Franziskaner - Winter 2017

3 editorial © igor hollmann ofm Glaube im Alltag »Eigentlich glaube ich an Gott, aber ich lebe meinen Alltag, als gäbe es keinen Gott.« Aussa- gen wie diese haben uns nach- fragen lassen, wie Glaube im Alltag gelingen kann. Der Fran- ziskaner Pascal Sommerstorfer lässt uns an einen Erfahrungen teilhaben. Seite 6 grauer alltag? von wegen … »Glaube im Alltag« – vielleicht weckt das Thema Ihr Interesse: Glaube nicht in weltabgewandter Frömmigkeit oder im außergewöhnlichen Event, kein Glaube für Fachleute und besonders Fromme, sondern eben im Alltag, im normalen Leben für normale Christen. Vielleicht finden Sie diesen Titel aber auch völlig überflüssig: Wo, bitteschön, sollte denn mein Glaube sich ausdrücken, wenn nicht in meinem Alltag? Die Bibel kennt durchaus Gottesoffenbarungen an »heiligen Orten« und in außergewöhnlichen Situationen. So etwas hat bis heute seinen Reiz. Der Normalfall ist das nicht. Elija muss lernen, dass Gott sich nicht in spektakulären Erscheinungen zeigt, in Erdbeben und Sturm, sondern alltäglich in einem leichten Luftzug. Als Gott Mensch wird, und das feiern wir bald wieder, geschieht das in diesem Zimmermannssohn so alltäglich, dass viele Fromme daran Anstoß nehmen. Und auch die Jünger werden im Alltag berufen, beim Fischfang und im Zollbüro. »Eine Krise kann jeder Idiot haben. Was uns zu schaffen macht, ist der Alltag.« Anton Tschechow hat auch geistlich Recht. Die große Herausforderung ist nicht das erste leidenschaftliche Ja, sondern die Bereitschaft, eine Beziehung ein Leben lang zu gestalten: beruflich jenseits der 50 nicht einfach alles laufen lassen, Verantwortung für Kinder oder einen Kranken übernehmen, bei immer neuen Widerständen im Engagement für eine gute Sache nicht nachlassen, im Älterwerden zwischen Gewohnheit und Enttäuschung wach bleiben für den Anruf Gottes. – In diesem Kleinklein zeigt sich die Größe eines Lebens. Wie gehe ich mit Misserfolg um, mit Schuld, Krankheit, Tod – diese großen Fragen stellen sich gerade im Alltag. Und im Alltag gedeihen große Tugenden: Treue, Geduld, Hoffnung, Ehrlichkeit. Von außen mag der Alltag grau erscheinen, innen kann er wertvolle Schätze bergen. Und vor allem: Ich muss Gott nicht in meinen Alltag hineintragen – er ist schon da! Glaube im Alltag, das ist die Erfahrung des müden Jakob irgendwo amWegrand: »Wirklich, der Herr ist an diesem Ort, und ich wusste es nicht.« Ich wünsche Ihnen nicht nur eine anregende Lektüre der neuen Ausgabe unserer Zeitschrift FRANZISKANER, sondern immer wieder auch solche Erfahrungen. Cornelius Bohl OFM (Provinzialminister)

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