09.07.2021 Bruder Martin Lütticke

Vom „toten Punkt“ zum „neuen Leben“

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Anita Jäger, „Neues Leben“ aus „Durchkreuzte Wege – Leben neu denken“

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren die Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Vor einem Monat, am 4. Juni, hat der Münchner Kardinal Reinhard Marx Papst Franziskus seinen – kurz danach abgelehnten – Rücktritt angeboten. In dem Brief an Papst Franziskus hat besonders der Satz von Kardinal Marx, die Kirche „sei an einem gewissen ‚toten Punkt‘ angekommen, der aber auch… zu einem ‚Wendepunkt‘ werden kann“ hohe Wellen geschlagen. In vielen Kommentaren hieß es, dieser Satz sei ein Alarmsignal, ein Weckruf, der deutliche mache, dass nichts so weitergehen kann wie bisher.

Und seitdem? Ich habe mehr Fragen als Antworten.
Nimmt es nicht dem Wort vom ‚toten Punkt‘ jede Schärfe, wenn er im gleichen Satz in ‚österlicher Hoffnung‘ als ‚Wendepunkt‘ gedeutet wird? Was ist mit der oft genannten Hoffnung auf wirkliche Erneuerung der Kirche? Und der Enttäuschung so vieler gutwilliger Menschen, dass – scheinbar – nichts geschieht? Trügt mein Eindruck, dass es längst genauso weitergeht wie bisher? Und dass wir auch in Zukunft genauso weitermachen werden wie bisher? Was sollen wir denn auch anderes tun? Ist das Frust und Resignation? Oder nüchterner Realitätssinn?

In unserer Kirche in Dortmund sind zurzeit 13 Bilder von Anita Jäger zu sehen. Die Bilder stehen unter dem Thema „Durchkreuzte Wege – Leben neu denken“ Welch ein Anspruch – das Leben neu zu denken. Geht das? Nach ‚durchkreuzten Wegen‘ mit dem Leben neu anzufangen? Eines der Bilder heißt „Neues Leben“. Frau Jäger schreibt dazu: „Neues Leben durchkreuzt die Wege derer, die schon da sind. Neues Leben im Zeichen des Kreuzes gibt Halt und es gibt die Richtung vor“

Mein Bild für ‚neues Leben‘ ist das kleine Portiunkula-Kapellchen vor den Toren von Assisi, der Lieblingskirche des Hl. Franziskus. Wer die kleine Portiunkula besuchen will, muss durch die riesengroße, barocke Basilika Santa Maria degli Angeli hindurch. Viele Besucher lieben die Portiunkula, sind aber eher abgestoßen von der großen Basilika, die das Kapellchen umschließt.

Ich wünsche jedem, dass er sein ‚Portiunkula‘ findet, seinen Ort, wo einem das Herz aufgeht. Und dann kann ich die große, mir so fremde Basilika viel leichter ertragen.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
Franziskaner kommentieren, was wichtig ist.
Immer freitags auf franziskaner.de


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