27.10.2021 Andreas Brands ofm

Zwischen Wüstenzeit und Sozialpraktikum

Das gemeinsame internationale Noviziat in Irland

Das alte Klostergelände in Killarney. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

„Wir brauchen Internationalität, denn wir sind ein internationaler Orden. Wir brauchen Interprovinzialität, denn keine Provinz kann heute alles allein machen. Wir brauchen Interkulturalität, um uns besser zu verstehen.“

Mit diesen Worten hat der im Sommer aus dem Amt geschiedene Generalminister unserer Ordensgemeinschaft, Michael Perry OFM, seit Jahren darum geworben, dass sich einzelne Provinzen auf den Weg machen, die Grenzen ihrer Provinzialität zu überwinden und miteinander neue Wege zu gehen. Der Aufruf des Generalministers wurde zum Motor für eine gemeinsame Ausbildungsstätte des Ordensnachwuchses der irischen, englischen, niederländischen und deutschen Franziskanerprovinz. Killarney, umrahmt von einer unglaublich schönen Landschaft, ist eine Kleinstadt im Südwesten Irlands und gehört zum County Kerry. Seit 2017 ist hier das gemeinsame Haus für die Grundausbildung, das sogenannte Noviziat, mehrerer Franziskanerprovinzen. Seitdem war ich in fast jedem Jahr einmal dort, um mit den Novizen ihr gemeinsames Jahr zu reflektieren und den Übergang in einen neuen, sicherlich anderen Alltag vorzubereiten.

Zur Hausgemeinschaft gehören heute, nach bereits mehreren Wechseln in den vergangenen Jahren: Bruder Antony, der Novizenmeister, aus der englischen Kustodie; Bruder Lars, ein Schwede, der für die niederländische Provinz hier lebt; Bruder Augustinus für die deutsche Provinz sowie die Brüder Pat als Guardian (Oberer), PJ, Eamonn und Walter für die irische Provinz. Drei der Franziskaner bringen Erfahrungen aus der Afrikamission mit.

Killarney: Ein Ort mit langer franziskanischer Tradition und gr0ßer Ausstrahlung

Bereits 1448 ließen sich Franziskaner in der Nähe von Killarney nieder und blieben bis 1849. 1858 kamen dann belgische Brüder nach Irland, um den irischen Mitbrüdern beim Wiederaufbau der Provinz zu helfen. Das „alte“ Kloster in Killarney wurde 1860 gebaut, die Kirche 1867 eingeweiht. Im Laufe der Zeit war das Kloster Killarney schon mal für mehrere Jahrzehnte Noviziatshaus. Ende der 1990er-Jahre wurde auf dem großzügigen Gelände noch ein neues Haus gebaut, in dem nun eine Gemeinschaft aus Brüdern unterschiedlicher Herkunft lebt.

Auch die deutschen Franziskanernovizen werden seit 2017 in Irland ausgebildet. Diese Entscheidung war nicht unumstritten. Obwohl es für uns als Deutsche Franziskanerprovinz schnell klar war, dass bei so wenig Interessenten nur eine provinzübergreifende Ordensausbildung zukunftsfähig ist, gab es hitzige Diskussionen. Denn das Noviziat ist für jede Provinz etwas ganz Besonderes. Hier zeigt sich, wie es um den Nachwuchs und um die Eigenständigkeit einer Provinz bestellt ist. Die Noviziatsausbildung aus den eigenen Händen zu geben, verlangt sich selber zurückzunehmen und Vertrauen in die Brüder, die aus anderen Provinzen als Ausbilder bestellt werden. In Europa stehen wir Franziskaner – wie fast alle anderen Ordensgemeinschaften auch – an einem Punkt, der uns zwingt, neue Wege zu beschreiten. Dabei stecken in der Interprovinzialität Chancen und Herausforderungen. Schon 2010 hatten sich die Niederländische und die Deutsche Provinz für ein gemeinsames Noviziatshaus in Rheda-Wiedenbrück entschieden. Sieben Jahre später startete dann das gemeinsamen Noviziat in Irland. Dieser Schritt wurde damals als historisch bezeichnet, denn wenn die vier Provinzen Irland, England, Niederlande und Deutschland und darüber hinaus als Gäste Kanada, Litauen, Österreich und die Schweiz ihre Novizen gemeinsam ausbilden, dann ist das vielleicht ein zukunftsweisendes Projekt.

