07.11.2017 Von Chi Thien Vu ofm

Vietnambericht: „Wie in einer anderen Welt zuhause sein“

Eine Zeit unter den geistig behinderten Menschen - Das Haus Ân Phúc/Can Tho/Cái Rang/Vietnam

Bruder Chi Thien mit einem der Hausbewohner. Bild von Chi Thien Vu.

Kurz zum Titel meines Berichts, warum meine Zeit hier in Can Tho im Heim An Phuc eine Ausnahmezeit ist. Es ist ein Heim, das die Brüder vor ca. 5 Jahren gebaut haben. Darin finden ca. 40 geistig behinderte Menschen aus nah und fern ihr Zuhause. Es ist für mich wie in einer anderen Welt, da die Bewohner besondere Menschen sind, nicht weil sie „nicht normal“ sind, da sie allein ihren Alltag nicht bewältigen können, sondern weil sie durch schlimme Schicksalschläge krank worden sind. Einige sind von Geburt aus geistig krank. Einige wiederum lebten jahrelang obdachlos auf den Straßen und wurden von Menschen zu uns gebracht. Es ist somit keine Garantie, dass geistig gesunde Menschen nicht geistig erkranken können. Es ist ein Leben, das ich schätzen gelernt habe, in welcher glücklichen Lage ich mich befinde.Kurz zum Titel meines Berichts, warum meine Zeit hier in Can Tho im Heim An Phuc eine Ausnahmezeit ist. Es ist ein Heim, das die Brüder vor ca. 5 Jahren gebaut haben. Darin finden ca. 40 geistig behinderte Menschen aus nah und fern ihr Zuhause. Es ist für mich wie in einer anderen Welt, da die Bewohner besondere Menschen sind, nicht weil sie „nicht normal“ sind, da sie allein ihren Alltag nicht bewältigen können, sondern weil sie durch schlimme Schicksalschläge krank worden sind. Einige sind von Geburt aus geistig krank. Einige wiederum lebten jahrelang obdachlos auf den Straßen und wurden von Menschen zu uns gebracht. Es ist somit keine Garantie, dass geistig gesunde Menschen nicht geistig erkranken können. Es ist ein Leben, das ich schätzen gelernt habe, in welcher glücklichen Lage ich mich befinde.

Ich bin vor ca. 4 Wochen hierher gekommen, um das Haus An Phuc kennenzulernen. Die Brüder begannen mit dieser Arbeit deshalb, weil im Raum von Can Tho sehr viele Menschen geistig krank oder durch schlimme Ereignisse im Leben erkrankt sind. Es existieren zwei Heime für geistig behinderten Menschen, die vom Staat geleitet werden. Diese Heime können jedoch nicht alle Kranken aufnehmen. Die Brüder sehen darum ihre Aufgabe, in diesem Bereich mitzuwirken. Die Kranken werden rund um die Uhr von Brüdern und Freiwilligen betreut, sowohl medizinisch als auch im Tagesablauf.

Die Aufnahmebedingungen sind folgende

  1. Menschen, die geistig krank und obdachlos sind.
  2. Familien, die mehr als zwei oder mehr geistig Kranke haben. Vorausgesetzt sie leben in starker Armut, und können sich finanziell nicht um ihre Kranken kümmern.

Täglich werden Anfragen gestellt, ob die Brüder mehr Patienten aufnehmen können. Doch bei der derzeitigen Situation ist das nicht möglich, da es an Mitarbeitern und Finanzen fehlt.

Das Gebet und die Meditation in der Gruppe gehören zu den festen Bestandteilen der Therapie. Bild von Chi Thien Vu.

