dies sei zu etwas gut.

Bei Rückblick auf dieses zu Ende gehende Jahr wird oft die Frage gestellt, ob wir aus Corona etwas lernen. Vielleicht lernen wir ja eine neue Demut, weil wir spüren, wie verletzlich wir sind. Die weltweite Pandemie könnte zu weltweiter Solidarität führen. Als Kirche werden wir mit der Frage konfrontiert, ob wir „systemrelevant“ sind. Ist also Corona doch auch zu etwas gut? Sind meine persönlichen Krisen zu etwas gut, dunkle Zeiten und Abschiede in diesem zu Ende gehenden Jahr?

Fresko im Kloster Greccio, an dem Ort, an dem der heilige Franziskus das Krippenspiel erfand. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz

Ein franziskanischer Blick auf Weihnachten erinnert sich der ersten Krippenfeier, die Franz von Assisi in Greccio gefeiert hat. Da fällt mir dieses Jahr Dreierlei auf.

Beim „Gedächtnis an jenes Kind, das in Bethlehem geboren wurde“, möchte Franziskus „die bittere Not, die es schon als kleines Kind zu leiden hatte, so greifbar als möglich mit leiblichen Augen schauen“. Das klingt gar nicht weihnachtlich: Die Augen weit aufmachen für bittere Not. An Armut und Leiden erinnern. Wahrscheinlich möchten die meisten Menschen an Weihnachten genau das Gegenteil: wenigstens ein paar Stunden im Jahr ein bisschen Ruhe und Frieden und nicht schon wieder an das ganze Elend erinnert werden. Also eher Augen zu und etwas Besinnung auf mich selbst – als Augen auf und den gewohnten Mist sehen. Ehrlich gesagt, das wünsche ich mir auch. Die Mystiker haben Recht: Jesus muss in mir geboren werden. Aber solche Innerlichkeit geht nicht ohne die „Mystik der offenen Augen“ von Greccio. Also nicht: Augen zu und durch. Sondern: Augen auf und rein! Die Menschwerdung Gottes öffnet die Augen für Menschen in Not. Sie ist in den meisten Fällen zu nichts gut!

Der Wechsel ist abrupt: Kurz nach der „bitteren Not“ erfahren wir, dass Franziskus in Greccio „von wunderbarer Freude überströmt“ und alle, die mitfeiern, „mit neuer Freude erfüllt“ werden. Das ist nicht die Freude eines harmonischen Weihnachtsfestes. Es ist die Freude darüber, dass Gott auch in bitterer Not da ist. Das Leiden wird damit nicht weniger leidvoll. Es hat damit nicht sofort Sinn. Aber mitten in der Erfahrung von Sinnlosigkeit kann ich seine Gegenwart erfahren. Bei den Diskussionen über den neuerlichen Lockdown und das andere Weihnachten dieses Jahr habe ich manchmal gedacht: Christen haben Weihnachten schon im Schützengraben, auf der Flucht, im Gefängnis oder im Konzentrationslager erlebt. Und tun das auch heute! Wir Franziskaner unterstützen die Aktion „Kein Weihnachten in Moria“. Also: Augen aufmachen und Not sehen. Es ist zu nichts gut, dass Menschen in Moria vegetieren. Aber wenn Gott wirklich Mensch geworden ist, dann muss es auch in Moria und auf einer Intensivstation Weihnachten werden können.

Am Ende wird Thomas von Celano dann sehr theologisch: Über dem Ort der Krippe habe man später einen Altar und eine Kirche gebaut, „damit dort, wo einst die Tiere das Heu fraßen, Menschen das Fleisch unseres Herrn Jesus Christus genießen könnten, der in unaussprechlicher Liebe sich für uns hingegeben hat und nun lebt und herrscht durch alle Ewigkeit. Amen. Alleluia.“ Hebt Thomas hier ab? Eigentlich sagt er nur, wenn auch etwas blumig, was Christen glauben: Durch seine Menschwerdung, sein Leiden und seinen Tod hat Jesus sich „für uns hingegeben“ und uns „erlöst“. Also war das Leiden tatsächlich für etwas gut. Es war gut für uns.

Ist das ein Kinderglauben, der sich nicht damit abfinden kann, dass nicht alles zu etwas gut ist? Ist christlicher Glaube unerwachsen, weil er nicht wahrhaben will, dass vieles schlichtweg sinnlos ist? Baue ich mir als Christ eine kleine heile Welt, wenn ich darauf vertraue, dass manche Not zu etwas gut sein kann, wenn Menschen sie mit den Erfahrungen Jesu verbinden? Ich habe keine Scheu, mich zu diesem Glauben zu bekennen, auch wenn er heute den meisten Menschen naiv erscheinen muss. Wenn es Gott wirklich gibt und wenn er wirklich in diese Welt kommt, wie wir es an Weihnachten feiern, dann öffnet dieser Glaube die Augen für die Not der Menschen. Aber dann sagt er auch, dass Mensch und Welt nicht irgendwann einfach nur sinnlos wieder verschwinden und sozusagen „zum Teufel gehen“. Ich darf auch dort vertrauen, wo ich nicht weiß, zu was etwas gut ist.


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