Das Noviziat auf der „grünen Insel“ bietet auch touristische Highlights wie hier den Besuch des „Hill of Slane« mit seiner franziskanischen Kirchenruine aus dem Jahr 1512.
Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Neue Wege mit Chancen und Grenzen

Augustinus Wehrmeyer OFM, der seit Herbst 2020 als Ausbilder in Killarney tätig ist, erzählt: „Chancen eines internationalen Noviziats liegen in der Vielfalt von Traditionen, die hier zusammenkommen und so horizonterweiternd sind und sich später vielleicht auch auf eine tärkere Vernetzung der Provinzen positiv auswirken könnten. Was die Grenzen angeht, so ist es auf jeden Fall die Verständigung bei begrenzten Englischkenntnissen, mit den sich daraus ergebenden Folge. Die Sprachbarriere grenzt aus, auch wenn sich alle Mühe geben. In der Gemeinschaft, wenn das Gespräch hin- und hergeht oder einer eine Geschichte erzählt, der ein anderer nicht folgen kann, fühlt der sich leicht ausgegrenzt und schaltet ab. Auch bei den Lerneinheiten kommt das vor, wenn aufgrund der mangelnden Sprachkenntnisse der Faden reißt.“ Einen fortgeschrittenen Sprachkurs hält Bruder Augustinus als Vorbereitung auf das Noviziat daher für dringend erforderlich.

Ein gutes Jahr …

Am 15. August, dem Fest Mariä Himmelfahrt, findet stets ein feierlicher Gottesdienst zur Eröffnung des Noviziatsjahres statt. Obwohl Mariä Himmelfahrt in Irland kein gesetzlicher Feiertag ist, ist die örtliche Gemeinde doch sehr daran interessiert, was im Kloster geschieht, und die große Kirche ist gut besetzt. Der Noviziatsleiter Antony heißt die neuen Brüder herzlich willkommen. Gemeinsam mit seinem Ausbildungsteam wird er sie durch das Noviziat begleiten. Das Besondere am gemeinsamen Noviziat ist für ihn: „Neben der Internationalität, die ich als sehr wohltuend und auch manchmal als Reibung erlebe, ist für mich die gleiche Ausgangssituation der jungen Novizen wichtig. Alle kommen, um in ein geistliches Leben hineinzuwachsen. Geprägt wird unser Alltag durch die regelmäßigen Gebetszeiten, in der Regel fünfmal am Tag. Diese geben dem alltäglichen Leben Halt und Struktur. Das finden die Brüder nach dem Noviziat in diesem Rhythmus kaum wieder, wenn sie mal im Studium oder in einer beruflichen Ausbildung sind.“

Der Tag beginnt mit der Matutin (Gebetszeit am frühen Morgen) und einer Zeit des gemeinsamen Schweigens. Die tägliche Eucharistie wird morgens um 8 Uhr in der Franziskanerkirche gefeiert. Nach dem Frühstück wird die Laudes (Morgenlob) gebetet. Anschließend beginnt der Unterricht, bei dem sich die Novizen unter Anleitung von Bruder Antony oder eines externen Referenten Geschichte und Spiritualität des Ordens und die Lebensform als Ordensmann aneignen. Das Mittagsgebet schließt sich an. Der Nachmittag ist der Haus- und Gartenarbeit gewidmet. Vor dem Abendessen wird die Vesper in der Hauskapelle gebetet, die Komplet schließt den Tag um 20 Uhr ab.