Der normale Tagesablauf im Heim

  • 5:15 Uhr Morgengebet / Frühstück für die Brüder
  • 6:30 Uhr Bewohner wecken und Morgentoilette 7:00 Uhr Heilige Messe für alle
  • 7:30 Uhr Frühstück für die Bewohner
  • Putzen (alle Bewohner sollen daran teilnehmen. Die Sauberkeit ist für die Brüder sehr wichtig.)
  • Ruhezeit in den Zimmern für die Bewohner
  • 10:30 Uhr Dusche für alle Bewohner
  • 11:00 Uhr Mittagessen für die Bewohner
  • Putzen
  • 11:30 Uhr Mittagessen für die Mitarbeiter und Brüder
  • Mittagspause
  • 14:30 Uhr Rosenkranz (Rosenkranz von der Barmherzigkeit Gottes) für alle
  • 15:00 Uhr Teatime (Kleinen Snack zu sich nehmen. Tee, Alkohol und das Rauchen sind verboten) Ich denke, dass Tee ja wohl gerade nicht verboten ist?!!
  • Freie Beschäftigung. Fitte Bewohner dürfen draußen im Garten mitarbeiten.  Andere schauen Fernsehen oder spielen.
  • 17:00 Uhr Duschen für die Bewohner
  • 17:30 Uhr Abendessen für die Bewohner
  • 18:00 Uhr Abendessen für die Brüder und Mitarbeiter
  • 19:00 Uhr Abendgebet für die Brüder
  • Nachtruhe

Ich selber kämpfe immer noch mit dem frühen Aufstehen. Menschen in Vietnam stehen nämlich sehr früh auf. Gegen 4:00 Uhr morgens wird das Leben hier schon aktiv. Einen Grund dafür konnte ich bisher nicht finden. Ist es wegen der Hitze, die gegen 7:00 Uhr schon zu spüren ist? Oder ist es Gewohnheit? Es ist nicht nur in Vietnam der Fall, sondern auch in den Nachbarländern wie Laos oder Kambodscha zu erleben.

Ich bin den Brüdern dankbar,  das tägliche Leben mitgestalten zu dürfen. Es ist für mich wichtig, nicht aus der Ferne das Geschehen zu beobachten, sondern mitten drin zu sein. Angefangen am Morgen ist das Feiern der Eucharistie. Mit dem Bruder Vuong (Priester) durfte ich abwechselnd bei der Predigt und dem Zelebrieren der Gottesdienste mitwirken. Das Mithelfen den Bewohnern bei der Morgentoilette, beim Duschen und Anziehen erfüllt mich mit großer Freude. In ihrer Freizeit habe ich versucht, mit ihnen zu tanzen und Ballspiele zu gestalten. Es ist wunderschön sehen zu dürfen, wie sie sich trotz ihrer Behinderung bewegen können. Natürlich in ihrer beschränkten Art. Dennoch kann man durchaus vom Tanzen sprechen. Es ist nicht wichtig, ob sie richtig tanzen können oder nicht, sondern die Freude zählt. Das Lächeln in ihren Gesichtern ist nicht zu übersehen. Ähnlich wirken sie beim Ballspiel. Schon beim einfachen Zuwerfen und Fangen verändern sich ihre Gesichter. Sie strahlen mit Konzentration. Einige fangen den Ball, zu meinem Erstaunen, so präzise, dass man fast vom Reflex sprechen kann, obwohl ihre Aufmerksamkeit, anscheinend, nicht da ist. Bei einigen anderen merke ich sofort, dass sie früher schon mal oder des öfteren Ballspiele gespielt haben. Die Techniken sind durchaus vorhanden.

Es ist mir wichtig, die Freude durch diese Aktivitäten zu wecken, auch wenn sie im ersten Augenblick nicht wollen. Ich weiß nicht, welches Gefühl in den Bewohnern  dadurch geweckt wurde, aber es ist lohnenswert zu sehen, wie sie angefangen zu lachen und sich zu bewegen. Vielleicht wird bei ihnen ihre Kindheit wieder geweckt, mit welcher Freude sie diese erlebt haben? Vielleicht werden ihr früheres Leben und Erinnerungen kurz lebendig, auch wenn sie alles vergessen haben? Es sind nur meine Vermutungen und keine Tatsache, aber in dieser Richtung müssten die Gründe liegen.

