Bruder Stefan Federbusch

Wie geht Gottsuche in Gemeinschaft?

„Jeder Bruder ist ein Geschenk Gottes“

Leben in Gemeinschaft live und in Farbe
Leben in Gemeinschaft live und in Farbe

Im 13. Jh. hat der wohl bekannteste Heilige in Italien eine Gemeinschaft gegründet, deren Kern die „Bruderschaft“ ist. Alle Mitglieder sind gleichberechtigt ohne hierarchische Über- oder Unterordnung. Es gibt kein Gefälle zwischen Herren und Knechten. Als Brüder sollen wir uns einander als „Hausgenossen“ erweisen, das bedeutet in großer Achtsamkeit füreinander Sorge tragen und einander dienen.
Ein solches „mütterlich“ geprägtes Modell stellt für eine Männergemeinschaft durchaus nicht den Normalfall dar. Ein zentrales Männerthema ist immer das der Macht und damit auch der Konkurrenz. Auf Andere zu hören, „mich nicht über andere erheben“, „nicht verurteilen“, wie Franziskus dies fordert, müssen wir immer wieder einüben.

„Jeder Bruder ist ein von Gott gegebenes Geschenk an die Bruderschaft.“ So steht es in den Konstitutionen der Ordensgemeinschaft der Franziskaner.

Wow, welch klasse Ideal!

Geschenke gefallen uns, wir nehmen sie gerne an. Aber Geschenke können eine ziemliche Herausforderung sein! Geschenke könnten wir auch ablehnen. 

Im Gegensatz zu einer Partnerschaft oder einem Freundeskreis haben wir uns unsere Mitbrüder nicht ausgesucht. In einer Ordensgemeinschaft verbindet uns nicht Sympathie, sondern die Gottsuche und die gemeinsame spirituelle Grundausrichtung.

Gemeinsam stark

Aus der „Schwäche“ für Gott erwächst die „Stärke“ für die Menschen. Als Friedensstifter durch die Welt zu ziehen, war das große Anliegen von Franziskus. Heute heißt das, als Gemeinschaft miteinander darum zu ringen, wie wir uns für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung einsetzen können.

Unsere „Macht“ zu nutzen bedeutet dann, Sprachrohr für die „Machtlosen“ , für die Ausgegrenzten zu sein, deren Stimme nicht gehört wird. Gemeinsam stärke zu zeigen heißt dann zum Beispiel ganz konkret, dass wir uns als weltweite Ordensgemeinschaft über unsere Nichtregierungsorganisation „Franciscans International“ mit Sitz bei der UN in Genf einsetzen für die Menschenrechte. Die rund 1 Million Schwestern und Brüder der Franziskanischen Ordensfamilie schöpfen dabei aus ihren Erfahrungen mit Menschenrechtsverletzungen vor Ort rund um den Globus.

Unser gesellschaftspolitisches Engagement gründet in der franziskanischen Spiritualität. Die Gemeinschaft ist dabei unser Rückhalt. Sie ermöglicht uns, in größerer Freiheit Dinge kritisch beim Namen zu nennen.

Auch im Glaubensleben ist die Gemeinschaft eine große Hilfe. Die festgesetzten Zeiten von Gebet, Gottesdienst und gemeinsamen Mahlzeiten geben dem Tag eine Struktur, die ein einzelner für sich allein kaum durchhalten würde. Das gemeinschaftliche Bibel-Teilen und der Austausch bei Geistlichen Abenden dienen der Selbstvergewisserung des Einzelnen, aber ebenso der Gemeinschaft. Die Ausrichtung an Gott richtet uns neu aus als Gemeinschaft und im Dienst an den Menschen. Auch nehmen wir uns regelmäßig Zeit, einander über unsere Befindlichkeiten zu erzählen. Dies ist sinnvoll, da es in den normalen Alltagsgesprächen oft bei Oberflächlichkeiten bleibt. Über Fußball und die Bundesliga lässt sich für Männer eben leichter debattieren als über Gotteserfahrungen und das, was uns persönlich tatsächlich existentiell bewegt.

Gemeinsame Freizeitaktivität. Brüder beim Bergwandern
Gemeinsame Freizeitaktivität. Brüder beim Bergwandern

Brüderlich ist männlich

Dies mag auch daran liegen, dass wir Männer uns eher über Arbeit und unsere Rollen definieren als über Beziehungen. Wenn Gemeinschaften durch Versetzungen der Brüder an andere Orte neu zusammengestellt werden, (was in der Regel alle 3 Jahre vorkommt) dann geht es vorrangig um die Besetzung von Arbeitsplätzen, nicht um die „ideale“ Gemeinschaft.

Zum Beispiel in der Gemeinschaft im Exerzitienhaus in Hofheim arbeiten fünf von sechs Brüdern in unserem „Franziskanischen Zentrum für Stille und Begegnung“. Die unterschiedlichen Aufgaben von Hausleiter, Bildungsreferent, Finanzverwalter, Rezeptionist und Hausmeister ermöglichen das Einbringen der unterschiedlichen Fähigkeiten und die Arbeit am selben Projekt.

Gemeinschaft erwächst aus dem gemeinsamen Tun ebenso wie aus gemeinsamen Freizeitaktivitäten. Sie braucht das ehrliche Interesse aneinander, die Bereitschaft, den Anderen in seinem Anderssein als Bereicherung zu erfahren und den Mut, einander durch die „brüderliche Zurechtweisung“ weiter zu helfen, damit „die gesamte Bruderschaft ein bevorzugter Ort der Begegnung mit Gott wird“

„Jeder Bruder ist ein Geschenk Gottes.“ Täglich neu auszupacken. Ansporn und Anspruch, hinter dem Geschenkpapier den Menschen in seiner ganzen Fülle zu entdecken, mit seinen mir angenehmen Schokoladenseiten, aber ebenso mit seinen herausfordernden Schattenseiten. Jeder Bruder ist eine Zu-Mutung, im negativen wie im positiven Sinn.

Das ist Gemeinschaft live und in Farbe!


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