Bruder Franz Josef Kröger

La Verna

Franziskus empfängt die Wundmale

Ein fast unbegrenzter Blick bietet sich dem Besucher in die weite Landschaft unterhalb des La Vernas. Foto von Bruder .Michael Blasek
Ein fast unbegrenzter Blick bietet sich dem Besucher in die weite Landschaft unterhalb des La Vernas.
Bild von Bruder Michael Blasek

Graf Orlando di Cattani schenkte den Berg La Verna Franziskus und seinen ersten Gefährten. Franziskus ist erschöpft und es quälen ihn Sorgen um die Zukunft seiner Bruderschaft. Eine tiefe Sehnsucht nach Gott hat sein Inneres erfasst. Er zieht sich zurück auf diesen Berg. Er hofft auf Antworten.

Was in San Damiano mit dem Hinhören auf den Ruf Christi begann, vollendet sich auf geheimnisvolle Weise in der Einsamkeit des La Verna. In der Einprägung der Wundmale macht Franziskus Erfahrung mit einem Gott zum „Anfassen“.

Der moderne Pilger unserer Tage muss sich ein wenig Zeit nehmen, um die Stille dieses Ortes zu erspüren und vom Geheimnis der Gegenwart Gottes ergriffen zu werden.

La Verna – „ein Geschenk des Himmels“

Abstieg zur Grotte, zu der sich Franziskus zum Gebet und zur Meditation zurückzog.
Abstieg zur Grotte, zu der sich Franziskus zum Gebet und zur Meditation zurückzog.

„Der Berg ist unbequem. Mit dieser Eigenschaft rückt er in die Nähe Gottes. Der Gott der Wahrheit war immer unbequem. Wir Menschen versuchen zwar manchmal, uns einen ‚lieben Gott zum Nulltarif‘ zu basteln, der kostenlosen Service bietet. Aber damit betrügen wir uns selbst. Der Gott der Bibel kennt keinen Nulltarif …“ Diese Worte schrieb der inzwischen verstorbene Innsbrucker Bischof Reinhold Stecher in seinem Buch „Botschaft der Berge“.

Damit nähern wir uns einem Geheimnis des Berges „La Verna“, dem „Schicksalsberg“ im Leben von Franziskus. Die Fahrt zum rund 120 Kilometer nördlich von Assisi gelegenen La Verna ist heute gewiss nicht mehr so unbequem wie zur Zeit von Franziskus. Aber immer noch ein kleines Wagnis. Das Wetter ist oft launisch. Selbst einem Papst kann es passieren, dass er mit seinem Hubschrauber nicht auf dem La Verna landen kann, weil dicker Nebel den Berg einhüllt. Aber der La Verna hat seinen Reiz bei jedem Wetter.

Eine „Zone der Stille“ soll verhindern, die „heilige Ruhe“ der Einsiedelei zu stören. Der Graf Orlando dei Cattani soll von Franziskus Worten so beeindruckt gewesen sein, dass er ihm diesen Berg als „Rückzugsort“ anbot. Franziskus schickt zunächst zwei seiner Brüder. Sie erzählen nach ihrer Rückkehr, „dass der Platz abgelegen sei und sehr geeignet für die Betrachtung Gottes“. Als Franziskus selbst den Berg besucht, empfängt ihn „eine große Schar Vögel unter fröhlichem Singen und Zwitschern“. Daraufhin sagt er der Legende nach: „Ich denke, es gefällt unserem Herrn Jesus Christus, dass wir uns auf diesem einsamen Berg niederlassen, wo unsere Schwestern, die Vögel, so froh über unsere Ankunft sind.“

Höhepunkt des Lebens und Leidens

Franziskus empfängt auf dem Berg La Verna die Wundmale Christi. Aquarell von Br. Gabriel Gnägy
Franziskus empfängt auf dem Berg La Verna die Wundmale. Aquarell von Br. Gabriel Gnägy

Im August des Jahres 1224 zieht Franziskus mit einigen Brüdern den La Verna hinauf. Es ist heute kaum vorstellbar, was es für den kranken Franziskus bedeutet, auf dem Rücken eines Esels die steilen Pfade zu erklimmen. Der 42-jährige Franziskus ist total erschöpft. Sorgen, Entbehrungen, Krankheiten – all das hat fürchterlich an seinen Kräften gezehrt. Und so tut Franziskus etwas, was er in solchen Situationen immer gerne tat: Er zieht sich in die Einsamkeit auf einen Berg zurück. Hier kann er ein wenig den Sorgen um seinen Orden, seinen Enttäuschungen und Missverständnissen entfliehen oder mit Gott ins Gespräch kommen.

