04.09.2017 Stefan Federbusch ofm

„Nackt dem nackten Christus folgen“

Elemente franziskanischer Spritualität

Bund des Heiligen Franziskus mit der Heiligen Herrin Armut.
Bild von Bruder Gabriel Gnägy.

Die Berufung von Franziskus war es, das Evangelium (griech. = gute Nachricht) zu leben. Bedingt durch die Vielfalt des Evangeliums ist es immer nur möglich, bestimmte Aspekte hervorzuheben und in eine bestimmte Lebensweise umzusetzen. Die Spiritualität (spiritus: latein. = Geist) eines Menschen oder einer Gruppe von Menschen ist daher geprägt von dem Blickwinkel, von dem er bzw. sie auf das Evangelium schaut und von den Erfahrungen, die sein bzw. ihr Leben geprägt haben.

Da auch das Leben und Wirken von Franziskus äußerst vielfältig und vielschichtig ist, beschränkt sich die Darstellung auf einige wesentliche Grundzüge seiner Spiritualität sowie kurzer Hinweise auf Bestandteile einer franziskanischen Spiritualität heute.


In 27 Elementen reflektiert Bruder Stefan Federbusch die franziskanische Spiritualität und ihre konkrete Umsetzung. Das 15. Element franziskanischer Spiritualität: Sich nichts aneignen hat bei Franziskus eine universale Bedeutung. Seine Ausrichtung bezieht sich sowohl auf materielles als auch auf geistiges Eigentum. Um dem Armen Christus zu folgen, müssen auch jene, die ihm nachfolgen innerlich und äußerlich arm sein.

27 Elemente franziskanischer Spiritualität

15. Sich nichts aneignen (Armut)

Franziskus war von Hause aus Kaufmannssohn und für damalige Verhältnisse ein „Neureicher“. Die aufkommende Geldwirtschaft (Frühkapitalismus) trug zum Aufstieg des Bürgertums bei, das einen neuen Stand innerhalb der Gesellschaft bildete. Franziskus sah deutlich die Gefahren der wirtschaftlichen Veränderungen und lehnte den Gebrauch von Geld kategorisch ab. „Wenn wir irgendwelches Eigentum besitzen würden, so müssten wir unbedingt zu unserem Schutz auch Waffen haben. Daraus entstehen aber Streitigkeiten und Zank, und dadurch wird die Liebe Gottes und des Nächsten gewöhnlich stark gehemmt. Und deshalb wollen wir in dieser Welt nichts Irdisches besitzen“ (Gef 35).

Während die Mitglieder der monastischen Orden zwar persönlich arm lebten, aber als Orden bzw. Abteien große Güter besaßen, lehnte Franziskus für seine Gemeinschaft jedweden Besitz ab. Dem „armen“ Christus wollte er folgen und auf jedweden finanziellen Rückhalt verzichten. Das Gelübde der Armut ist bei ihm vor allem christologisch motiviert (vgl. das Testament von Franziskus an die Schwestern Klarissen: „Ich, der ganz kleine Bruder Franziskus, will dem Leben und der Armut unseres höchsten Herrn Jesus Christus nachfolgen“). „Die größte Freude hatten sie an der Armut, weil sie keine Reichtümer begehrten, sondern alles Vergängliche verschmähten… Vor allem aber traten sie das Geld wie Staub mit den Füßen“ (Gef 11,45). Die große Bedeutung der Armut für die franziskanische Bewegung verdeutlicht die Schrift „Der Bund des hl. Franziskus mit der Herrin Armut“.


„Nackt dem nackten Christus folgen“, so lässt sich von Franziskus her eine christliche Haltung zur Armut formulieren. Für ihn ist sie ein Ausdruck von Demut und Antwort auf das Handeln Gottes, der sich selbst „entäußert“ und sich in Jesus Christus in aller Armut zum Knecht macht. Demut und Armut sind hier ein untrennbares Geschwisterpaar. Franziskus spricht von der „Herrin Armut“, um deutlich zu machen, welch hohen Stellenwert für ihn das Leben ohne Eigentum hat. Das von Franziskus gebrauchte „sine proprium“ = „ohne Eigenes“ geht dabei weit über den Verzicht auf materielle Güter hinaus. Franziskus warnt immer wieder davor, sich etwas anzueignen und selbst zuzuschreiben, beispielsweise bestimmte Fähigkeiten.

