19.01.2024 Bruder Andreas Brands

„Sexualität ist ein Geschenk Gottes“

<> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Andreas Brands

Endlich! Endlich sagt es der Papst einmal live und wortwörtlich: „Sexualität ist ein Geschenk Gottes“ und begibt sich damit hoffentlich auf einen Weg, alle mit dem Thema verbundenen Fragen aus der Klammer der ewigen Verdächtigung und des Rigorismus herauszulösen.

Am Mittwoch (17. Januar 2024) hat Papst Franziskus in seiner Audienz auf die angeheizte Diskussion Bezug genommen und erörtert, dass sexuelles Vergnügen ein Geschenk Gottes ist. „Im Christentum gibt es keine Verurteilung des Sexualtriebes. Ein Buch der Bibel, das Hohelied der Liebe, ist ein wunderbares Gedicht über die Liebe zwischen zwei verlobten Paaren“, zitierte La Repubblica den Papst.

Sexualität und Kirche – bis heute eine meist unversöhnte Geschichte. In die Schusslinie der Hardliner gerät seit einigen Wochen Victor Kardinal Fernández, der Präfekt der Glaubenslehre. In den 1990er-Jahren hat er zwei Bücher herausgebracht: 1995 „Heile mich mit deinem Mund. Die Kunst des Küssens“ und 1998 „Die Mystische Passion. Spiritualität und Sinnlichkeit“. Seine Kritiker werde nicht müde, diese Bücher zu verurteilen. Verunglimpfungen bis zur Blasphemie werden ausgesprochen.

Wenn dem so ist, dass die Sexualität uns als Geschenk anvertraut ist, dann hat das Auswirkung auf eine längst überfällige Moraltheologie. Diese soll dem Menschen von heute Antworten geben, das Menschsein in allen Facetten würdigen und der Tatsache Rechnung tragen, dass der Weg der Selbstbestimmung von Frau und Mann seit den 1968ern stetig vorangeschritten ist.

Papst Franziskus, geh mutig voran, damit die Entfremdung zum Menschen nicht noch weiter zunimmt.

Liebe Kirche, willkommen im Leben!


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Ein Kommentar zu “„Sexualität ist ein Geschenk Gottes“

  1. Lieber Bruder Andreas

    Vielen Dank für Deinen Kommentar. Der Papst sagte also, dass sexuelles Vergnügen ein Geschenk Gottes sei. Interessant. Dabei wird er aber ganz selbstverständlich den Sex zwischen gleichgeschlechtlichen Partnern ausgeklammert haben. Denn der ist ja nicht gottgewollt – so die Kirche. Und auch wenn dieses Thema wohl eher nicht von Dir impliziert ist, kann ich nicht anders und muss meinen Senf dazugeben. Im Gegensatz zum Tier ist der Mensch, was Sexualität angeht, etwas anders gestrickt. Tiere haben nur während eines relativ kleinen Zeitabschnitts im Jahr Geschlechtsverkehr – und das nur zu Fortpflanzungszwecken (dies lasse ich einmal so stehen, solange es keine eindeutigen Forschungsergebnisse gibt, die etwas anderes belegen). Beim Menschen sieht das anders aus. Er ist nicht auf diese Fortpflanzungsperiode angewiesen. Um es salopp auszudrücken: Der Mensch kann immer. Hier könnte man bereits fragen: Ist das von Gott so gewollt? Und wenn ja, warum? Nur, damit sich der Mensch vom Tier unterscheidet? Oder ist die Möglichkeit zu sexuellen Erfahrungen ein Geschenk Gottes? Die Kirche sieht den Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau als reines „Instrument“ zur Fortpflanzung IN DER EHE. Diese beschränkte Sichtweise setzt den Geschlechtsverkehr des Menschen auf dieselbe Stufe wie der Tiere. Da beißt die Maus keinen Faden ab, soll heißen: Die Kirche mag da noch so viele verschwurbelte Sätze finden und den innerehelichen Sex hochstilisieren, aber es bleibt, was es ist: Sex zur Fortpflanzung. Die Worte von Papst Franziskus mögen da eine gewisse „Morgenröte am Horizont“ anzeigen. Nun ja, für die wenigen Katholiken, die sich streng an die Lehre der kirchlichen Moraltheologie halten. Die Realität hat diese jedoch schon lange überholt. Kein Sex vor der Ehe? Wenn man das heute Jugendlichen gegenüber zur Sprache bringt, ist ein Grinsen die freundlichste Antwort darauf.

