26.01.2024 Bruder Damian Bieger

Spieltheorie

<> Der Kommentar der Woche

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Damian Bieger

Mensch ärgere dich nicht! Skat, Schafkopf, Schach, Handball, Fußball, Tischtennis, Siedler von Catan, Wizzard und vieles Anderes. In unserer Gesellschaft wird gerne gespielt und wer nicht selber spielen möchte, kann Sport und Spiel auf vielfältige Seite medial verfolgen. Spielen ist menschlich.

Wenn es ums Spielen geht, stellt sich früher oder später auch die Frage: Wie halten wir es mit dem Gewinnen oder Verlieren? Denn es gibt Spiele, bei denen alle gewinnen oder nur einer oder vielleicht keiner. Daneben gibt es auch das Phänomen der Spiel-Verderber. Das sind Teilnehmerinnen oder Teilnehmer, die durch ständigen Regelbruch signalisieren: Ich spiele aber nur nach meinen eigenen Regeln. Mit denen will dann auf Dauer keiner etwas zu tun haben.

Schon seit Jahren gibt es Spieltheorien und philosophische Erwägungen über den spielenden Menschen. Es gibt den ernsthaften Gedanken, inwiefern das menschliche Miteinander selber ein Spiel ist. Damit verlassen wir aber möglicherweise den Bereich, wo es um Kinderspiele geht! Die Wirklichkeit kommt in den Blick, mit der reellen Möglichkeit hohe Einsätze oder sogar das Leben dauerhaft zu verspielen. Außerdem endet dieses Spiel nicht mit dem Schlusspfiff, sondern erst mit dem endgültigen Ausscheiden durch das eigene Ableben. Vorher mischt das Schicksal die Karten immer wieder neu.

Warum ich darauf komme? Wir werden Zeugen schwerer Auseinandersetzungen im Bereich des öffentlichen Lebens: Bahnverkehr, Landwirtschaft und Gesellschaftspolitik. Ich stelle mir die Frage: Ist überhaupt allen klar, dass sie selbst im Fall des eigenen Sieges in einem begrenzten Bereich nach wie vor mit den Verlierern weiter zusammenleben werden? Es macht sich ein gefährlicher Rigorismus breit. Die Bahn hat zum Beispiel versucht, die Gewerkschaft der Lokomotivführer per Gerichtsbeschluss vom Spielfeld des Arbeitskampfes zu nehmen. Die GDL dagegen strebt offenbar eine möglichst demütigende Niederlage für die Bahn an, um neue Mitglieder zu gewinnen.

Man verzeihe mir den religiösen Zwischenruf! Wir wissen nicht, ob Jesus von Nazareth gespielt hat! Aber tatsächlich hat er sich mindestens einmal zum Thema „Spielen“ geäußert: Er bezieht sich auf spielende Kinder auf dem Markt, die miteinander zanken, weil sie sich nicht auf die Spielregeln verständigen können. Und alle sind unzufrieden. Außerdem hat er ausgerufen: „Wer sein Leben gewinnen will, der wird es verlieren! Wer es aber um meinetwillen verliert, wird es gewinnen.“ Selbst, wer nicht an Jesus glaubt und den zweiten Teil des Satzes nicht unterschreiben kann, wird zugeben müssen: Die Mahnung, das Spiel des Lebens und der Gesellschaft nicht zu überziehen, dürfte wohl universell sein.

Ich mache mir Sorgen: Wie wollen die diversen Streitparteien in unserem Land eigentlich in Zukunft mal wieder miteinander klarkommen, wenn sie auf totalen Sieg und totale Niederlage spielen?


Der Blick zurück, der Blick nach vorn, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de.


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert