21.01.2022 Bruder René Walke

„Nicht schon wieder!“

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Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder René Walke

„Nicht schon wieder!“, stöhnt vielleicht so mancher in diesen Tagen – ausnahmsweise ist das Thema nicht Corona: Es geht um den „Missbrauch“ und den offiziellen Umgang damit in der Erzdiözese München und Freising. Gestern (20.01.2022) wurde dazu ein Gutachten präsentiert. Vertuschung, Verdrängung bis hin zu Verleugnung sollten dazu dienen, das Bild der Kirche und ihrer Kleriker sauber zu halten. Dass dieser Versuch das Gegenteil bewirkte, ist weltweit bekannt.

Theologische Termini bezeichnen die Kirche u. a. als Leib Christi – alle Gläubigen sind Glieder dieses Leibes und Jesus ist das Haupt. Durch den Missbrauch wird dieser Leib Christi, mit anderen Worten der Körper von Jesus, beschmutzt, verunreinigt, entweiht, in den Dreck gezogen, verschandelt, geschunden, verlacht und verhöhnt. Das mag uns Mit-Glieder beschämen und verletzen, demütig oder aber wütend werden, es ist allerdings nichts Neues: Die Erlösung ist durch die Beschmutzung und Verachtung von Jesus Christus auf seinem Kreuzweg geschehen. Er wurde in den Dreck gezogen und geschunden, verlacht und verhöhnt, wegen unserer menschlichen Schuld. Er nimmt sie mit dem Kreuz auf sich, uns zur Erlösung und zum Vorbild: Erlösung liegt darin, Schuld anzunehmen und niemals darin, sie unter den Teppich zu kehren.

Im Gutachten geht es um die Frage der systematischen Schuld: Inwieweit haben strukturelle Entscheidungen insb. der Bischöfe dazu geführt, dass Opfern in immer viel zu hoher Zahl und in immer wiederkehrenden Übergriffen körperliches und seelisches Leid angetan werden konnte, unter dem sie ihr Leben lang leiden? „Ich bin ja Teil des Systems, das in weiten Teilen in der Frage des Missbrauchs versagt hat“, sagt Erzbischof Reinhard Marx im Vorfeld der Veröffentlichung. Als Christ und Franziskaner bin ich ebenfalls ein Teil des Systems und auch mir ist das Versagen und verantwortungslose Handeln auch durch persönlich spürbare Konsequenzen sehr bewusst: Seit Jahren mache ich Präventionsschulungen, muss Führungszeugnisse sammeln, Schutzkonzepte erarbeiten, es vermeiden, mit Kindern alleine in geschlossenen Räumen zu sein und vieles mehr.

Bei all dem kommen mir die Worte: „Nicht schon wieder!“, nicht über die Lippen. Das sind doch die Worte der Kinder, der Opfer, die sie unausgesprochen im Herzen tragen, wenn sie wiederholt missbraucht werden oder wenn sie später durch quälende Erinnerungen ihre Verletzungen immer wieder spüren.

„Niemals wieder!“, will ich ihnen zusagen und hoffentlich alle Teile des versagenden Systems ebenfalls. Von Kritikern wird nun konsequentes Handeln gefordert – Prävention und weitere Schutzmaßnahmen gehören schon zum Standard in der Kirche. Ich hoffe, dass mit dem neuen Gutachten ein konsequentes Heben des Teppichs, unter den zum Hohn der Opfer so viel Schuld gekehrt wurde, angestoßen wird.


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