Bruder Franz Josef Kröger

San Damiano

Kraftort für verwundetes Leben

In San Damiano, einer verfallenen Kapelle betet Franziskus. Irgendwie ist ihm die Freude abhanden gekommen. Sein bisheriges Leben befindet sich gleich der Kapelle, in der er sich befindet, im Prozess des Zerfalls. Von einem gemalten Kreuz vernimmt Franziskus die Stimme Christi. Sie fordert ihn auf sein verfallendes Haus wieder her zu stellen.

Mit diesem Anruf beginnt der Bekehrungsweg des Suchenden. Zunächst jedoch nur auf ganz praktische Weise. Franziskus beginnt die Kapelle Stein für Stein aufzubauen. Im Laufe des Aufbauprozesses wird Francesco jedoch immer klarer: Es geht um mehr als nur um leblose Steine.

Das Kreuz von San Damiano nimmt im Leben von Franziskus und ebenso von Klara einen besonderen Platz ein. Im Schatten dieses Kreuzes siedeln sich Klara von Assisi und ihre ersten Schwestern an.

In San Damiano dichtet Franziskus die letzte Strophe des Sonnengesanges.

„Franziskus – stelle mein Haus wieder her

Schwestern auf dem Weg von San Damiano zur Portiunkula.
Schwestern auf dem Weg von San Damiano zur Portiunkula.

Die Sehnsucht nach Klarheit im eigenen Leben und die Suche nach einem „Fingerzeig“ Gottes führen Franziskus eines Tages in die verfallene Kirche von San Damiano. Damals wie heute unterhalb und auch außerhalb der Stadtmauern von Assisi gelegen. Heute eine wunderschöne Klosteranlage, umgeben von Olivenhainen, mit Blick in die Ebene, aus der sich sichtbar die Kirche von der Portiuncula heraushebt. Sozusagen die Geburtsstätte des Minderbrüderordens.

Im Gepäck trägt Franziskus zerplatzte Lebensträume und traumatische Erlebnisse, die sein bisheriges Leben aus der Bahn geworfen haben, aber auch erste zaghafte Annäherungen an einen noch „unerfahrenen“ Gott, verbunden mit der unbändigen Hoffnung nach einer wegweisenden Gotteserfahrung, um so Licht und Klarheit in sein noch verworrenes Leben zu bringen.

Die Dreigefährtenlegende erzählt das Geschehen so: Er (Franziskus) betrat die Kirche und begann innig vor einem Bild des Gekreuzigten zu beten, das ihn liebevoll und gütig ansprach, indem es sagte: „Franziskus, siehst du nicht, dass mein Haus in Verfall gerät? Geh also hin und stelle es mir wieder her!“ Zitternd und staunend sprach Franziskus: „Gerne, Herr, will ich es tun.“

In einer altersschwachen und heruntergekommenen Kirche gibt sich ihm Christus zu erkennen, ruft ihn persönlich mit Namen und gibt ihm einen Auftrag, dessen wahre Bedeutung Franziskus erst später versteht. Im Angesicht des Mensch gewordenen und gekreuzigten Jesus, also eines im doppelten Sinn „heruntergekommenen“ Gottessohnes, findet der angeschlagene Franziskus zu seiner Berufung. In einer Begegnung auf Augenhöhe finden Christus und Franziskus zueinander und Franziskus in der Begegnung mit dem Gekreuzigten zunächst so etwas wie eine „Notaufnahme“ für seine wunde Seele und sein leeres Herz. Das bedeutet nicht, dass mit einem Schlag die Wunde heil und die Leere gefüllt wäre. Aber die Dreigefährtenlegende erzählt am Ende dieser Begebenheit, dass Franziskus von nun an „Christus, den Gekreuzigten, … wahrhaft in seinem Herzen fühlte“. Christus ist „angekommen“ im Leben von Franziskus.

Das Kreuz in dieser verfallenden Kirche zieht ihn in seinen Bann. Der unbekannte umbrische Maler hat Christus nicht als einen „Mann der Schmerzen“ gemalt, sondern als einen Menschen, der wohlwollend in die Welt schaut. Im Zeichen dieses Kreuzes siedeln sich ab 1212 Klara von Assisi und ihre ersten Schwestern mit ihrer Lebensgemeinschaft in San Damiano an. Hier kann Klara auf dem Sterbebett Anfang August 1253 die lang ersehnte und hart erkämpfte Bestätigung ihrer Lebensweise durch den Papst entgegennehmen. Hier soll Klara im Jahre 1240 die Stadt Assisi und das Kloster San Damiano durch einen mutigen Auftritt mit dem Allerheiligsten vor einem Übergriff durch sarazenische Söldner Kaiser Friedrichs bewahrt haben. Hier hat sie Franziskus beherbergt, als er seinen Sonnengesang vollendete, das Lied vom Lobe Gottes, geboren mitten im Leid.

