Liebe Leserin, lieber Leser! TITEL Das Titelbild ist ein Ausschnitt des Misereor- Hungertuches »Hoffnung den Ausgegrenzten«, geschaffen im Jahr 1996 von Sieger Köder (1925–2015), einem der bekanntesten Maler christlicher Kunst. Die multikulturelle Tischgemeinschaft findet beim Mahl des Herrn Nahrung in Fülle für Leib und Seele. Ihre Gesichter zeugen von einer großen Vielfalt. Das Gesicht Christi ist nicht direkt zu sehen, sondern spiegelt sich wider im Kelch, in der Bildmitte. Die Hingabe seines Lebens leuchtet auf in den Händen, die das Brot mit allen teilen und die für alle durchbohrt sind. Geben Sie mal »Hunger überwinden« in Ihre Suchmaschine ein: Da erscheinen zunächst nur Tipps zum Abnehmen trotz »Heißhunger« und Werbung für Appetitzügler. Irgendwann findet sich dann auch ein Hinweis auf das ehrgeizige Projekt der Vereinten Nationen, den Hunger weltweit bis zum Jahr 2030 zu beenden. Viel Zeit bleibt da nicht mehr. Etwa 800 Millionen Menschen (!) leiden an Hunger. Statistiken geben unterschiedliche Zahlen an. Es hört sich zynisch und menschenverachtend an: Auf ein paar Millionen mehr oder weniger kommt es da auch nicht mehr an. Und es ist tatsächlich menschenverachtend, wie gleichgültig wir im immer noch reichen Westen mit dieser grausamen Wirklichkeit umgehen, während allein bei uns in Deutschland jährlich circa elf Millionen Tonnen Nahrungsmittel auf dem Müll landen. Gott hat das gemeinsame Haus der Schöpfung allen Menschen anvertraut, damit sie darin solidarisch Leben teilen. Rein theoretisch gäbe es Nahrung für alle. Eigentlich müsste niemand hungern. Jesus selbst hat Hungernde satt gemacht. »Unser tägliches Brot gib uns heute!« – diese Bitte aus dem Vaterunser ist auch Auftrag, dafür zu sorgen, dass Menschen genug zum Essen haben. Es gibt aber nicht nur den Hunger des Leibes. Es gibt auch den Hunger der Seele. Der Mensch lebt nicht nur vom Brot allein. Auch das sagt Jesus (vergleiche Mt 4,4). Er lebt auch von Liebe und Zuwendung. Und vom Wort Gottes. Gesunde Ernährung wird für immer mehr Menschen immer wichtiger. Und das ist gut so. Manchmal aber, so mein Eindruck, wird sie zum Religionsersatz. Ganz sicher ist das Essen ein tief spiritueller Vorgang. Es ist mehr als physiologische Nahrungszufuhr. Es geht nicht nur darum, sich den Bauch vollzustopfen. Wenig verbindet Menschen so sehr wie eine gemeinsame Mahlzeit. Zu jedem Fest gehört ein gutes Essen. Dabei wird erfahrbar: Leben meint mehr als nur biologisch zu vegetieren. Leben sucht nach Freude und Sinn. Gutes Essen schmeckt. Ich erfahre etwas vom Geschmack des Lebens, wenn ich das Gefühl habe: »Es ist gut so!« Das Essen verweist mich auf meine Abhängigkeit: Ich muss essen, sonst verhungere ich! Zugleich rühre ich an das Geheimnis, dass mein Leben mir geschenkt ist. Wer glauben darf, ist überzeugt, dass Gott Leben schenkt und lebendig erhält. Jesus bezeichnet sich als das »lebendige Brot«. Wer von diesem Brot ist, wird nie mehr hungern (vergleiche Joh 6,35). Es bleibt schockierend und beglückend zugleich, dass ich als Christ die tiefste Verbindung mit Jesus nicht in einem inneren Geistesblitz erfahre, sondern dann, wenn ich ein Stück Brot esse. Das Mahl der Eucharistie verbindet untereinander und mit Gott. »Die Seele nährt sich von dem, woran sie sich freut.« Ein schöner Satz von Augustinus. Ich wünsche Ihnen, dass Sie bei allen großen und kleinen Problemen jeden Tag auch irgendwo Grund haben, sich zu freuen. Sonst verhungert unsere Seele. Die vorliegende Ausgabe unserer Zeitschrift will zum Nachdenken anregen. Aber sie will auch etwas Freude bringen. Ich wünsche Ihnen eine anregende Lektüre. P. Cornelius Bohl ofm Sekretär für Mission und Evangelisierung 3
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