Der Umgang in diesem Haus ist manchmal für mich zu harsch. So war mein erster Eindruck. Doch nach und nach kann ich nachvollziehen, warum dieser Umgang nötig ist. Einige Bewohner sind in ihrer Krankheit schwierig zu behandeln, trotz Medikamente; nur durch klare (harte) Anleitung verstehen sie, was zu tun ist. Die Brüder und Mitarbeiter tun ihre Aufgabe mit Hingabe. Ich stellte mir oft die Frage, ob ich in meiner Freizeit oder Berufung für diese Arbeit geeignet wäre? Würde ich das auch in meiner Freizeit tun wollen? Die Brüder und Mitarbeiter wurden oft von den Bewohnern aggressiv angegriffen und geschlagen, aber sie tun ihre Arbeit weiter. Ihnen ist bewusst, dass die Bewohner dies nicht mit Absicht tun, sondern aufgrund ihrer Krankheit, die sie nicht mehr kontrollieren können. Sie erzählen mir mit großer Freude, dass sie geschlagen wurden. Auch ich wurde einst von einem Bewohner, der neu zu uns kam, ins Gesicht geschlagen. Ich empfand dies als Freude, weil auch ich wie alle anderen Mitarbeiter behandelt wurde.

Trotz dieser Erfahrung kann ich hingegen nicht mit harten Worten mit den Menschen umgehen. Ich spüre insbesondere, dass ich nicht unbedingt mit harten Worten die Menschen behandeln soll, sondern mit Freundlichkeit. Dennoch besteht hier keine Kritik an den Brüdern und Mitarbeitern, sondern eine Ergänzung dazu. Da die Zahl der Mitarbeiter klein (Vier Brüder und ein Mitarbeiter) ist, haben  sie keine Zeit, um sich mit den Bewohnern zu beschäftigen, wenn dann Arbeit im Garten oder in der Baustelle angesagt ist.

Mir ist bewusst, dass meine Zeit hier kurz ist. Ich wurde einige Male gefragt, ob ich für immer hier bleiben möchte. Es berührt mich sehr, diese Frage zu hören, weil dahinter eine Bestätigung steckt, dass die Menschen mich angenommen haben.

Es ist nicht zu unterdrücken, was für ein Gefühl ich habe, wenn ich in die einzelnen Gesichter der Bewohner blicke. Es kommen in mir Fragen hoch, wie kann es geschehen, dass die Menschen so geworden sind, wie ich sie heute vor mir sehe? Was ist in ihrem Leben geschehen? Ob sie seit der Geburt krank sind oder durch, wie ich oben erwähnt habe, Schicksale krank geworden sind? Ein Mitbruder erzählte über einen Bewohner die Ursache, warum er hier ist. Seine Tochter war schwer krank und musste mehrere Male schmerzliche Behandlungen unterziehen. Er musste zusehen, wie seine Tochter stark litt. Der Schmerz, den die Tochter leiden musste, hat ihn seelisch so sehr belastet, dass er es schließlich nicht mehr sehen konnte. In seiner Verzweiflung verließ er seine Familie. Ab hier fing seine Seele an, krank zu werden. So lebte er obdachlos über 18 Jahre auf der Straße. Seine Familie konnte ihn nicht finden. Er kam in eine Pagode, um dort Arbeit zu finden, um sich auch die Zeit zu nehmen, über sich selbst nach zu denken. Auch dadurch konnte er nicht seine Schmerzen überwinden. Seine Krankheit wurde immer stärker. Die Menschen haben vom Haus An Phuc erfahren, und man brachte ihn nach Can Tho in das Heim An Phuc. Später wurde er befragt, wo er herkommt. Ein Wort „Pagode“ aus Xdorf kam aus seinen Lippen. So fuhr ein Mitbruder zum Xdorf, um nachzusehen, ob er dort Familie hat. So kam es, dass dem Mitbruder gesagt wurde, seine Familie lebe noch im Xdorf. Ich selber konnte einmal seine Frau und seine Kinder sehen, als sie ihn besuchten. So kam die Familienvereinigung nach vielen Jahren zustande.
Es ist nur ein Schicksal unter vielen, die ich hier durch die Mitbrüder erfahren darf. Jedes Schicksal ist schlimm und schmerzlich. So weiß ich, dass jeder Bewohner hier sein eigenes Schicksal zu tragen hat oder durch schlimme Schicksale gelitten hat.

