23.04.2021 Bruder René Walke

Polarisierung vs. Differenzierung

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Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren die Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder René Walke

„Sie haben eine differenzierte Meinung!“, bestätigt mir die Internetseite, auf der ich gerade nach dem Lesen eines Artikels an einer Kurzumfrage teilgenommen habe. Ich kann in der Grafik erkennen: Meine Meinung ist nicht Mainstream, nicht dort, wo die meisten abgegebenen Stimmen liegen. Die Frage selbst empfand ich jedoch sehr polarisierend.

Wie so vieles in der Welt: Klima oder Auto, USA oder Russland, Trump oder Biden, Impfen oder nicht Impfen, Pandemie oder Schnupfen. Eine differenzierte Meinung zu haben, das hört sich für mich gut an, taktisch clever, intelligent, überdurchschnittlich. Vielleicht sogar elitär? Wer hat die Voraussetzungen, um sich eine differenzierte Meinung zu bilden?

Ich brauche tausende von Informationen dazu; wie soll ich das schaffen? In der globalisierten Welt werde ich heute z.B. gefragt: Was bedeuten die „Todeszonen“ in den Weltmeeren, in denen aufgrund von Sauerstoffmangel kein Leben mehr möglich ist, für unsere Zukunft? Die nächste Frage: Was bedeutet der soeben auf dem Mars hergestellte Sauerstoff für unsere Zukunft? Sollen wir unseren Fokus darauf richten, das eine zu vermeiden oder das andere zu stärken? Mir wird schwindelig: Das waren nur die Fragen vom 22.04.2021 um 15:30 Uhr.

Am Dienstag haben wir in einer kleinen Kirche Gottesdienst gefeiert. Die Lesung berichtet davon, dass Stefanus von Jesus erzählt und ihn als Erlöser der Welt bekennt. Für die Menschen, mit denen er gesprochen hat, war das ein Skandal, denn damit hätte sich ihre Religion verändert. Daher brüllen sie laut und bringen Stefanus grausam um. Einer der Mörder war Saulus. Der hatte eine sehr undifferenzierte Meinung: Christen müssen ausgerottet werden!

Mein Blick schweift durch die kleine Kirche: Da ist ein großes Deckengemälde, das Stefanus zeigt, wie er im Himmel angekommen ist. An anderer Stelle finde ich eine Statue, die Saulus zeigt, der später Paulus hieß und mittlerweile durch die Begegnung mit Jesus zwar nicht differenzierender jedoch barmherziger geworden war. Mörder und Opfer in einer Kirche als Heilige dargestellt. Möglich durch nur eine einzige Information: Gott liebt diese Welt.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
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