Franziskaner - Frühling 2019

sehr wahrscheinlich genetische Faktoren von Bedeutung sind. Den- noch gibt es bis heute in Deutschland Ärzt*innen, Therapeut*innen und Prediger*innen, die Homosexuelle umerziehen wollen. Obsku- re Konversionstherapien, die zwischen homöopathischen Globuli und Elektroschocks alles Mögliche im Repertoire haben, können straffrei praktiziert werden. Die Vorstellung, Homosexualität sei eine Krankheit, ist leider aller wissenschaftlichen Erkenntnis zum Trotz insbesondere in christlichen Köpfen zu Hause. Seit dem Christopher Street Day, bei dem 1968 in New York Schwu- le und Lesben gegen Diskriminierung durch die Polizei demonst- rierten, werden homosexuelle Menschen zunehmend mehr akzep- tiert. In Deutschland gibt es seit 2004 die eingetragene Lebenspart- nerschaft und seit Juli 2017 die Ehe für alle. Doch obwohl es in un- serer Gesellschaft langsam zu einerWertschätzung derWirklichkeit der Homosexualität kommt, wird sie innerhalb der katholischen Kirche weiterhin als schwerwiegende Sünde und ungeordnete Sexu- alität begriffen, deren Akte verboten sind. Papst Franziskus ist zuwidersprechen, wenn er –wie jüngst – äußert, Homosexualität sei heute eine Modeerscheinung, der viele hinter- herlaufen. Homosexualität ist keine Mode, sie ist ein wesentlich identitätsstiftender Teil der Persönlichkeit. Für Menschen, die so empfinden, ist es selbstverständlicher geworden, ihre sexuelle Prä- gung nicht mehr verstecken zu müssen und offen ihre Beziehungen zu leben. In Literatur und Filmwird dieserWirklichkeit Raum gege- ben, der zeigt, wie viel Mühe es kostet, seinen Platz zu behaupten in einer Welt, die sich weitestgehend heterosexuell definiert. Die Zeit des Coming-outs ist dabei eine Zeit des Sich-selbst-bewusst-Werdens (nach innen) und des sich Erklärens (nach außen hin). Das Verhältnis vonHomosexualität und Kirche ist in Bewegung, und das ist gut so. Mich als Mutter macht es traurig, dass meine lesbische Tochter keinen Platz für sich in der katholischen Kirche sieht. Ich kann es nachvollziehen, wenn sie sagt: »Dort akzeptiert man mich nicht so, wie ich bin, dann will ich diese Institution eben auch nicht mehr.« Heute, zehn Jahre nach ihremComing-out, bin ichmehr denn je davon überzeugt, dass »der liebe Gott sich dabei was gedacht hat« und dass er sie ganz und gar so gewollt hat, wie sie ist. n kerstin meinhardt Die Diplom-Soziologin ist verheiratet, Mutter dreier Töchter und Redaktionsmitglied dieser Zeitschrift. aber mitnichten so sind.Wir sind vielfältig, bunt, von un- serer Struktur und Geschöpflichkeit her nicht nur das eine oder andere. Magnus Hirschfeld hat auf dem Gebiet der Sexualforschung vor mehr als einhundert Jahren heraus- gearbeitet, dass der Mensch sexuell mehrdimensional geschaffen ist und es eine unendliche Fülle menschlicher sexueller Prägungen, Neigungen und Empfindungen gibt. Es spricht viel dafür, ein Denken, das nur zwei Dimensi- onen kennt, im21. Jahrhundert zu überwinden. Der Fran- ziskaner Richard Rohr meint, dass das binäre Erklärungs- muster, mit dem wir derWelt begegnen, ein Teil unseres Unglücks sei. Wer alles im zweidimensionalen Schema von »an oder aus, 1 oder 0« begreifenwill, kommt zwangs- läufig dazu, Norm und Abweichung zu bestimmen, was die Grundlage für ausgrenzendes Verhalten schafft. Ausgrenzung ist das Einzige, was in der Liebesbotschaft Jesu keinen Platz hat Anfang Februar wandten sich mutige Theolog*innen um den Jesuitenpater Klaus Mertes in einem Offenen Brief an Kardinal ReinhardMarx und riefen zu einem»Neustart mit der Sexualmoral« auf, einschließlich einer »verstän- digen und gerechten Bewertung von Homosexualität«. In die gleiche Richtung ging ein kurz danach in der Zeitschrift Herder Korrespondenz erschienener Beitrag des Essener Bischofs Franz-Josef Overbeck, in dem er fordert, dass die katholische Kirche ihre Sicht auf Homosexualität verän- dert. Die Professorin für Biblische Theologie am Institut für Katholische Theologie der Universität Kassel, Ilse Müllner, bestätigt: »Aus der Bibel lässt sich überhaupt nicht ableiten, wie man sich heute als Christ oder als Christin mit Blick auf das Thema Homosexualität positi- onieren muss. Erstens, weil die Bibel nichts über Homo- sexualität, wie wir sie heute verstehen, aussagt. Und zwei- tens, weil die sexuellenAkte, die darinbeschriebenwerden, immer in ihrem jeweiligen kulturellen und sozio-histori- schen Kontext betrachtet werdenmüssen. Die Vorstellun- gen von einer homosexuellen Partnerschaft gab es damals noch nicht. Davon spricht man erst seit Beginn des 19. Jahrhunderts.« Homosexualität steht bis heute in vielen Ländern derWelt unter Strafe. Lange galten Lesben und Schwule als krank, obwohl es sie zu jeder Zeit und in jeder Kultur gab. Erst 1992 strich dieWeltgesundheitsorganisationWHO gleich- geschlechtliche Liebe von ihrer Liste der Krankheiten. Mittlerweile besteht weitestgehend Einigkeit darüber, dass sie eine Form der sexuellen Orientierung ist, bei der Kirche

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