Die Frage wurde oft gestellt, wie stehen die Heilungschancen im Heim An Phuc aus? Heilung ist möglich. Bewohner, die einigermaßen mit dem Alltag zurecht kommen, dürfen auf Wunsch der Familie nach Hause fahren. Zur Zeit leben fünf Bewohner bei ihren Familien seit dem Neujahrfest. Die Brüder halten ständigen Kontakt mit den Familien.

Gemeinsames Mittagessen in der großen Mensa. Bild von Chi Thien Vu.

Das Thema der geistig behinderten Menschen ist in Vietnam ein Tabu. Man spricht nicht gern über geistig behinderte Menschen. Im Kreis des Aberglaubens wirkt diese Krankheit wie die Pest oder wie eine Schande für die Familie bzw. Verwandtschaft. Es ist irgendwie schief gelaufen, dass man geistig Kranke im Hause hat. Vielleicht haben die Eltern was Falsches getan, und sind dafür bestraft worden. Es geht soweit, dass man die Krankheit als  „Gottes Strafe“ bezeichnet, weil man in schwerer Sünde lebt. Man versucht,  diese Menschen zu verbergen, bloß nicht nach außen zeigen, sonst verliert man das Gesicht. Das Gesicht verlieren ist die härteste Form der Bestrafung in der vietnamesischen Kult bzw. ganz Südostasien. Wo bleibt die Würde des Menschen? Hat Gott nicht jeden von uns mit gleicher Würde erschaffen? Auch wenn man nicht an Gott glaubt, so hat jeder seine Würde, die man nicht einfach wie Feuer auslöschen kann. Ich bin sehr negativ erstaunt, dass gerade in Vietnam, wo der Konfuzianismus (durch gegenseitige Fürsorge aller Lebewesen sollen Mikro- und Makrokosmos ihr Gleichgewicht finden) die Grundlage der Erziehung ist, solche unwürdigen Gedanken zu finden sind. Ich habe mich sehr geirrt zu glauben, dass es da eine Mitmenschlichkeit gibt, wenn ich an unsere Bewohner denke. Natürlich ist es zu loben, dass die Brüder gute Arbeit machen, denn sie sind Leuchten für die heutige Gesellschaft in Vietnam. Ein Beispiel ist die Arbeit der Brüder und des Bruders Lâm, der mit einer Gruppe von Jugendlichen jeden Sonntag zum Heim für geistig behinderten Menschen in Ô Môn, das ca. 25 Km von Can Tho entfernt liegt, fährt, um sie zu besuchen und die Kranken dort zu pflegen. Das Heim ist vom Staat geleitet und finanziert. Ich durfte einmal dabei sein und mithelfen. Ich wollte unbedingt dieses Heim, das über 500 Menschen beherbergt, anschauen, damit ich einen Vergleich zu unserem Heim An Phuc haben kann. Meine Eindrücke sind negativ. Das erste, das ich gesehen habe war, dass Menschen mit Ketten gefesselt werden, damit sie ja nicht weglaufen und ruhig gestellt werden müssen. Viele leiden unter Hautkrankheiten, sowie viele Menschen im Mekongdelta. Bis zu 30 Menschen leben in einem Zimmer. Die Bedingungen dieses Heims sind, um es kurz zu sagen, unwürdig. Das Heim beherbergt nicht nur geistig Kranke, sondern auch Kriminelle und Prostituierte, die kein Zuhause haben. Kriminelle schlagen die Patienten im Auftrag des Direktors, damit er, wenn Unfälle passieren, seine Hände rein waschen kann. Er wäscht sich rein in dieser Situation. Alle diese Eindrücke konnte ich mitnehmen. Im Vergleich gegenüber An Phuc fällt das Heim in Ô Môn sehr negativ auf. Es ist kein Vergleich. Es ist kein subjektive, sondern objektive Bewertung von mir, da ich mit meinen eigenen Augen sehen konnte.

Die jungen Menschen sind lobenswert. Sie tun dies aus Überzeugung, dass die Mitmenschlichkeit doch noch in der heutigen Gesellschaft Vietnams existiert. Sie nehmen sich Zeit für diese Menschen. Sie tun miteinander diese Arbeit, weil sie an die menschliche Würde glauben. Jeder Mensch hat seinen Wert. Sie sind positive Eindrücke, die ich selten in Vietnam wiederfinde. Natürlich bin ich noch nicht lange hier. Mein Suchen geht weiter. Umso mehr habe ich die Hoffnung, mehr von solchen positiven Beispielen in Vietnam wiederzufinden. Diese Jugendlichen haben meinen Respekt!

Das tägliche Leben im Konvent ist nicht nur geprägt von der Pflege für die Bewohner, sondern auch von den Mahlzeiten und Gesprächen. Bei jeder Mahlzeit tauschen die Brüder Informationen über die Bewohner aus. Außerdem versuchen die Brüder, so gut wie möglich auf meine Fragen zu antworten. Sei es über die Bewohner als auch über Themen des Ordens, der Gesellschaft, der Politik und Kultur und des geistlichen Lebens. Durch diese Möglichkeiten darf ich mehr über die Brüder erfahren.
Als Franziskaner wurde ich gefragt, ob ich eine Heimat im Glauben in Vietnam bzw. an dem Ort, wo ich mich befinde, gefunden habe. Beheimat sein im Glauben ist nicht gleich physisch und kulturell. Ich kann überall sein und doch im Glauben fest verankert sein. Es ist also nicht eine geographische, sondern eine spirituelle Frage. Wo habe ich meine Spiritualität im Glauben? Wo bin ich im Glauben fest verankert? Es ist nicht schwer zu erraten, welche meine Spiritualität ist. Es ist tröstlich und gleichzeitig froh zu wissen, dass die franziskanische Spiritualität überall wieder zu finden ist. Man soll nur mit offenen Augen durch die Welt gehen, und man wird sie in den Menschen, in der Schöpfung Gottes sehen. Es ist die franziskanische Spiritualität, in der ich zuhause bin. Die Brüder in Vietnam versuchen, diese in ihrem Alltag zu leben. Die Schöpfung zu bewahren, ist in Vietnam nicht einfach, wenn man durch die Straßen geht, sieht man überall Müll und Umweltzerstörung. Es ist noch kein Bewusstsein in den Köpfen der Menschen, dass eine gut funktionierende Hygiene nur zum Dienst der Menschen da ist und nicht zum Schaden. Vielleicht haben die Menschen nicht die Möglichkeit, an einer sauberen Umwelt mitzuwirken. Vielleicht sind sie zu sehr damit beschäftigt, den täglichen Reis zu bekommen. Oder vielleicht kennen sie die Konsequenzen nicht, die Folgen einer Umweltkatastrophe zu erleben? Täglich liest und sieht man in den Zeitungen und Medien über Umweltzerstörung, und zwar in großer Menge. Hier ist das Fischsterben durch Metallindustrie Formosa zu erwähnen. Gift wurde in den Fluss geleitet. Fische sterben, und die Menschen, die vom Fluss leben, haben keine Arbeit. Ihre Existenz wurde geraubt. Doch die Regierung tut nichts dagegen, weil sie nicht kann, da sie käuflich ist. Die Menschen versuchen in ihrer Verzweiflung auf die Straßen zu gehen, um für ihre Rechte zu kämpfen, doch sie wurden von der gewalttätigen Macht niedergeschlagen. Doch sie geben nicht auf. Wie aber sollen wir Franziskaner mit diesen Menschen sein? Nur aus der Ferne Solidarität mit ihnen zeigen? Hilft das Gebet? Reicht das? Für mich wird diese Frage zur Qual, sich für welche Seite zu entscheiden. Einerseits ist dies eine politische Angelegenheit, andererseits sollen wir den Menschen zur Seite stehen, die in Not sind. Es ist nicht meine Absicht, hier in Vietnam politisch aktiv zu werden, sondern bei den Armen zu sein. Mein Programm lautet „ Gottes Gegenwart in den Menschen zu entdecken“. Und zwar da, wo ich mich befinde, da wo Menschen uns brauchen. Jesus ist Mensch geworden, wo Menschen sind. Er sucht die Menschen, weil er ein Gott der Sehnsucht ist. Er will unter uns Menschen sein. Die franziskanische Spiritualität zeigt sich am stärksten in der Krippe, wo das Wort Mensch wurde. Mensch, weil ER ein Gott zum Anfassen ist. Wir können ihn spüren, da wo er sich zu spüren gibt, nämlich durch die Menschen und in den Menschen. In den letzten Monaten, wo ich mit Menschen zu tun habe, ist die Anwesenheit Gottes in der Natur und Menschen stark zu spüren. Sei es bei den Menschen in Laos, Kambodscha und hier im Heim für geistig behinderte Menschen. Wenn wir Gottes Anwesenheit in den Menschen und in der Natur erkennen und anerkennen, sind wir in der Lage, die Würde in allen zu erkennen. Wenn die Brüder und die Jugendlichen die Kranken pflegen und beherbergen, geben sie ihnen ihre Würde wieder. Die Kranken (geistig) sind nicht Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben, sondern Gottes erschaffene Kinder. Die Würde macht uns zu dem, was wir sind, nämlich mit – und füreinander gleich sein. Niemand ist besser als die anderen.

