Bruder Franz Josef Kröger

Basilika San Francesco – Unterkirche

Die Grabeskirche des heiligen Franziskus

Wenn der Pilger die Oberkirche von San Francesco betritt, fällt sein Blick unweigerlich auf die prächtigen Fresken Cimabues. Bei so manchem Besucher erweckt die reiche Ausstattung des Kirchenbaus zwiespältige Gefühle. Ein krasser Gegensatz tut sich auf. Auf der einen Seite das prächtig ausgemalte Kirchenschiff, auf der anderen Seite ein bekennender Armer, der dort seine letzte Ruhestätte findet. Es ist jedoch möglich eine gedankliche Brücke zwischen diesen Gegensätzen herzustellen. Franziskus selbst, der in vollkommener Armut lebte, konnte – wenn es um die Verehrung Gottes ging – nichts wertvoll genug sein.

Die eher schlicht gehaltene Krypta mit dem Grab des heiligen Franziskus befindet sich im Hauptschiff der Unterkirche. In einer Nische in der Krypta sind auch die ersten Gefährten des heiligen Franziskus, Rufino, Angelo, Masseo und Leo beigesetzt.

Weltkulturerbe mit Herz

Gesamtansicht des Sacro Convento mit Oberkirche San Francesco.
Gesamtansicht des Sacro Convento mit Oberkirche San Francesco.

Bei meinem letzten Besuch in Assisi hatte ich am Grab des heiligen Franziskus in der Krypta von San Francesco ein seltsames, fast schon bizarres Erlebnis. In der vor vier Jahren neu gestalteten Krypta war es recht ruhig. Ich saß auf einer kleinen Bank in der Nähe des Grabes. Eine Frau kniete mir gegenüber auf der Stufe direkt am Grab und hielt sich mit beiden Händen an den Gittern fest, die das Grabmal umgeben. Sie weinte und murmelte leise vor sich hin und war ganz in ihrer Welt versunken. Da trat ein Mann hinzu, der sich zunächst einen Moment neben sie stellte und wartete, dann leise auf sie einredete, schließlich versuchte, ihre Hände von dem Gitter zu lösen und sie vom Grab wegzuziehen. Doch weder gutes Zureden noch handfestes Zugreifen konnten die Frau dazu bewegen, sich vom Grab des heiligen Franziskus zu lösen. Krampfhaft und wie verzweifelt hielt sie sich am Gitter fest. Kopfschüttelnd verließ der Mann daraufhin die Krypta.

Ich war nur ein stiller Beobachter der Szene. Hatte keine Ahnung, welches Drama sich da gerade abspielte. Aber diese Szene – das krampfhafte sich Festklammern am Gitter vor dem Grab des heiligen Franziskus, so als wenn nur er noch der einzige Halt in ihrem Leben wäre, und andererseits das verständnislose Kopfschütteln des Mannes und sein abruptes Verlassen der Krypta – hat in mir wieder einmal widersprüchliche Gefühle wachgerufen. Gefühle, die sich bei mir bei jedem Besuch von San Francesco einstellen. Es ist der für mich fast unlösbare Widerspruch zwischen der Lebensphilosophie des „Armen aus Assisi“, der nur für Gott und die Menschen leben wollte und sich bewundernden Blicken der Menschen am liebsten entzog, und der seiner späteren Bewunderer und Verehrer, die Franziskus aus Verehrung ein wunderschönes und beeindruckendes Kunst- und Kulturdenkmal in Form einer Doppelkirche bauen, die in der Welt ihresgleichen sucht. Da stoßen zwei Welten aufeinander, die so unvereinbar scheinen, die sich derart „reiben“, dass man unwillkürlich den Atem anhält und sich fragt: Wie kann das zusammenpassen? Ist das zumutbar, aushaltbar? Für Franziskus, der sich ein Leben in Armut auf seine Fahnen geschrieben hat, in einer derart reichen und bewundernswerten Kirche sein Grab zu finden, und auf der anderen Seite für diese künstlerisch und kulturgeschichtlich so wertvolle Kirche als eine Art Provokation die sterblichen Überreste eines Franziskus in ihrem „Schoß“? Ist das – wie mancher „unkt“ – die späte Rache des Vaters an Franziskus, dass seine Welt, die Welt des Geldes und des Reichtums, letztlich doch die Oberhand behält über all die Ideale, die sein Sohn als verloren gegangene Werte wieder in die Kirche seiner Zeit einbrachte und zu neuem Leben erweckte?

Der „kleine Arme“ in der prunkvollen Kirche

Krypta in der Unterkirche San Francesco mit Detailansicht des Franziskusgrabes in der Apsis
Krypta in der Unterkirche San Francesco mit Detailansicht des Franziskusgrabes in der Apsis

