Franziskaner Mission 2 | 2023

TEXT: Jakoba Zöll OSF | FOTO: © Besim Mazhiqi / Erzbistum Paderborn In der Straßenbahn, im beruflichen Kontext, in der Zoom-Konferenz oder nach dem Gottesdienst – in der Regel kann ich darauf wetten, dass in den ersten zehn Minuten der Ausruf fällt: »Sie sind aber jung!« Unmittelbar gefolgt von der Frage danach, wie jung ich denn genau sei und, noch viel wichtiger: Wie kann ich heute, als junger Mensch, überhaupt noch katholisch sein? Jung und kirchlich-religiös Ein Widerspruch? Mit dieser Frage werde nicht nur ich als junge Ordensfrau regelmäßig konfrontiert, sondern die allermeisten jungen Menschen in kirchlichen Kontexten. Ich arbeite mit und für Theologiestudierende und erlebe in meinen Seminaren diesen empfundenen Widerspruch, mit dem meine Studierenden kon- frontiert sind. Für unsere Gesellschaft scheint »jung« und »kirchlich-religiös« nicht zusammen zu passen. Kritisches Lebensalter Kirche wird als veraltet wahrgenommen, als Konstrukt aus dem letzten Jahrhundert: Sie hat ihre Rolle, wenn ihr überhaupt eine zugestanden wird, in der Geschichte gespielt. Heute aber wird sie nicht mehr gebraucht. Entweder weil sie sich selbst ins Abseits gerückt hat, oder weil die heutige Zeit keine Religion mehr braucht. Im Gegensatz zu solch veralteten Konzepten, Werten, Vorstellungen und Deutungsangeboten steht die heutige Jugend. Jugend wird von der Gesellschaft verstanden als ein Lebensalter, in welchem das Traditionsargument nicht funktioniert, in welchem Bestehendes nicht ohne zu hinterfragen übernommen und fortgeführt wird, sondern erst neu überzeugen muss. Vorhandenes muss sich sowohl argumentativ als auch ganz praktisch als lebensförderlich, als nützlich erweisen. Jugend wird als ein Lebensalter verstanden, welches vielleicht auch in der eigenen Rückschau als besonders kritisch in Erinnerung geblieben ist. Hier kamen Kritik und Ablehnung schneller über die Lippen als Vertrauensvorschüsse und Zustimmung. Die Gesellschaft fragt sich: Wenn doch die eigenen jugendlichen Auseinandersetzungen mit Religion und Kirche noch so lebendig in Erinnerung geblieben sind und immer öfter ohne klare Lösung bleiben, wie könnten dann junge Menschen heute mit diesen Kritikpunkten umgehen? Oder aber, sie seien »nicht ganz dicht« – so die Meinung vieler. Es wird geargwöhnt, sie seien vielleicht in einem sehr religiösen Umfeld groß geworden und hatten noch nicht die Chance, sich davon zu lösen, weil ihnen die Reflexionsfähigkeit, die Intelligenz oder die persönliche Reife fehlt. Andererseits wird durch das Betonen dieser unerwarteten Kombination – jung und religiös – auch Freude ausgedrückt: Darüber, dass zumindest einzelne junge Menschen die Bedeutung und den Gewinn von kirchlich-religiösem Leben für sich und für die Gesellschaft erkannt haben. Dass das, was einem selbst im eigenen Leben Kraft und Halt gibt und schon lange begleitet, auch für Menschen aus der jüngeren Generation wertvoll zu sein scheint. Dieser Umstand wird begrüßt, allerdings, und darin sind sich die im Grundton positiven und negativen Reaktionen sehr ähnlich, wird er als besonders, als ungewöhnlich, fast schon singulär wahrgenommen. Infolgedessen werden die jungen religiösen Menschen zwar beglückwünscht und unterstützt, aber gleichzeitig mit einer nicht geringen Erwartungshaltung konfrontiert: Dieser junge Mensch, diese paar jungen Menschen scheinen es ja zu schaffen, mit Kirche und Religion heute klar zu kommen. Sie können also das Zepter in die Hand nehmen und die Kirchen in eine rosigere Zukunft steuern. Sie können Auskunft geben über das Geheimrezept, wie der Rest der Generation ebenfalls angesprochen werden kann. Und sie sind irgendwie auch selbst dafür verantwortlich, ob sie die eigenen Überzeugungen attraktiv vermitteln können. Identität suchen und finden Es ist ein großes Spannungsfeld, in dem junge Men- schen, die heute bewusst kirchlich-religiös unterwegs sind, leben. Meine Studierenden fühlen sich im Großteil (noch) zugehörig zur katholischen Kirche, erleben und beschreiben Kirche und Glaube als ihnen wichtige Gemeinschaft und als identitätsstiftend. Sie wollen mehr über ihren Glauben wissen, wollen in ein Berufsfeld einsteigen, in welchem ihr 8

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