30.07.2020 Bruder Markus Fuhrmann

Endlich Schluss mit den Werkverträgen!

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche.

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren die Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Markus Fuhrmann

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Ich esse gerne mal Schinken und freue mich über einen leckeren Schweinebraten. Das hat schon manchen Zeitgenossen verwundert: „Du bist doch Franziskaner! Wie kannst Du dann Fleisch essen?“ – Ich fühle mich bei einer solchen Nachfrage immer ein wenig ertappt und entgegne meist etwas verunsichert, dass der heilige Franziskus gewiss einen sehr achtsamen Umgang mit jedem Geschöpf gepflegt habe, aber Vegetarier sei er ja nach allem, was wir wissen, auch nicht gewesen. So richtig wohl fühle ich mich mit dieser Antwort aber nicht. Es ist ja bekannt, dass die industrielle Fleischproduktion unbestreitbar negative Auswirkungen auf die Umwelt und das Klima hat.

Was eigentlich auch schon lange Zeit bekannt ist, das sind die unhaltbaren hygienischen und vor allem auch sozialen Zustände bei der industriellen Fleischverarbeitung in Mega-Schlachthöfen. Vom Tierwohl ganz zu schweigen! Der „Fall Tönnies“ in Wiedenbrück hat diesen Skandal jüngst noch einmal ans Licht gebracht. Wie in anderen Bereichen auch wirkt die Corona-Krise hier wie ein Brennglas, das latente (soziale) Missstände hochkochen lässt.

Anstrengende Arbeit, niedrige Temperaturen, kaum Luftaustausch, wenig Abstand: Durch diese Bedingungen kam es im Schlachthof in Rheda-Wiedenbrück zum „Superspreading-Event“ mit über 1500 Sars-Cov-2-Infizierten und regionalem Lock Down. Erschwerend hinzu kam das Werkvertragssystem, das dazu geführt hat, dass in dem Fleischbetrieb überwiegend Arbeitsmigranten aus Osteuropa arbeiten, die zu Dumping-Niedriglöhnen bei Sub-Unternehmen angestellt sind und in primitiven Massenunterkünften wohnen. „Ausbeutung pur!“, klagen Gewerkschafter, Sozialaktivisten, Betriebsseelsorger sowie ein engagierter Mitbruder bereits seit Jahren.

In dieser Woche nun hat das Bundeskabinett beschlossen, dass mit Werkverträgen und Leiharbeit in der Fleischindustrie Schluss sein soll. Gott sei Dank!

Und wie sieht es nun zukünftig mit meinem Fleischkonsum aus? – Wenn unsere Fleischproduktion wirklich nachhaltiger werden soll, dann ist jeder von uns auch persönlich gefragt! Konkret: Berücksichtigung des Tierwohls, regionale Verarbeitung, faire Arbeitsbedingungen, geringerer Fleischkonsum und letztlich auch das Akzeptieren von höheren Preisen. – Das sollte mir mein Schinken schon wert sein!


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Ein Kommentar zu “Endlich Schluss mit den Werkverträgen!

  1. In der Fleichindustrie werden sowohl die Arbeiter als auch die Tiere ausgebeutet. Das ist Fakt. Und dieses System hat bis anhin auch wunderbar funktioniert. Wäre es nicht zur Masseninfektion bei Tönnies (oder einem anderen Schlachtbetrieb) gekommen, dann wären zumindest die meisten am System Beteiligten glücklich gewesen: Die Schlachthofbesitzer und Ausbeuter, die Grossabnehmer des Fleisches (also die Supermärkte) und natürlich die Konsumenten, die ihr Fleisch gern billig kaufen – egal woher das Fleisch kommt und wie es produziert wurde. Dabei wäre es gerade das letzte Glied der Kette, das die Macht hätte, eine Veränderung herbeizuführen, nämlich die Konsumenten. Und die Veränderung würde gleich mehrere Bereiche betreffen: Eine verringerte Fleichnachfrage vor allem nach qualitativ gutem Fleisch (regionale Produktion, Bioproduktion, artgerechte Tierhaltung, Weidehaltung und Weideschlachtung usw.) würde die Erzeuger zwingen, diesen Wunsch auch zu bedienen. Und da man diese Art Fleisch nicht in Massenproduktion herstellen kann, würde das bedeuten, dass die Schlachthöfe kleiner werden müssten und es keinen Bedarf mehr an Subunternehmen mit Billiglohnarbeitern gäbe. Dies wäre sozusagen die „Macht von unten“, die verändern kann. Gleichzeitig muss es aber auch eine Veränderung „von oben“ geben, also durch den Gesetzgeber. Dabei darf es nicht bei einer Alibiübung bleiben, sondern die jetzigen Verhältnisse in den Schlachthöfen müssen völlig umgekrempelt werden: Keine Zulassung von Subunternehmen mit Arbeitern, die zu Niedriglöhnen arbeiten sowie Einführung eines Mindestlohnes. Hoher hygienischer Standard in allen Schlachtbetrieben mit regelmässiger, unangekündigter Kontrolle (und nicht nur 5% der Betriebe, sondern nahezu alle). Hohe Strafen für Zuwiderhandlungen. Strenge Richtlinien für die Unterbringung von Arbeitern, was auch für die Erntehelfer in der Landwirtschaft gelten muss, und auch hier Kontrollen durch die zuständigen Ämter.