In einer Gesellschaft, in der die Menschen von Kindesbeinen an zum Überleben erzogen sind, haben sie keine zweite Wahl. Wir Franziskaner hingegen sollen geduldig im Handeln und demütig im Denken sein. Wir sollen ein Vorbild sein für die Gesellschaft. Wir dürfen sie nicht belehren, sondern Vorbild sein. Diese geistige Haltung (Spiritualität) versuchen die Brüder und ich mit und für die Menschen zu leben, mit dem, was wir haben. Das ist die missionarische Berufung der Franziskaner in Vietnam. Eine missionarische Haltung bei den Franziskanern heißt, weiterhin das Leben mit den Menschen teilen. Die Brüder dürfen nicht äußerlich reicher erscheinen als die Menschen, mit denen sie es zu tun haben. Eine demütige und bescheidene Haltung legt Franziskus uns schon ans Herz, wenn wir in die Mission gehen. Dies ist meine Ansicht und Antwort auf die Frage nach meiner Spiritualität. Natürlich könnte ich mehr darüber schreiben, doch es könnte den Rahmen meines Berichts sprengen.

Bin ich schon in Vietnam angekommen?  So lautet die Frage, die oft an mich gestellt wurde. Die Antwort beschränkt sich nur auf die Orte, wo ich mich gerade befinde. Es ist nicht einfach zu sagen, ja, ich bin schon angekommen, da jeder Ort anders aufgestellt ist. Die Zeit in Laos und Kambodscha war anders, weil ich die Sprache und Kultur nicht gut kenne. In Vietnam kann ich gut (zumindest bei den normalen Gesprächen) mit den Menschen kommunizieren. Dabei merke ich die Unterschiede der örtlichen Sprachen bzw. Dialekte. Die vietnamesische Sprache ist vielfältig. Manche Orte gebrauchen das selbe Wort für eine andere Bedeutung, für eine Sache gibt es viele Wörter etc. Dazu kommt die Aussprache, die von Region zu Region anders ist. Vietnamesisch ist eine tonale und monosyllabische Sprache (die kleinste Sinneinheit besteht aus nur einer Silbe). Wie in Laotisch und Khmer entsteht ein Sinn aus zusammengefügten Wörtern (Silben). Es gibt keine Konjugation oder Deklination wie im Deutschen. Die Tempi werden nicht geändert, sondern man setzt ein Wort, wie „gestern“ für Vergangenheit ein. Die vietnamesische Sprache wird von über 80% der Bevölkerung benutzt. Andere Sprachen, wie die der ethnischen Minderheiten, werden nur bei den jeweiligen Volksgruppen gesprochen. Nur eine kleine Expedition über die vietnamesische Sprache. Ich hoffe, mehr von dieser Sprache lernen zu können.

Wie sind die Menschen? Sind sie nett?

