11.06.2021 Pater Hans-Georg Löffler

Am „toten Punkt“

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Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Pater Hans-Georg Löffler

Das Zeichen, das Kardinal Reinhard Marx mit seinem angebotenen Amtsverzicht gesetzt hatte, war stark und eindeutig. Es war ein Ausdruck eines tiefen Verantwortungsgefühls für geschehenes Unheil in der Katholischen Kirche, als er dem Papst seinen Rücktritt als Erzbischof von München und Freising anbot. Kardinal Marx möchte es nicht bei wohlformulierten Worten belassen, sondern Zeichen setzen, die deutlich machen, dass es wirklich um die Menschen und Ihre persönliche Geschichte geht.

Es zeigt auch, dass Verantwortliche in der Kirche bereit sind Konsequenzen zu ziehen aus den erschütternden Geschehnissen. Denn zu häufig mussten Opfer erfahren, dass sie nicht wirklich ernst genommen wurden, dass Richtlinien verändert aber sie selber nicht angehört wurden, dass Leid, das sie häufig ihr Leben lang begleitete und beeinträchtigte, nicht anerkannt worden war.

Die Entscheidung des Papstes, Reinhard Marx in München und Freising als Erzbischof zu belassen, ist für mich Ausdruck eines tiefen Vertrauens in seine Person und des festen Willens, in diesem Sinn sowohl die Aufarbeitung der Missbrauchsfälle in Deutschland voranzutreiben, als auch das Bemühen um eine Verlebendigung der Kirche in Deutschland weiterzuverfolgen, das durch den Synodalen Weg, der maßgeblich von Kardinal Marx angeregt wurde, in der ganzen Bandbreite seiner notwendigen Kontroversen und dem fraglosen Gesprächsbedarf zwischen Bischöfen und den sogenannten Laienvertretern begonnen hat.

Vielleicht gelingt ja das Wunder, einen „toten Punkt“ zum „Wendepunkt“ werden zu lassen. Ich wünsche Kardinal Marx dabei Kraft, Ausdauer und Mut, und unserer Kirche in Deutschland, dass es gelingen möge. Es ist so nötig.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de.


3 Kommentare zu “Am „toten Punkt“

    1. Dank für Ihre Frage, Myke Rosenthal-English. Pater Hans-Georg würde den „vielen Bischöfen weltweit“ sagen: Sprecht mit unseren Bischöfen über ihre Motivation, einen Synodalen Weg als Gesprächsprozess in Deutschland zu initiieren, denn miteinander reden, ist immer besser als übereinander zu reden.