Vielleicht liegt gerade darin für diejenigen Besucher oder Pilger, die hier auch ein „Stück Franziskus“ finden wollen, die spannende und manche auch aufwühlende Frage: Gibt es eine Versöhnung zwischen diesen beiden so gegensätzlichen Lebenswelten? Oder bleibt es ein „ewiger Kampf“ zwischen denen, die um des Evangeliums willen auf alles verzichten, und denen, für die nichts gut und wertvoll genug sein kann, wenn sich darin die Verehrung Gottes widerspiegelt? Ein Widerstreit, der sich ja auch in Franziskus selbst abspielt, wenn er persönlich ein Leben in vollkommener Armut führt, aber ihm auch nichts gut und wertvoll genug sein kann, wenn es der Verehrung Gottes in der Eucharistie dient. Gegensätze können unversöhnlich aufeinanderprallen. Gegensätze können sich aber auch anziehen und gegen seitig befruchten. Beides ist möglich. Gleich von welcher Seite man sich San Francesco nähert, man schaut immer auf imposante Mauern, geschwungene Arkadengänge, stolze Türme. Allerdings sind es zumeist die Mauern des Klosters, des Sacro Convento, auf die man schaut – egal von welcher Talseite aus. Über einen großen Vorplatz nähert man sich der Unterkirche von San Francesco. Auf der linken Seite des Platzes, unter den Arkaden, hängen seit einiger Zeit moderne Bronzereliefs, von denen eine Darstellung meiner Meinung nach besondere Aufmerksamkeit verdient: die Darstellung „Maria mit dem Kind Jesus“. Links vom Eingang zur Kirche liegt der Eingang zum Sacro Convento, dem Hauptsitz der Minoriten, den sogenannten „schwarzen“ Franziskanern. Wenn man die Kirche betritt, müssen sich die Augen erst an eine gewisse Dunkelheit gewöhnen, bevor sie die zahlreichen Fresken entdecken, die die Wände vor allem des Hauptschiffes und des westlichen Querschiffes schmücken. In Anlehnung an die Grabeskirche in Jerusalem wurde die Unterkirche als Grabeskirche für Franziskus gebaut.

Vermutlich im Jahr 1230 war sie so weit fertiggestellt, dass sein Leichnam aus der Kirche San Giorgio nach San Francesco überführt werden konnte. Die Unterkirche enthält eine Fülle von Fresken, die im Hauptschiff Szenen vom Leiden Christi Szenen aus dem Leben von Franziskus gegenüberstellen. Oberhalb des Hauptaltares im westlichen Querschiff, genau über dem Grab von Franziskus, sind als Allegorien die drei Gelübde Gehorsam, Armut und Keuschheit abgebildet, dazu die Allegorie der Verherrlichung des Franziskus. Wer das westliche Querschiff auf der rechten Seite betritt, findet dort das bekannte und berühmte Franziskusporträt von Cimabue.

Ein langer Weg zur letzten Ruhestätte

Grablicht mit Majolicakreuz über der Tomba des hl. Franziskus.
Grablicht mit Majolicakreuz über der Tomba des hl. Franziskus.

Im Hauptschiff der Unterkirche befindet sich der Zugang zur Krypta mit dem Grab von Franziskus. Sie ist der jüngste Teil der gesamten Kirchenanlage und wurde 1824 im klassizistischen Stil erbaut. Die letzte Renovierung liegt erst vier Jahre zurück. Das Grab von Franziskus hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Anfangs war das Grab unter dem Hauptaltar vermutlich für die Öffentlichkeit zugänglich. Als Mitte des 15. Jahrhunderts Bürger aus der Stadt Perugia drohten, den Leichnam von Franziskus zu stehlen, wurde das Grab „versteckt“. Und zwar so gut, dass die genaue Lage des Grabes in Vergessenheit geriet und man es nicht wiederfinden konnte. Erst im Jahr 1818 wurde das Grab wiederentdeckt. Es folgten lange Untersuchungen, ob es sich wirklich um den Leichnam von Franziskus handelte. Schließlich erklärte der Papst die sterblichen Überreste von Franziskus für echt. Man begann eine Krypta auszuheben. 1824 wurde dann dort der Leichnam von Franziskus begraben.

In dieser Krypta befinden sich in einer Nische auch die sterblichen Überreste von vier Brüdern, die zu den ersten gehören, die Franziskus gefolgt sind: Rufino, Angelo, Masseo und Leo. Ebenso findet sich in der Krypta der Sarg von Frau Jakoba dei Settesoli, einer adeligen Dame aus Rom, die Franziskus sehr verbunden war. Sie war dabei, als Franziskus starb. Die Krypta – so mein Eindruck – ist wirklich zu einem Ort des Gebetes und der Sammlung geworden.


3 Kommentare zu “Basilika San Francesco – Unterkirche

  1. Tief bewegte mich ein Fresko in der Unterkirche. Es zeigt eine gehängte Frau mit langen offenen, blonden Haaren in einem blauen Kleid. Welche Geschichte steht hinter diesem Bild?
    Das Fresko fand ich unter dem linken Treppenaufgang, der in den Innenhof der Kirche führt.

  2. Guten Tag, ich hätte ein Frage zur letzten Ruhestätte vom Hl.Franz von Assisi… denn angeblich
    der Kopf des Leichnams – der mit Edelsteinen verziert ist – befindet sich nicht in der Grabeskirche
    sondern in einem anderen Land. Dies ist doch richtig denn ich habe Bildmaterial davon.
    Mit freundlichen Gruß Harald Pilecky aus Österreich

    1. Grüß Gott Herr Pilecky
      Der heilige Franziskus fand seinerzeit in der St. Georgs-Kirche in Assisi seine letzte Ruhestätte (An der Stelle steht heute die St. Klara-Kirche). Er wurde einige Jahre später unversehrt im Fundament der San-Francesco Basilika beigesetzt. Aus Furcht vor Grabräubern war der genaue Ort damals nicht vermerkt und wurde erst bei einer Rekonstruktion der Basilika im frühen 18. Jh. wiederentdeckt.
      Das sein Haupt abgetrennt wurde und an anderer Stelle juwelenverziert ausgestellt wird stimmt sicherlich nicht. Vielleicht verwechseln sie dies mit einer anderen Heiligenlegende?

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