Bruder Peter Fobes

Der Sonnengesang

Cantico delle Creature (Loblied der Geschöpfe)

Der Sonnengesang ist sicherlich das bekannteste Gebet des heiligen Franziskus. Es ist eine Hymne auf die von Gott ins Leben gerufene Schöpfung, und zugleich fordert es dazu auf, den Schöpfer selbst zu loben. Franziskus dichtete das Lied in Altitalienisch; es ist das wichtigste Zeugnis für die Volkssprache des 13. Jahrhunderts in Italien. Der Sonnengesang ist gleichermaßen Gebet und Lyrik. In viele Sprachen übersetzt, gehört er heute zur Weltliteratur.

Im Sonnengesang zeigt sich die Naturbeziehung des heiligen Franziskus. Der Sänger lobt Gott und tut dies gemeinsam mit allen Geschöpfen, besonders mit „Bruder Sonne“, in dem er „ein Sinnbild“ des Schöpfers sieht. Franziskus fühlt sich in die Natur eingebunden, mit der er einen geschwisterlichen Umgang pflegt. Die Gestirne, Wasser, Feuer, den Wind und die Erde, ja sogar den Tod spricht er mit Schwester oder Bruder an. Wer heute den Sonnengesang liest oder betet, wird herausgefordert, die Natur zu lieben, ihr Ehrfurcht zu erweisen und sich für ihren Erhalt einzusetzen.

Der Sonnengesang

Sonnengesang von Bruder Laurentius Englisch. Wandgemälde im Speisesaal des Franziskus Gymnasiums in Vossenack (Ausschnitt)
Sonnengesang von Bruder Laurentius Englisch. Wandgemälde im Speisesaal des Franziskus Gymnasiums in Vossenack (Ausschnitt)

Höchster, allmächtiger, guter Herr,
dein sind das Lob, die Herrlichkeit und Ehre und jeglicher Segen.
Dir allein, Höchster, gebühren sie,
und kein Mensch ist würdig, dich zu nennen.

Gelobt seist du, mein Herr,
mit allen deinen Geschöpfen,
zumal dem Herrn Bruder Sonne,
welcher der Tag ist und durch den du uns leuchtest.
Und schön ist er und strahlend mit großem Glanz:
Von dir, Höchster, ein Sinnbild.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Mond und die Sterne;
am Himmel hast du sie gebildet,
klar und kostbar und schön.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Wind und durch Luft und Wolken
und heiteres und jegliches Wetter,
durch das du deinen Geschöpfen Unterhalt gibst.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Schwester Wasser,
gar nützlich ist es und demütig und kostbar und keusch.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch Bruder Feuer,
durch das du die Nacht erleuchtest;
und schön ist es und fröhlich und kraftvoll und stark.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, Mutter Erde,
die uns erhält und lenkt
und vielfältige Früchte hervorbringt
und bunte Blumen und Kräuter.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch jene, die verzeihen um deiner Liebe willen
und Krankheit ertragen und Drangsal.
Selig jene, die solches ertragen in Frieden,
denn von dir, Höchster, werden sie gekrönt.

Gelobt seist du, mein Herr,
durch unsere Schwester, den leiblichen Tod;
ihm kann kein Mensch lebend entrinnen.
Wehe jenen, die in tödlicher Sünde sterben.
Selig jene, die er findet in deinem heiligsten Willen,
denn der zweite Tod wird ihnen kein Leid antun.

Lobt und preist meinen Herrn
und dankt ihm und dient ihm mit großer Demut.

Aus: Dieter Berg, Leonhard Lehmann (Hg.), „Franziskus-Quellen“
© 2009 Edition Coelde in der Butzon & Bercker GmbH

 

Sprachlicher Hinweis: Die Ausdrücke „Bruder Sonne“, „Schwester Mond“ und „Schwester Tod“ wirken in der deutschen Sprache befremdlich; im Italienischen sind aber die Sonne männlichen Geschlechts und Mond und Tod weiblichen. Der Übersetzer Leonhard Lehmann hat den Text also wörtlich ins Deutsche übertragen.

Entstehungsgeschichte des Sonnengesangs

Im Winter 1224/1225 – zwei Jahre vor seinem Tod – war Franziskus schon sehr geschwächt. Auch litt er an einer Augenkrankheit, durch die er fast völlig erblindet war. Um sich in Ruhe erholen zu können, zog er sich nach San Damiano zurück. Hier bot ihm eine Hütte im Garten der heiligen Klara Unterkunft. Aber wegen einer Mäuseplage kam er nicht zur Ruhe. Das Leben wurde ihm unerträglich. Doch er betete viel; und im Gebet erhielt er durch eine göttliche Offenbarung die Gewissheit, dass er durch das Ertragen der Krankheit zur ewigen Freude des Himmelreichs gelangen werde. Hierüber freute sich Franziskus so sehr, dass er ein Lied dichtete: den Cantico delle Creature (Loblied der Geschöpfe), im deutschen Sprachraum Sonnengesang genannt.

Die im 14. Jahrhundert entstandene Textsammlung Speculum Perfectionis (Spiegel der Vollkommenheit) weiß folgende Begebenheit zu berichten: Franziskus habe zunächst nur die Strophen 1 bis 7 gedichtet. Als aber in Assisi ein Streit zwischen dem Bischof und dem Bürgermeister ausbrach, habe er die 8. Strophe (die Versöhnungsverse) verfasst und einige seiner Mitbrüder gebeten, sie den beiden vorzusingen; dadurch sei der Konflikt beigelegt worden. Und die 9. Strophe (Schwester Tod) habe Franziskus gedichtet, als er spürte, dass er bald sterben werde.


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