Zu den Therapeutischen Maßnahmen gehören auch sportliche Betätigungen. Bild von Chi Thien Vu.

Ich habe hauptsächlich mit den Bewohnern des Hauses, den Freunden des Hauses, den Brüdern und den Jugendlichen von Thien Dang (Jugendgruppe in Can Tho) zu tun. Daher kann ich nur wenig über die Menschen allgemein schreiben. Die Zeit ist dafür viel zu kurz, um beurteilen zu können, wie die sind. Eines habe ich von den Brüdern und selbst beobachtet. Die Menschen sind offen. In der Umgebung leben viele Hoa Hao Buddhisten. Hoa Hao ist eine Glaubensrichtung des Buddhismus in Vietnam. Der Hoa Hao ist eine vereinfachte Form des Buddhismus. Religiöse Elemente werden oft zur Heilung eingesetzt. Im Jahre 1939 wurde diese von Huynh Phu So gegründet. Hoa Hao wurde unter dem kommunistischen System mehrmals verfolgt, weil sie sich dem Staat nicht unterordnen möchte. Die Menschen hier leben nach diesem Glauben, sie strahlen eine friedliche Kraft aus. Ein Bekannter von uns hilft dem Hause immer wieder mit Essensspenden und geistiger Unterstützung. Daher kann ich aus dieser Beobachtung nur Respekt haben gegenüber Menschen, die dem Hoa Hao Buddhismus angehörig sind. Es ist subjektiv von mir zu beurteilen, nicht aber allgemein zu bewerten.

Unsere Haltung gegenüber religiösen Gemeinschaften ist tolerant und akzeptant, dies kann ich mit Sicherheit sagen, denn sie entstand aus einer franziskanischen Tradition (vgl.  die Begegnung zwischen Franziskus und Sultan). Ich wurde in den Tagen hier dazu motiviert, mehr Sport zu machen. So lief ich immer mit einem Mitbruder durch die Obstfelder, engen Wegen, wo links und rechts Flüsse sind, wo die Kokosnüsse zum Anfassen sind, wo Vu S?a (Muttermilch Obst (eine freie Übersetzung von mir)) zum Greifen nah ist, und viele andere Obstsorten, die ich nur aus Bildern und Büchern kenne. Der Süden Vietnams ist ein fruchtbares Gebiet für viele Obstsorten. So vielfältig, dass man aus meiner Sicht nur von exotischen Früchten sprechen kann. Man kann bei dieser Obstvielfalt das ganze Jahr Früchte essen. Ich grüßte die Menschen ganz wie gewöhnlich durch ein Lächeln oder ein Zuwinken. Die Menschen waren zuerst irritiert, warum jemand sie grüßt, obwohl er doch fremd ist. Das tun die Menschen in Vietam nicht. Nicht, weil sie nicht freundlich sind, sondern weil das nicht zur Alltagpraxis gehört. Doch sie grüßen mich zurück, ohne mich zu kennen.

Trotz der Freundlichkeit leben die Menschen unter schwerer Armut. Das Bildungsniveau ist niedrig. Dies macht ihren Alltag schwieriger als man es von außen sehen kann. Sie leben nur von den Früchten, die sie anbauen können, jedoch in keinen Plantagen. Mit der Fischerei ist kein Reichtum zu erreichen. Dennoch sind die Vietnamesen sehr erfinderisch. Wenn ich durch die Straßen gehe, sehe ich viele Frauen mit ihren Kleinständen. Sie verkaufen alles Mögliche, was sie zum Verdienen anbieten können. Es ist ein Überlebenskampf, den sie da zu bestehen haben. Sicherlich gibt es auch reiche Menschen, die so reich sind, dass ihre Reichtümer sogar mit westlichem Standard verglichen werden können. Dennoch ist zu hinterfragen, wie sie zum Reichtum gelangt sind. Es herrscht in Vietnam eine starke Korruption.

Am Ende des Berichts steht die Dankbarkeit gegenüber den Brüdern und Menschen im Heim. Sie geben mir die Chance, aus meinen engen Grenzen zu gehen, um für vieles offen zu sein.


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