15.02.2021 Bruder Stefan Federbusch

Seit 800 Jahren leben Franziskaner in Deutschland

Ein Grund zum Feiern!

Im Herbst des Jahres 1221 wurden fünfundzwanzig Brüder von Franziskus nach Deutschland ausgesandt. Nach einem ersten Fehlversuch zwei Jahre zuvor gelang es ihnen, sich dauerhaft jenseits der Alpen in Deutschland anzusiedeln. 800 Jahre franziskanisches Leben in Deutschland – ein Grund zum Feiern?!

Wenn es eine Institution bzw. Organisation schafft, über mehrere Jahrhunderte ihr Bestehen zu sichern, so zeugt dies von Beharrungs- und Durchhaltevermögen, von Anpassungsfähigkeit und Flexibilität. 800 Jahre Franziskaner in Deutschland bedeuten eine lange Geschichte, die naturgemäß Licht- und Schattenseiten aufweist. Zu bedenken ist dabei, dass die Einordnung und Bewertung sowie die dabei verwendeten Kriterien immer auf dem Blick von heute beruhen. Zum 700jährigen Jubiläum wurden vermutlich andere Akzente gesetzt und zum 900jährigen werden es wiederum andere sein.
Einige spannende Fragen ziehen sich durch die gesamte Geschichte: hat es der Orden geschafft, sein Charisma, das Charisma der Gründergestalt des Heiligen Franziskus, zu bewahren und immer wieder neu durch Reformen zu aktualisieren und wenn ja, wie? Welche inneren oder äußeren Faktoren haben zum zeitweisen Niedergang und welche zum (Wieder)Aufblühen der Gemeinschaft geführt? Und schließlich: Wie leben die Franziskaner aktuell ihr Charisma und was sehen sie als ihren spezifischen Auftrag an?

Der Reiz, ein historisches Jubiläum zu begehen, scheint mir darin zu liegen, dass die Feier alle drei Zeitdimensionen beinhaltet. Das Erinnern ist der Blick in die Vergangenheit, die Selbstvergewisserung, woher wir kommen; die Rückkehr zu den Quellen, aus denen wir durch all die Jahrhunderte geschöpft haben; die Besinnung auf den Wurzelgrund, aus dem wir erwachsen sind. Das Feiern ist der Blick in die Gegenwart, die Freude über die Teilhabe an einer derart langen Geschichte; die Orientierung in den Herausforderungen der aktuellen Situation; das Erkennen der Zeichen der Zeit und die angemessene Reaktion darauf. Das Gedenken ist zugleich der Blick in die Zukunft, weil der Weg nicht im Jetzt endet, sondern weitergeht; das Sondieren, wo wir die Perspektiven trotz aller Schwierigkeiten sehen; die Entscheidungen, die wir in den derzeitigen Veränderungsprozessen treffen.

800 Jahre franziskanisches Leben in Deutschland – ein Grund zum Feiern?! Ja, auf jeden Fall, denn wir feiern nicht uns selbst, sondern den mal mehr, mal weniger geglückten Versuch, das Evangelium in den Fußspuren Jesu Christi zu leben und Zeugen seiner Frohen Botschaft zu sein. Wir feiern, dass es durch all die Jahrhunderte in Deutschland immer wieder Männer (etwas später dann auch Frauen) gegeben hat, die das franziskanische Charisma als Lebensform für sich gewählt und in je eigener Weise umgesetzt haben. Wir feiern, dass wir den Auftrag des Herrn, mitzubauen an seinem Reich und an Gottes neuer Welt, durch unsere franziskanische Spiritualität verwirklicht haben und für die Menschen da sein konnten. Wir feiern, dass gerade aus höchst problematischen historischen Situationen, beispielsweise durch Beschränkung des Ordenslebens, viel Neues erwachsen ist, da die Brüder in andere Länder und Kontinente auswichen und so die franziskanische Idee verbreiteten.

Wir sind uns dessen bewusst, dass jede „Erfolgsgeschichte“ auch eine Kehrseite der Medaille hat. Unsere franziskanische Präsenz in Deutschland weist neben einem glaubwürdigen Lebensstil ebenso Defizite, Versagen und Schuld sowohl einzelner Brüder wie auch der institutionellen Ebene auf. Als Stichworte seien hier nur „Sexueller und geistlicher Missbrauch“ genannt. Eine 800-Jahr-Feier kann und darf daher keine reine Jubelfeier sein. Sie beinhaltet zugleich die kritische Reflexion einer so vielfältigen Geschichte mit all ihren Brüchen, all ihren Auf- und Abbrüchen, all ihren heilenden, aber ebenso verletzenden Elementen – sowohl nach innen wie nach außen.

800 Jahre franziskanisches Leben in Deutschland. Wir Brüder Franziskaner laden Sie gemeinsam mit den Minoriten und Kapuzinern sowie der Franziskanischen Familie ein, mit uns zu feiern: erinnernd, gedenkend, lobend, dankend, zugleich selbstkritisch, bekennend, klagend, abschiedlich, wehmütig, aber ebenso hoffnungsvoll, vorwärtsschauend, aufbrechend – kurz und gut: mit uns das Leben zu feiern in seiner ganzen Fülle und in all seinen Dimensionen, vielfältig und bunt, wie das Leben nun mal ist… mit und unter dem Segen Gottes: pax et bonum – Frieden und Gutes!


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