    Zum Schluss nochmals zu den Konsumenten, also uns selbst. Es täte den meisten Fleischverzehrern gut, einmal in sich zu gehen und ihr Essverhalten zu überdenken. Ich kann nicht sagen, wann es begonnen hat, aber inzwischen wollen viele (fast) jeden Tag Fleisch in jeglicher Form auf dem Teller. Früher war dies unmöglich, heute geht das dank des Billigfleisches bei Aldi, Lidl & Co. Gleichzeitig leben auf anderen Kontinenten Menschen, die sich schon glücklich schätzen, wenn sie täglich eine Reismahlzeit bekommen, ohne Fleisch und oft auch ohne Gemüse. Und noch viel mehr Menschen hungern ganz erbärmlich, weil sie nicht einmal eine Handvoll Reis zur Verfügung haben. Als Christen, und sicher besonders als Franziskaner (egal, ob Franziskus Vegetarier war oder nicht), stünde uns etwas mehr Solidarität ind Verzicht zu Gesicht. Nicht nur in der Fastenzeit, sondern ganz generell. Ich selbst esse seit langer Zeit kein Fleisch mehr. Bei mir hat es aber auch noch einen anderen Grund: Als Tierschützer kann und will ich kein Fleischprodukt verspeisen. Das Tierelend fängt oft schon auf den Bauernhöfen und in den Mastbetrieben an: Zu wenig Platz für die Tiere, Spaltböden statt Einstreu, kaum Bewgungsmöglichkeiten. Wenn ein Tier dies überstanden hat, kommt der Transport zu den Schlachtbetrieben. Dabei kommt es immer wieder vor, dass Tiere sich bei Beladen der Lkw verletzen, z.B. mit einem gebrochenen Bein auf dem Boden liegen und die anderen Tiere über sie hinweg trampeln. Die Transporte finden bei jeder Witterung statt, wobei nicht immer garantiert ist, dass die Wasserversorgung im Transporter einwandfrei funktioniert und die Tiere über Stunden und in grosser Hitze Durst leiden müssen. Tiere, die zusammenbrechen und nicht mehr selbst den Lkw verlassen können, werden mit Baggern oder Schaufelladern vom Wagen gezogen und über den Betonboden geschleift. Die „Verarbeitung“ der Tiere erfolgt mittlerweile unter solch einem Zeitdruck, dass es Tiere gibt, die trotz Bolzenschuss noch leben und dann bereits aufgeschnitten oder ins Brühwasser gelangen. All diese Dinge sind den meisten Konsumenten unbekannt oder werden verdrängt oder abgestritten. Ich empfehle, sich einmal den Film „Meet Your Meat“ (https://www.peta.org/videos/meet-your-meat/) anzuschauen – und dann beim nächsten Schnitzel einmal daran zu denken, wie es zum fertigen Endprodukt kommt. Wer nicht ganz empathielos ist, muss einfach etwas an seinem Essverhalten ändern. Warum schreibe ich das so hart? Weil es an der Zeit ist, die Dinge zu verändern, für Mensch und Tier!

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