Der Biograf Thomas von Celano berichtet, wie Franziskus „in einem Gottesgesicht einen Mann über sich schweben“ sah, „einem Seraph ähnlich, der sechs Flügel hatte und mit ausgespannten Händen und aneinandergelegten Flügeln ans Kreuz geheftet war … Große Wonne durchdrang ihn, und noch tiefere Freude erfasste ihn über den gütigen und gnadenvollen Blick, mit dem er sich vom Seraph betrachtet sah, dessen Schönheit unbeschreiblich war; doch sein Hangen am Kreuz und die Bitterkeit seines Leidens erfüllte ihn ganz mit Entsetzen. Und so erhob er sich, sozusagen traurig und freudig zugleich, und Wonne und Betrübnis wechselten in ihm miteinander. Er dachte voll Unruhe nach, was dieses Gesicht wohl bedeute … Während er sich verstandesmäßig über das Gesicht nicht ganz klar zu werden vermochte und das Neuartige an ihm stark sein Herz beschäftigte, begannen an seinen Händen und Füßen die Male der Nägel sichtbar zu werden in derselben Weise, wie er es kurz zuvor an dem gekreuzigten Mann über sich gesehen hatte.“ (Cel 94)

Niklaus Kuster schreibt in seinem Buch „Franziskus – Rebell und Heiliger“ dazu: „Franziskus geht als erster Mystiker in die Geschichte ein, von dem das unerklärliche Phänomen der Stigmata zweifelsfrei bezeugt ist. Da er selbst jedoch darüber schwieg und Wissende ganze Bücher darüber geschrieben haben, sollen hier theologische, psychologische und medizinische Erklärungsversuche ausbleiben.“ Es gibt im Leben Geheimnisse, die man einfach stehen lassen sollte. Denn: Eine Welt ohne Geheimnisse ist eine Welt der Leere.

Ist es Zufall, dass Franziskus neun Monate zuvor in Greccio die Menschwerdung Jesu mit einer lebendigen Krippendarstellung feierte? Gottes Menschsein von der Krippe bis zum Kreuz. Oder wie es in der Regel heißt: „Dies ist unser Leben, das Evangelium Jesu Christi leben und seinen Fußspuren nachgehen.“

Mut zur Einsamkeit

Der Nebel verhangene La Verna. So etwa könnte die Stimmung gewesen sein, als Franziskus aus seiner Felsengrotte zum Himmel geschaut hat.
Der Nebel verhangene La Verna. So etwa könnte die Stimmung gewesen sein, als Franziskus aus seiner Felsengrotte zum Himmel geschaut hat.

Wer den La Verna besucht, sollte Zeit mitbringen. Sein Geheimnis erschließt sich nicht dem eiligen Betrachter, sondern nur dem, der sich Zeit nimmt, den „unbequemen Berg“ zu besteigen und sich in einer Zeit der Stille und Einsamkeit – je nach Wetter – einer wunderschönen, aber auch manchmal unbarmherzigen Natur auszusetzen.

Ausgangspunkt des Besuches ist der große, an schönen Tagen oft ausgelastete Parkplatz. Der Weg führt zunächst vorbei an einem Pilgerspeisesaal, einer Begegnungsstätte für Jugendliche, einem Haus des Gebetes, einem Andenken- und Buchladen. Erste Sehenswürdigkeit ist die große Kirche, seit 1921 zur Basilika erhoben. Wenn man die Basilika links liegen lässt, gelangt man durch ein Tor auf einen großen Platz. Hier befindet sich der Zugang zu der kleinen Kirche, die Maria zu den Engeln geweiht ist. Sie soll bereits auf Bitten von Franziskus erbaut worden sein.

Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes weist ein Schild zum „Sasso Spicco“. Die Treppe führt zur „ersten Zelle von Franziskus und dann weiter zu einem eindrucksvoll überhängenden Felsen, unter dem Franziskus sich gerne aufhielt und betete“. In der Hochsaison ist der Zugang allerdings oft gesperrt. Jeden Tag führt um 15 Uhr eine Prozession von der Basilika zur Stigmatisationskapelle, durch einen Gang, geschmückt mit Fresken aus dem Leben von Franziskus. Auf halbem Weg zur Kapelle kann man einen Blick werfen auf das „Bett von Franziskus“, einen flachen Fels in einer kalten und feuchten Grotte.

Auf eine Erkundung des Berges sollte man nicht verzichten. Selbst wenn das Wetter dazu nicht einlädt. Man muss kein Mystiker wie Franziskus sein, um von diesem „unbequemen“ Berg La Verna, seiner Schroffheit und seiner Schönheit, seiner Zugänglichkeit und seiner Unzugänglichkeit fasziniert zu sein.


2 Kommentare zu “La Verna

  1. Grüß Gott Herr Wachinger, in La Verna gibt es meines Wissens keine Kreuzesdarstellung in der Art, wie Sie sie suchen. Durch das feuchte Klima wird auf dem La Verna vor allem auf Keramiken gesetzt.
    Bemalte Tafelkreuze gibt es unterdessen in Assisi selbst, dort in der Kirche Santa Chiara in der Hauptapsis der Kirche. Des Weiteren gibt es ein Tafelkreuz mit dem Heiligen Franziskus, den Fuß Jesu küssend in der San Francesco Basilika in Assisi und eine Kreuz von Giunta di Pisano in der Kirche in Bologna.

  2. Sehr geehrte Brüder,
    ich suche eine Aufnahme des Kreuzes von La Verna. Habe ich richtig verstanden, dass es die Abbildung ist, auf der der hl. Franziskus Christi übergroßen Fuß und die Wundmale küsst? Es ist ein wundervolles Bild, das ich suche. Vielleicht können Sie mir helfen. Vergelt´s Gott im Voraus!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.