Ansicht der Glocke des kleinen Campanile der Kirche San Damiano
Ansicht der Glocke des kleinen Campanile der Kirche San Damiano

Hier haben Klara und ihre Schwestern Abschied genommen von Franziskus, als er nach seinem Tod in der Portiuncula in die sicheren Mauern Assisis getragen wird. Als die Klarissen im Jahre 1257 San Damiano aus Sicherheitsgründen verlassen und sich innerhalb der Stadtmauern an der Kirche Santa Chiara ansiedeln, wird auch das Original des Kreuzes nach Santa Chiara gebracht, wo es bis heute seinen Platz gefunden hat. Klara und ihre Schwestern haben nur gut 40 Jahre in San Damiano gelebt. Danach seit mehreren Jahrhunderten die Minderbrüder. Doch verbinden sich mit diesem Ort in erster Linie die Erinnerungen an das Leben der „Gründergeneration“, an das Leben von Klara und ihren Schwestern und einige wenige Begebenheiten aus dem Leben von Franziskus. Bei einem Gang durch San Damiano wird man auf Erinnerungen an das Leben von Klara und ihren Schwestern stoßen und auf den Ort, wo Franziskus seinen Sonnengesang abschloss. Das Kloster der heutigen Brüder steht für eine Besichtigung nicht zur Verfügung.

San Damiano in Assisi.
Der von einem Säulengang umschlossene Innenhof von San Damiano.

Am besten beginnt man seinen Gang durch das alte Kloster in der vor ein paar Jahren renovierten Kirche mit der Kopie des San Damiano-Kreuzes. Von dort gelangt man rechter Hand im Chor der Kirche zu der ersten Begräbnisstätte der Klarissen, von wo aus man auch einen Blick auf den Chor der heiligen Klara werfen kann. Über eine alte Treppe erreicht man nach einigen Schritten das Oratorium der heiligen Klara. Auf halbem Weg kann man in das Gärtlein der heiligen Klara sehen. Hier soll Franziskus, fast erblindet, von Schmerzen und Mäusen geplagt, den Sonnengesang gedichtet oder vollendet haben. Über eine Treppe gelangt man in den Schlafsaal der Schwestern. Ein einfaches Kreuz und Blumen zeigen den Ort, an dem Klara geschlafen und während ihrer langen Krankheit gelegen hat. Über eine Treppe geht es nach unten in den Kreuzgang mit einem der schönsten Innenhöfe Italiens. Und wenn man auf dem Vorplatz von San Damiano steht, dann ist in der Fassade oben noch ein alter Zugang zum Kloster zu entdecken. Das diente der Sicherheit der Schwestern. Man betrat das Innere über eine Leiter, die hochgezogen werden konnte.

In einer Seitenkapelle der Kirche hängt ein weiteres interessantes Kreuz. Man möchte sagen: ein „mehrgesichtiges“ Kreuz. Innozenz von Palermo, Minderbruder und Künstler, hat dieses Kreuz 1637 geschaffen. Auf den ersten Blick ist es eher unauffällig, besitzt aber eine Besonderheit. „Steht man rechts vom Kreuz, dann sieht man, so heißt es, Christus im Todeskampf; steht man genau davor, sieht man ihn sterben; steht man links vom Kruzifix, sieht man das erlöste Gesicht nach dem Sterben.“ Vielleicht braucht man ein wenig Fantasie, um all das zu sehen. Aber es deutet das Geheimnis des Kreuzes.

Das Kreuz – es ist und bleibt das Markenzeichen für San Damiano. Es ist und bleibt auch das Markenzeichen für Franziskus selbst, der später auf La Verna mit den Wundmalen des Gekreuzigten „gesiegelt“ wird.

Für Franziskus war San Damiano ein Rückzugsort besonderer Art, ein Kraftort für seine wunde Seele und seinen leidgeprüften Körper. Hier – im Angesicht des Kreuzes und in der Nähe seiner geistlichen Schwester Klara fühlte er sich gut aufgehoben, auch in den Schmerzen seiner Krankheit, auch als er mit seiner Lebensweise unter den eigenen Brüdern auf Widerstand stieß. Es war das Kreuz, an dem er sich immer wieder aufrichten konnte. Im Zeichen des Kreuzes hat er seine Berufung gefunden. Im Zeichen des Kreuzes hat er die Liebe seines Lebens entdeckt. Im Zeichen des Kreuzes hat sein Leben seine Erfüllung gefunden. (Siehe auch Artikel: Franziskanische Schriften, Gebet vor dem Kreuzbild.)

 


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