Franziskaner - Sommer 2023

46 FRANZISKANER 2|2023 Unter diesem doppelsinnigen Titel zeigte das Diözesanmuseum in Freising eine Ausstellung: »Kirche.Körper. Kunst«. Das Spannungsfeld von Kirche und Sexualität begleitet das Christentum seit seinen Anfängen. »Dabei steht die idealisierte Vorstellung einer göttlich reinen Liebe auf der einen und einer menschlich unreinen Begierde auf der anderen Seite im Fokus«, heißt es in der Einführung des Essaybandes. Schon seit Jahrzehnten werden die kirchliche Lehre und die gesellschaftliche Realität als Widerspruch wahrgenommen. Die Massivität sexualisierter Gewalt innerhalb der Kirche hat diese Doppelmoral für alle sichtbar gemacht und die Forderung nach einer veränderten Sexualmoral lauter werden lassen. Dass beispielsweise Lust und sexuelles Begehren sündhaft seien, wenn sie nicht auf Nachkommenschaft ausgerichtet sind, vermag heute kaum noch jemand nachzuvollziehen. Zu einigen Veränderungen – zumindest in Deutschland – haben nun die Beschlüsse des Synodalen Weges geführt: So wurde zwar der Grundlagentext zum Thema »Leben in gelingenden Beziehungen – Grundlinien einer erneuerten Sexualethik« durch die Sperrminorität der Bischöfe abgelehnt, der Handlungstext »Umgang mit geschlechtlicher Vielfalt« jedoch gebilligt. Die Belange trans- und intersexueller Menschen sollen in Pastoral und Verwaltung berücksichtigt werden. Erste Bistümer haben bereits ihr Kirchenbücherwesen auf die Abbildung sexueller Vielfalt hin reformiert. Ebenso verabschiedet wurde der Handlungstext »Lehramtliche Neubewertung der Homosexualität« und der Handlungstext »Segensfeier für Paare, die sich lieben«. Nicht zuletzt durch die Initiative »OutInChurch« wurde bewirkt, dass die Grundordnung des kirchlichen Arbeitsrechts bereits im November verändert wurde. Die persönliche Lebensführung, also die sexuelle Orientierung und Identität, unterliegt nun nicht mehr einer rechtlichen Bewertung und ist kein Grund zur Kündigung – ebenso wenig eine Wiederheirat. Entsprechend wird auch die Musterordnung für die Verleihung der kirchlichen Unterrichtserlaubnis »Missio Canonica« angepasst. Ob die Beschlüsse und Veränderungen nun ein (weit gesprungener) Tiger oder eher ein (unbeweglicher) Bettvorleger sind, bleibt eine Frage der Perspektive. Die Interventionen aus Rom zeigen, dass die Beharrungskräfte groß sind und in fast allen Themenfeldern wenig Reformbereitschaft besteht. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, erklärt sich dies damit, dass die Verantwortlichen nicht gut mit den Menschen und ihrer Lebenswirklichkeit in Berührung kämen. Die im Herbst beginnende Weltsynode wird zeigen, ob es möglich ist, den Begriff des »Katholischen« im Sinne der »Vielfalt« zu gestalten. Darin scheint mir derzeit die einzige Möglichkeit zu liegen: dass sich die Weltkirche in der Unterschiedlichkeit der Lokalkirchen abbildet und in der Vielfalt dennoch Einheit pflegt. Hinter die Beschlüsse des Synodalen Weges kann und wird es kein Zurück geben, auch wenn sie nicht von allen geteilt und mitgetragen werden. Die Kunst hält uns Christ:innen den Spiegel der äußerst ambivalenten Geschichte des Verhältnisses zur Sexualität vor. Aus dem Begehren wird ein Aufbegehren gegen religiöse und kulturell verinnerlichte Muster und patriarchale Zuschreibungen, die andere – insbesondere Frauen – abwerten und erniedrigen. Dass es neben Mann und Frau eine geschlechtliche Vielfalt gibt, ist ein Lerngewinn des Synodalen Weges für die Kirche – nicht nur für die Bischöfe. Er kam reichlich spät, aber immerhin. Allzu oft wurde kirchliche Sexualmoral als Machtinstrument missbraucht und hat Menschen schwer geschädigt. Die Kunst zeigt die menschliche Sexualität in ihrer Mehrdimensionalität von Lust, Beziehung, Identität und Fortpflanzung. Erforderlich ist eine Sexualmoral, die den Aspekt der Personalität und der Beziehung in den Mittelpunkt stellt. Zu wünschen bleibt, dass Kirche nicht nur nicht weiter die Lust verdammt, sondern die positiven Aspekte der Sexualität bestärkt, das sexuelle Selbstbestimmungsrecht und die geschlechtliche Vielfalt anerkennt und eine Sexualmoral entwickelt, der es vorrangig um Beziehung und um Werte und somit um die Gelingensperspektive geht und weniger um Normen und Verbote. »Verdammte Lust« Stefan Federbusch OFM Die Reproduktion des Bildes »Disput von acht Kirchenvätern über die unbefleckte Empfängnis« von Guillaume de Marcillat (1528/29) hängt großformatig in der Ausstellung »Verdammte Lust« © SVEN HOPPE – DPA

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