  1. Papst Franziskus in der Schule seines Namenspatrons aus Assisi
    Gerne wird dem Heiligen Vater wegen seiner Zugehörigkeit zum Orden des hl. Ignatius jesuitische Schläue nachgesagt. Gerade, wenn er unkonventionelle Entscheidungen trifft oder nicht ganz ins Bild eines Pontifex passende Wege der Mitteilung wählt, versuchen manche Kommentatoren, sich so einen Reim auf das zu machen, was der Papst sagt oder wie und wo er es sagt.
    Der persönliche Brief des Heiligen Vaters an Kardinal Marx in München als Antwort auf dessen Rücktrittsangebot hat nun ein deutliches Vorbild in einem Schreiben, das uns vom hl. Franziskus überliefert ist. Es ist der zwischen 1217 und 1221 entstandene „Brief an einen Minister“ (Die Schriften des heiligen Franziskus von Assisi. 6. Aufl., Werl 1960. S. 85f.); Minister ist der in jener Zeit der Entstehung des Franziskanerordens noch nicht allgemein verbindliche Titel für einen Kustos oder Provinzial. Die Minister heutiger Regierungen lassen einen nicht sofort darauf kommen, aber Minister heißt übersetzt „Diener“.
    Franziskus von Assisi antwortet mit diesem Schreiben vermutlich auf eine ernste Anfrage eines Oberen, dem, in heutigem Deutsch gesprochen, die Dinge seines Amtes über den Kopf gewachsen sind. Dieser Brief ist nicht erhalten, läßt sich aber ohne weiteres aus der Antwort des Ordensvaters erschließen. Besagter Minister sehnte sich nach der Abgeschiedenheit einer Einsiedelei, wo er sich Zeit für das Gebet und sein geistliches Leben erhoffte. Franziskus nennt dieses Anliegen das „Anliegen deiner Seele“ und gibt dem Minister eine herrliche Anweisung: „Alles, was dich hindert, Gott den Herrn zu lieben, und wer immer dir Schwierigkeiten machen mag, entweder Brüder oder andere, auch wenn sie dich schlagen sollten, alles mußt du für Gnade halten.“ Es folgt eine Ermahnung zum Gehorsam „gegen Gott den Herrn und gegen mich“, und die Ermutigung: „Und liebe jene, die dir solches antun. Und du sollst nichts anderes von ihnen verlangen, als was der Herr dir geben wird… Und du sollst nicht verlangen, sie möchten bessere Christen sein. Und dies soll dir mehr sein als eine Einsiedelei.“ Da ist kaum ein Wort überflüssig. Franziskus, für den Gehorsam und Liebe eng zusammengehören, bezeichnet sich im Folgenden gar als Knecht (Diener – servus), nicht nur des Herrn, sondern auch als den des Ministers: „Und darin will ich erkennen, ob du den Herrn und mich, seinen und deinen Knecht, liebst, wenn du folgendes tust, nämlich: es darf keinen Bruder auf der Welt geben, mag er auch gesündigt haben, soviel er nur sündigen konnte, der deine Augen gesehen hat und dann von dir fortgehen müßte ohne dein Erbarmen, wenn er Erbarmen sucht. Und sollte er nicht, Erbarmen suchen, dann frage du ihn, ob er Erbarmen will.“ Ob der Papst vor dem Ausrufen des „Jahrs der Barmherzigkeit“ (2015/16) nicht auch hier bei seinem Namenspatron die entscheidenden Impulse erfahren hat?
    Der „Brief an einen Minister“ regt auch in der aktuellen Situation, in der die Aufarbeitung des Mißbrauchs in der Kirche zu einem der vorrangigsten Themen geworden ist, zum Weiterdenken an, vor allem im Blick auf die Täter: „Und würde er [der Täter und Sünder] danach auch noch tausendmal vor deinen Augen sündigen, liebe ihn mehr als mich, damit du ihn zum Herrn ziehst. Und mit solchen habe immer erbarmen.“ Das, so der ausdrückliche Auftrag des Ordensvaters an den Minister, solle er allen Guardianen, also den Hausoberen seiner Provinz, mitteilen; es gab ja damals noch keine „offenen Briefe“ und kein „www“. Von Todsünden und läßlichen Sünden ist im weiteren die Rede. Immer geht es dem hl. Franziskus darum, daß die Brüder zusammenkommen und die, die ihre Sünden bekennen wollen, sollen immer dazu Gelegenheit erhalten, um dann die Vergebung im Sakrament der Beichte zu empfangen. Er weist sogar an, wenn kein Priester anwesend ist, daß die Sünden einem Bruder gebeichtet werden können, „bis er einen Priester finden wird, der ihn rechtmäßig losspricht“. Keiner soll die „Vollmacht haben, eine andere Buße aufzuerlegen als diese: ‘Gehe hin und sündige nicht mehr‘.“ (Vgl. Joh 8, 11). Freilich sind diese bescheidenen, wenn auch geistlichen Maßgaben nicht ausreichend, um dem Mißbrauchsskandal heutiger Tage in angemessener Weise zu begegnen, aber mit dem hl. Franziskus von Assisi kommt der manchmal aus dem Blick verlorene Sünder, der Täter, und dessen Würde und Bekehrung wieder in den Blick. Häufig steht die Unschuldsvermutung doch nur auf dem Papier, und so mancher Beschuldigte ist für sein Leben gezeichnet und abgeschrieben, auch wenn sich nach Untersuchungen herausstellt, daß die Verdächtigungen falsch waren. Der Adressat des Briefes soll, so weist Franziskus von Assisi ihn an, ihn bei sich tragen, bis der Orden sich zum nächsten Pfingstkapitel wieder trifft. Das sogenannte „Mattenkapitel“ an Pfingsten war von Anfang an eine feste demokratische Institution des noch jungen Franziskanerordens, als sich noch alle Brüder treffen konnten und man sich in Ermangelung von ausreichenden Sitzgelegenheiten eben auf Matten niederlassen mußte. Erst später wurde daraus das Generalkapitel aller Provinziäle. Schweigen wir vom sogenannten „synodalen Weg“, mit dem sich Kardinal Marx als Erzbischof von München und Freising nun auf Geheiß des Papstes befassen soll. Dieses genuin deutsche katholische Projekt ist mit der Versammlung der Minderbrüder in Assisi aus der Anfangszeit wohl kaum zu vergleichen. Von einem „toten Punkt“ war damals jedenfalls nie die Rede. Da herrschte Aufbruchstimmung. Und die wünscht sich ganz bestimmt auch Papst Franziskus, der für die nächsten zwei Jahre eine neue „Weltsynode“ auf den Weg gebracht hat. Nach seinem Willen soll Kardinal Marx dabei sicher ein Aktivposten sein.

    P. Robert Jauch ofm

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