Ausdruck dieser Haltung ist das Nacktsein, das Kontrastbild zum Rittersein, das Franziskus zunächst als junger Mann angestrebt hatte. Der Ritter ist durch seine Rüstung gepanzert und geschützt. Er steht mit seinem Panzer für Gewalt und Macht. Der Arme da¬gegen ist mit seinem Nacktsein ungeschützt und verletzlich. Wer barfuß unterwegs ist, spürt die Beschaffenheit des Bodens viel intensiver als der mit Schuhen oder Stiefeln Ausgerüstete.

Kleider machen Leute.“ Entsprechend bedeutet ein armes Gewand den Verzicht auf Status und Ansehen. Mit dem Ablegen seiner Kleider verzichtet Franziskus nicht nur auf sein väterliches Erbe, er bekundet zu-gleich seinen gesellschaftlichen Standortwechsel. Ab jetzt wird er sich nackt in die Arme des Gekreuzigten werfen und nackt dem nackten Christus folgen, um am Ende seines Lebens nackt auf dem nackten Boden liegend mit dem Nackten zu ringen. Die spirituelle Grundspur: „Alle Brüder sollen bestrebt sein, der Demut und Armut unseres Herrn Jesus Christus nachzufolgen“, beinhaltet zugleich die Hinwendung zum Nächsten: „Und sie müssen sich freuen, wenn sie sich unter unbedeutenden und verachteten Leu¬ten aufhalten, unter Armen und Schwachen, Kranken und Aussätzigen und Bettlern am Wege.“ Der theologische Standortwechsel vom mächtigen zum ohnmächtigen Gott präzisiert sich im sozialen Standort-wechsel vom Leben mit und für die Reichen zur Hinwendung zu den Armen und Ausgegrenzten.

Das Nacktsein ist ein starkes und sprechendes Bild, ein Grundsymbol der Entäußerung in der Nachfolge Christi. Doch was könnte es für heute heißen? Ein Leben „sine proprium“ (ohne Eigentum) in der Haltung des Franziskus ermöglicht Gewaltlosigkeit, denn es gibt ja nichts, was mit (Waffen-)Gewalt verteidigt werden muss. Es ermöglicht eine Hierarchiefreiheit, weil sich alle auf gleicher Ebene bewegen. Es ermöglicht eine geschwisterliche Verbundenheit und ein solidarisches miteinander Teilen des erworbenen Lebensunterhalts.

Eine solch radikale Enteignung seiner selbst, wie sie Franziskus in der Nachfolge des armen Christus gelebt hat, werden die wenigsten von uns hinbekommen. Auch als Franziskaner leben wir materiell gesehen nicht arm. Wir sind abgesichert und nicht abhängig von anderen. Und selbst wer in Einfachheit mit den Armen lebt, wird im Letzten nie einer von ihnen, so Bruder Horst, der in Herne in einer Siedlung mitten unter denen lebt, die sich die Armut eben nicht freiwillig ausgesucht haben, sondern sie als ihr soziales Schicksal erfahren. Armut bedeutet für ihn, freiwillig an einem Ort zu leben, wo andere leben müssen. Die Offenheit füreinander und der nachbarschaftliche Kontakt sind für ihn von zentraler Bedeutung. Persönlich ist es die Frage: Brauche ich das wirklich? Für Bruder René schließt sich die Frage an: Worüber definiere ich mich? Für ihn befreit Armut zu mir selbst, indem ich so sein kann, wie ich bin, auch in meiner Verletzlichkeit. Ich muss mich nicht verstecken, kann ohne Maske unterwegs sein. „Nackt sein“ schafft Unmittelbarkeit. „Nackt dem nackten Christus folgen“ heißt dann Ehrlichkeit mit mir selbst, die zu einer gesunden, keiner narzisstischen Selbstliebe führt. Die Armen können dabei Lehrmeister sein.

Sich nichts aneignen heute

  • Leben in Einfachheit
  • Teilen der Güter
  • Solidarität mit den Armen

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