Franziskaner - Sommer 2023

10 FRANZISKANER 2|2023 In Deutschland gibt es in Sachen Landschaftswasserhaushalt große regionale Unterschiede. Zum einen verteilt sich der Niederschlag sehr ungleich. Im Voralpenraum beispielsweise ist die Menge im Durchschnitt eines Jahres viermal so hoch wie in Berlin. Zum anderen nehmen die Böden das Wasser unterschiedlich auf. Die sandigen Böden des Nordens halten es kaum. Die Gesamtmenge im Jahresdurchschnitt ist laut den Berechnungen zwar einigermaßen gleich geblieben, aber der Niederschlag sei früher gleichmäßiger verteilt gewesen. Mittlerweile habe sich die Verteilung regional und im Jahresverlauf stark verschoben. Hierzulande füllen sich die Wasserspeicher im Boden vornehmlich im Winter auf. Niederschläge in der warmen Jahreszeit verdunsten schnell, außerdem wird in der Vegetationsperiode viel Wasser durch die Pflanzen verbraucht. Die Winterdürre der letzten Jahre ist daher das viel größere Problem als die für jede und jeden offensichtliche Trockenheit des Sommers. Nationale Wasserstrategie Wasser hat eine immense Bedeutung für Wirtschaft und Gesellschaft. Hinzu kommt, dass im wasserreichen Deutschland Wasser nicht nur regional knapp wird, sondern zunehmend verunreinigt ist. Die Bundesregierung will deshalb die Versorgung durch die in diesem Jahr verabschiedete »Nationale Wasserstrategie« sichern. Angesichts der Klimakrise mit mehr Trocken- und Hitzeperioden soll die Versorgung mit Trinkwasser und der Schutz der natürlichen Wasserreserven über die nächsten Jahrzehnte garantiert werden. Ziel ist es, Nutzungskonflikten vorzubeugen und die Wasserinfrastruktur schrittweise zu sanieren. Die Wasserqualität soll besser werden, Rückstände wie Mikroplastik und Arzneimittelbestandteile sollen verschwinden. Für die Anpassung an den Klimawandel sind große Investitionen erforderlich, heißt es im Umweltministerium. Doch wie hoch diese sein werden und wer davon wie viel tragen soll, ist bisher unklar. Vernünftiges Handeln ohne verlässliche Zahlen? Besonders problematisch ist an allen Aussagen zum Thema Wasser, dass zunehmend die Grundlage der Prognosen infrage gestellt werden muss. Üblicherweise erfolgen Berechnungen zu Grundwasserströmungen auf der Basis von mathematischen Grundwassermodellen, mit denen Zuströmung, Entnahme, Absenkung und Neubildung von Grundwasser dargestellt werden. Doch was, wenn die Daten für solche Berechnungen ungenau oder gar falsch sind? Der Grundwasserökologe Dr. Hans Jürgen Hahn beklagt seit Längerem, dass bundeseinheitliche Daten fehlen, weil der Betrieb von Grundwassermessstellen Aufgabe der Länder sei und diese eher berechnete Daten statt realer Messergebnisse weitergeben. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel wurden ca. 80 % der Grundwassermessstellen in den letzten 20 bis 25 Jahren aus dem Monitoring herausgenommen und die Messungen aus Kostengründen eingestellt. Weil zum Teil verlässliche Zahlen fehlen, rief die ARD im vergangenen Jahr mit dem Projekt #unserWasser! zur Citizen Science auf. Bürgerinnen und Bürger meldeten daraufhin der Wissenschaft ausgetrocknete Bäche und Seen. Der Grundwasserökologe Dr. Hahn und sein Team von der Universität Koblenz-Landau waren dankbar für die über 1.400 Meldungen und gingen ihnen im Einzelfall nach. Die Recherchen und die folgenden Auswertungen waren erschreckend: Die bisherigen Annahmen basierten meist auf falschen Hochrechnungen und haben ein unberechtigt optimistisches Bild gezeichnet. »Beim Landschaftswasserhaushalt hängt alles mit allem zusammen, und gerade die kleineren Fließgewässer, die kleinen Teiche und die Wälder sind Frühwarnsysteme, und da steht wirklich alles auf Rot«, fassen sie ihre Erkenntnisse zusammen. Konflikte sind vorprogrammiert Unsere Ernährungssicherheit ist aufs Engste mit Wasser verknüpft. In der Magdeburger und Hildesheimer Börde liegen beispielsweise besonders fruchtbare Böden, doch dies sind Gebiete, in denen Niederschläge fehlen. In Deutschland wurden in der Vergangenheit nur zwei Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche bewässert. In anderen Ländern der EU wie Spanien war das bereits in der Vergangenheit deutlich anders. Auch in Deutschland wird das künftig nötig werden, vermuten Fachleute und sagen voraus, dass Landwirtschaft als relevanter Konkurrent um das Grundwasser hinzukommt, weil das verfügbare Oberflächenwasser nicht genügen wird. Und die Bauernverbände formulieren immer deutlicher ihren Anspruch: Wenn in der Landwirtschaft nicht Grundwasser Gründe für die ansteigende globale Wasserknappheit Mineralwasserunternehmen senken den Grundwasserspiegel in einigen Regionen, indem sie zu viel Wasser abpumpen. Die Bevölkerung ist in der Folge auf das teure abgefüllte Wasser angewiesen. Dürren und Regenumverteilung werden durch die Klimakrise verstärkt.

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