Franziskaner Mission 4 | 2017

Die Papageiengeige Auf Konzertreise im bolivianischen Dschungel Vor mehreren Jahren lernte ich in einem deutschen Orchester zwei indigene Musiker aus Bolivien kennen. Wir freundeten uns an und die beiden »Vollblutmusiker« luden mich ein, sie im Dschungel zu besuchen. Das tat ich dann ein Jahr später. Text und Fotos: Christine Teske Die Musik, besonders die Barockmusik, aber auch die heimische Volksmusik, ist dort in Bolivien so lebendig, dass man sofort vom Geist der Musik ergriffen ist. Beim ersten Gang durch das Urwald- dorf Urubichá vorbei an ärmlichen Hütten weht einem Gesang oder der Klang einer Geige entge- gen. Unter dem Schutz eines Palmdaches weben Frauen am Webstuhl eine neue Hängematte, während ein Kleinkind in einer ebensolchen Hängematte schläft, eine andere Frau backt Brot. Direkt nebenan fertigt ein Geigenbauer eine neue Geige, prüft den Klang, setzt gerade den Stimm- stock, die Seele, in das Instrument. Wie schön: Hier in Bolivien gibt es nur das Wort »alma« (Seele) für dieses kleine Holz- stäbchen, das enorm wichtig ist für den Klang des Instrumentes! Der Geigenbauer ist Sebastian Oreyai. Er unter- bricht seine Arbeit und umarmt mich, heißt mich willkommen. Er hat sich so auf meinen Besuch gefreut, dass er mir seine neue Geige vorstellt, sein Geschenk an mich. Eine Geige mit einem Papageienkopf! Es sei eine große Ehre, dass ich sein Volk besuche, und er wünscht sich von mir, dass ich seine neue Geige während des alle zwei Jahre stattfindenden Barockfestivals spiele. Ich bin fassungslos über diese große Ehre. Nachdem auch noch die Saiten aufgezogen sind, schaue ich zu, wie Sebastian zuletzt sein Namensschild in das Instrument einfügt. Voller Stolz überreicht er mir das Instrument, welches ich in der abendlichen Orchesterprobe gleich ausprobiere. Es klingt rund und schön, ganz warm im Ton. Barock im Urwald Wie ist es zu dem Barockfestival in Urubichá gekom- men? Im 18. Jahrhundert kamen Jesuiten nach Boli- vien, um den christlichen Glauben zu lehren. Es war die Zeit der großen Versklavungen durch die Spanier und Portugiesen. Die Jesuiten stellten sich schützend vor die indigene Bevölkerung. Und sie hatten Musik- instrumente und Noten unserer europäischen Kultur im Gepäck. Die Einheimischen waren verzückt von der Barockmusik aus Europa und vom Klang der euro- päischen Instrumente. Einer der Jesuiten war sogar Geigenbauer; von ihm erlernten die Ureinwohner den Geigenbau. Bald beherrschten die Menschen des Dschun- gels das Spiel der neuen, lieb gewonnenen Instru- mente, versuchten sich auch im Komponieren, ganz im Stil der europäischen Barockmusik, bevor die Spanier erkannten, dass das Erlernen und Praktizieren von Musik ein wichtiges Bildungsmittel ist: Sie stellten fest, dass die Indigenen sich nicht mehr so leicht ver- sklaven ließen. Also wurden die Jesuiten des Landes verwiesen und die Ureinwohner flohen zurück in den Der Papageienkopf meiner Geige Freude über die Kindergeige 20

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