    Für mich hat das von Dir, Andreas, angesprochene Thema aber noch eine weitere Dimension. Was ist denn mit unseren lesbischen und schwulen Schwestern und Brüdern? Ich habe schon so viel haarsträubenden Unsinn gehört, dass ich Folgendes festhalten möchte: Schwule und Lesben werden genau wie Heterosexuelle mit ihrer sexuellen Orientierung geboren. Punkt. Niemand hat es sich ausgesucht. Es gab vorgeburtlich keinen Fragebogen für den Fötus, wo er ankreuzen konnte, mit wem er oder sie in Zukunft Sex haben möchte. Und jetzt versetze sich einmal in einen Menschen hinein, der mit einer gleichgeschlechtlichen Orientierung in diese Welt geboren wird. Bereits im Kindergarten wird mit der Beschimpfung „Schwuchtel“ um sich geworfen, bewusst oder unbewusst (der/die/das liebe Kleine lernt ja von zu Hause!). Diese Erfahrung setzt sich in den nächsten Jahren in der Schule fort. Vielleicht hört das Kind / der Jugendliche auch in der Familie das herabwürdigende Reden über Homosexuelle. Etwa ab einem Alter von 12-14 Jahren, wenn die Pubertät kommt und die eigene Sexualität „erwacht“, bemerkt dieser junge Mensch, dass er oder sie anders ist, anders empfindet als die anderen. Und nicht nur anders, sondern abartig, pervers, dreckig. Da kann ich nur sagen: Glücklich, wer sich aus dieser erniedrigenden und verachtenden Sichtweise befreien kann! Aber dann kommt der Hammer oder konkreter die Kirche. Homosexualität ist nicht gottgewollt! Homosexuelle befinden sich in einer „irregulären Lebenssituation“ und müssen sich aus dieser „befreien“ Und als Sahnehäubchen obendrauf: Sex ist nur in der Ehe erlaubt. Die Ehe gibt es nur zwischen Mann und Frau. Mann und Mann/Frau und Frau dürfen nicht kirchlich getraut werden. Ergo: Keine Ehe, kein Sex!

    Zwangskeuschheit aufoktruiert von einer Institution, deren Vertreter Keuschheit versprochen haben und trotzdem Kinder zeugen (alimentiert von dieser Kirche) und wovon ein ganz erheblicher Teil selbst homosexuell ist. Man spricht von einem Anteil Homosexueller von ca. 10 % in der Gesamtbevölkerung, im Klerus liegt der Anteil weit höher. Jeder, der oder die hier noch ganz bei Verstand ist, fragt sich doch da: Mit welchem Recht bestimmen diese heuchlerischen alten Männer über das Sexualleben von so vielen Menschen? Woher beziehen sie ihre Gewissheit, dass sie im Recht sind? Hatten sie eine göttliche Eingebung? Wohl kaum. Die Bibel? Nun ja, da müsste man jetzt etwas tiefer graben, was ich hier nicht tun möchte. Nur so viel: im AT wird auf so vieles und so viele eingedroschen und auch das Thema Homosexualität taucht dabei auf. Ich persönlich glaube, dass Jesus all diese schrecklichen Forderungen / Taten / Anweisungen aufgehoben hat. Er hat Liebe und Vergebung gepredigt. Er hat die Sünderin nicht verurteilt. Warum also sollte er Schwule und Lesben verurteilen? Man möge mich korrigieren, aber kein einziges explizites Wort ist von ihm hierzu überliefert. Ich wünschte, er hätte es getan. Und wie auch immer sie ausgefallen wären, seine Worte, aber es gäbe eine eindeutige Aussage. Im schlimmsten Fall würden Jesu Worte dem Hass und der Wut der ewiggestrigen, erzkatholischen Rechtskonservativen in dieser Kirche recht geben. Allerdings gäbe es dann wohl auch schon längst keine homosexuellen Kirchenmitglieder mehr, die immer noch auf die Barmherzigkeit einer Kirche hoffen, die sich selbst ad absurdum führt.

    Abschließend noch zu Kardinal Fernandez. Er kann einem leidtun. Da versucht er ein Schrittchen (Fiduzia supplicans) zu machen und schon dreschen die recht(s)gläubigen Mumien eines sterbenden Katholizismus auf ihn ein. „Blasphemie!“ und „Häresie“, Totschlagkeulen in einer Auseinandersetzung zwischen [versuchtem] Fortschritt und Rückwärtsgewandtheit in der Kirche. Strickland, Sarah, Müller, Sedisvakantisten und Konsorten wenden sich gegen Fernandes, aber auch gegen den Papst selbst. Warum erfolgt bei diesen Figuren keine Rücknahme der Kardinalsernennungen durch den Papst? Es ist zwar nur ein Ehrentitel, allerdings verbunden mit dem Versprechen des Gehorsams gegenüber dem Papst. Also müssten diese Anschuldigungen doch auch Konsequenzen haben. Und wenn ich dann sehe, dass die gesamtafrikanische Bischofskonferenz die Umsetzung von Fiducia supplicans verweigert, dann bleibt mir die Spucke weg. Nicht nur ist Afrika der Kontinent mit den härtesten Strafen für Homosexuelle, sondern er wird auch als Zukunft der katholischen Kirche bezeichnet (auch vom Papst!). Mit dem Erstarken der rechtskatholischen Front in der Kirche und dem Aufstieg des Rechtspopulismus in der politischen Landschaft Europas, da fällt mir das Wort Kaiser Wilhelm II. ein: „Wir gehen herrlichen Zeiten entgegen.“ Und, diese Freiheit sei mir gestattet, ich stelle mir ganz ehrlich die Fragen: Was beutet das alles für mich selbst? Will oder kann ich weiterhin ein Teil dieser Kirche sein, in der Menschen ausgegrenzt werden und in der die Stimmen lauter werden, die vor das II. Vaticanum zurückwollen? Wäre es vielleicht gar besser, wenn sich die Kirche spaltet? Ich habe noch keine eindeutigen Antworten gefunden. Aber bei der einen oder anderen Frage neigt sich das Zünglein an der Waage in eine Richtung. Aber noch ist die Hoffnung stärker als die Angst.

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