12.07.2017 Natanael Ganter ofm

„Wir wollten die Welt verändern – doch die Welt hat uns verändert.“

Franziskaner werden - Franziskaner sein

Bruder Peter belädt seinen kleinen PKW mit einigen Laib Brot und süßen Stückchen, die er von einer Bäckereifiliale kurz vor Ladenschluss gespendet bekommt. Die Lebensmittel sind für den Nachtbus be-stimmt, mit dem er in einer Stunde seine Tour durch die Düsseldorfer Altstadt fahren wird, um obdachlosen Menschen das Nötigste für die Nacht anzubieten.“Ich fühle mich hier am richtigen Platz. Es ist wahr-scheinlich die franziskanischste Zeit meines Lebens. Den Menschen zu helfen, nah bei ihren Nöten zu sein, genau das ist es, was ich immer wollte“, freut sich Bruder Peter, der vor Kurzem seinen 70. Geburtstag feiern durfte.

Peter Amendt stammt aus Bonn und ist durch sein katholisches Elternhaus schon als Kind in ein kirchlich geprägtes Milieu hineingewachsen. Er war Messdiener und besuchte ein Ordensinternat der Redemptoristen. Von den Franziskanern erfuhr Peter zum ersten Mal kurz vor dem Abitur, als er im heimischen Garten saß und mit halbem Ohr ein Gespräch seiner Mutter mit einer Bekannten verfolgte. Diese erzählte über den Gartenzaun hinweg – und mit viel Begeisterung – von ihrem Neffen, der bei den Franziskanern eingetreten sei. „Das hat irgendwie ein Licht in meinem Kopf entzündet. Keine feste Idee, aber es hatte irgendwie den Geschmack von Freiheit“, erinnert sich Peter an sein erstes Berufungserlebnis“.

Nach seinem Schulabschluss hat er sich dann tatsächlich bei den Franziskanern beworben. Der Weg im Orden war damals klar vorgezeichnet: Wer mit Abitur kam, ging nach dem Noviziat in das sogenannte Klerikat, um Theologie zu studieren und Priester zu werden. So kam Bruder Peter Mitte der 1960er Jahre zum Studium nach München. Es war die Zeit eines großen gesellschaftlichen Umbruchs, die Zeit von Arbeiter-und Studentenprotesten, die Zeit des Zweiten Vatikanums. „Wir wollten die Welt verändern – doch die Welt hat uns verändert“, erinnert sich Bruder Peter. Die Veränderungen waren auch im Orden massiv spürbar. Peter begann seinen Weg kritisch zu hinterfragen und ihm wurde klar: „Franziskaner will ich sein, aber zu einer „Karriere‹ als Priester fehlt mir die Berufung.“

Mit abgeschlossenem Theologiestudium, aber ohne den klassischen Weg Richtung Priesteramt, kehrte Peter an den Rhein zurück. Er zog nach Essen in eine Franziskaner-Kommunität in einer Obdachlosensiedlung. Das Zimmer verrammelt, die Fensterscheibe eingeschmissen, ein einfaches Bett auf dem Boden. Größer konnte der Kontrast zum monastisch geprägten Klosterleben in München nicht sein. Doch Peter war froh, denn er wollte als Franziskaner das Leben der Armen teilen. Sein Studium der Sozialwissenschaften, das er bereits in München parallel begonnen hatte, konnte er in Bochum abschließen und anschließend noch promovieren. Die Mischung von Theologie und Soziologie faszinierte ihn, und so arbeitete er als wissenschaftlicher Assistent an der Universität. Hätte seine Ordensleitung damals nicht sein Organisationstalent erkannt und ihn mit neuen Aufgaben betraut, so hätte er sich auch eine wissenschaftliche Laufbahn gut vorstellen können. Aber nach einer kurzen Episode als Präfekt im Orden-sinternat in Vossenack wurde Bruder Peter Sekretär der Interfranziskanischen Arbeitsgemeinschaft (INFAG) und Sekretär der damaligen Kölner Franziskanerprovinz. Sein Interesse an sozialer Gerechtigkeit und sein Bedürfnis, den Menschen zu helfen, führten ihn einige Jahre später auch zur Missionszentrale der Franziskaner (MZF) in Bonn. Dort war er, neben seiner Aufgabe als Provinzsekretär, 24 Jahre lang als Projektkoordinator für Hilfsprojekte in Lateinamerika und Afrika tätig.

Für Bruder Peter war es eine erfüllte Zeit, doch es gab auch immer wie¬der Projekte, die strukturell nicht in die Förderung der MZF passten. „Dahinter standen oft Nöte von Menschen, die mir sehr nahegingen“, erinnert sich Peter Amendt. 2005 schließlich setzte er seinen Wunsch, diesen Menschen unbürokratisch, abseits des großen Missionshilfswerks der Franziskaner zu helfen, in die Tat um. Er gründete sein eigenes kleines Hilfswerk „vision teilen“ in Düsseldorf. Der Orden stellte ihn dafür frei.

Wenn Bruder Peter heute mit dem Nachtbus die Obdachlosen in Düsseldorf zu später Stunde besucht und dem einen mit einem Brot, einem anderen mit einer warmen Decke durch die Nacht hilft, dann ist das nur eines von vielen seiner Hilfsprojekte für Menschen am Rand der Gesellschaft. Denn seine Vision ist das Miteinanderteilen – hier in Düsseldorf und in der ganzen Welt.

Erstveröffentlichung in Zeitschrift Franziskaner / Sommer 2017


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