Zu Beginn: Wüstenzeit

Dem Novizenmeister ist es wichtig, dass »erst mit dem Jahresanfang die Praktika in unterschiedlichen sozialen Einrichtungen Killarneys beginnen. Hier arbeiten die Novizen an zwei Nachmittagen in der Woche mit, um Erfahrungen für ihr weiteres Engagement zu sammeln und mit den Nöten der Menschen in Berührung zu kommen.
Bis dahin halte ich es für wichtig, dass die ersten Monate eher einer Wüstenzeit gleichen.“ Nicht immer sind alle einer Meinung, und so ergänzt Bruder Augustinus: „Am Anfang der mittäglichen Gebetszeit gibt es verschiedene Andachtsgebete, wie das Kreuzgebet des heiligen Franziskus. Jede Hore (Gebetszeit) beginnt mit dem „Adoramus
Te“ (einem Gebet, das dem heiligen Franziskus wichtig war) und der Bitte um die rechte Verehrung des Heiligsten Sakraments. Das lässt sich als Bereicherung sehen. Mir wäre es allerdings lieber, wenn mehr Energie auf die Vermeidung von Plastikmüll gelegt und mehr Sensibilität bei anderen Themen wie der Bewahrung der Schöpfung da sein würde.« Neben Referentinnen und Referenten aus Irland beteiligen sich ebenso Schwestern und Brüder aus anderen Ländern am Unterricht. So waren im vergangenen Jahr – bedingt durch Corona – über Zoom Johann Baptist Freyer OFM aus Bonn, Benedikt Mertens OFM aus Rom, Markus Fuhrmann OFM aus München und ich selbst aus Ohrbeck zugeschaltet, um einige Unterrichtseinheiten mit den Brüdern im Noviziat zu gestalten.

Die Brüder im Internationalen Noviziat in Kilarney in Irland. Bild von Archiv Deutsche Franziskanerprovinz.

Kein Garant für Nachwuchs

Internationalität und Vielfalt gehören zwar zum Erbgut der Franziskaner, bedeuten aber in der Praxis für alle Beteiligten immer auch eine Herausforderung. Im ersten Jahr waren drei Brüder aus Irland und ein Litauer, im zweiten Jahr ein Ire, zwei Kanadier, ein Niederländer und ein Schwede im gemeinsamen Noviziat. Ein Jahr blieb das Noviziat leer, da es keine Novizen aus den Provinzen gab. Eine schmerzliche Erfahrung: Selbst eine internationale Ausbildung ist keine Garantie, dass es jedes Jahr Novizen gibt. 2020 begannen drei Novizen ihre Ausbildung in Killarney, ein Schweizer, ein Belgier und ein Deutscher. Am 15. August 2021 haben zwei Brüder begonnen, einer aus Österreich und einer aus Belgien. Vielleicht kommen noch zwei Brüder aus Kanada dazu, die aufgrund der Einreiseverweigerung wegen der Covid-19-Pandemie statt in die USA wohl nach Irland kommen.

Ein Schatz, von dem gezehrt werden kann

Nach meinen Besuchen in Killarney bin ich mit dem Eindruck zurückgefahren: Die Brüder haben viel im Noviziat gelernt – am meisten über sich selbst. Das gemeinsame Noviziat sehe ich nicht als aus der Not geborenes Kind, sondern als einen Ausdruck des Reichtums der franziskanischen Kultur. Alle lernen immer miteinander und am anderen – so anders dieser auch ist. In einer Reflexionsrunde am Ende meines Kurses sagten die Teilnehmer fast übereinstimmend: „Das war eine coole Zeit. Die Regelmäßigkeit eines geistlichen Lebens wurde uns hier geschenkt, und wir werden es sehr vermissen, da wir wissen, dass das „normale“ Leben von uns anderes verlangt. Die hier gemachten Erfahrungen wollen wir für unser weiteres Leben als Franziskaner im Herzen bewahren und möchten von diesem Schatz zehren.“


Das Noviziat

Nach der Orientierungszeit des Postulats beginnt mit der Einkleidung und der rechtlichen Einschreibung in den Orden das Noviziat. Dabei erhält der neue Bruder das Ordensgewand, den Habit. Das Noviziat dauert ein Jahr. Im Mitleben, Mitbeten und Mitarbeiten im Noviziatshaus lernt der Novize den Alltag und das Gebetsleben der Gemeinschaft kennen. Regelmäßige Gespräche mit dem Noviziatsleiter sollen helfen, die eigene Motivation zu klären und ein persönliches geistliches Leben einzuüben. Täglicher Unterricht und franziskanische Werkwochen vertiefen zentrale Elemente unseres Lebens, wie beispielsweise eine geerdete Spiritualität oder die Auseinandersetzung mit den drei evangelischen Räten „Armut“, „eheloser Keuschheit“ und „Gehorsam“. In diesem ersten Jahr der Zugehörigkeit geht es nicht um eine Berufsausbildung oder ein Studium, sondern um die Vertiefung der Gottesbeziehung. Insofern kann das Noviziat auch als ein Wüstenjahr bezeichnet werden. Praktika in sozialen Einrichtungen wollen sensibel machen für die vielfältigen Formen menschlicher Armut und Not in unserer Gesellschaft.


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