09.04.2021 Bruder Martin Lütticke

Zum Tode von Hans Küng

<< Zurück | Jetzt | Weiter >> Der Kommentar der Woche.

Oft ist das, was uns beschäftigt, uns sorgt und uns Angst macht, auch die Quelle für das, was jetzt dran ist. Mit dem Blick auf die Welt aus ihrer Perspektive kommentieren die Franziskaner jeden Freitag, was sie wahrnehmen.


Bruder Martin Lütticke

Am 6. April ist Hans Küng gestorben. In vielen Nachrufen ist er als „großer Theologe und Kirchenkritiker“ gewürdigt worden. Das lese ich – und ich stutze: „Kirchenkritiker“ ist das ein Beruf? Eine Lebensweise? Eine innere Haltung?

Was ist ein Kirchenkritiker?

Mir fallen Menschen ein, die ich als berufliche Kirchenkritiker erlebe, deren innere Haltung die Kirchenkritik zu sein scheint. Egal, um welche Themen es geht, immer ist die Kritik an „der Kirche“ schnell in ihrem Munde. Kirche sind dann immer die anderen und es wird geschimpft und draufgehauen auf „die da oben in der Kirche“.

Bei aller notwendigen Kritik an einer ‚ecclesia semper reformanda‘, an einer Kirche, die immer reformiert werden muss, macht es mir eine allzu pauschale Kirchenkritik schwer, darauf zu reagieren. Soll ich mit draufhauen auf den großen Kirchensack oder soll ich alles verteidigen, was der Kirche vorgeworfen wird? Beides will ich nicht.

Ich glaube, das Wort „Kirchenkritiker“ wird einem Hans Küng nicht gerecht.

Das erste, was mir zu Hans Küng einfällt, ist das von ihm initiierte ‚Projekt Weltethos‘, das ein gemeinsames Ethos der Weltreligionen aufstellen will. Da hat er etwas Großes in Bewegung gebracht und vielleicht ist es das, was am stärksten von ihm bleiben wird.

Zu den Grundüberzeugungen des Projekts Weltethos gehört, dass es kein Zusammenleben auf unserem Globus ohne ein globales Ethos gibt, dass es keinen Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen gibt und keinen Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen.

Kernelemente eines gemeinsamen Ethos sind das Prinzip Menschlichkeit, die »Goldene Regel« der Gegenseitigkeit und die Verpflichtung auf Gewaltlosigkeit, Gerechtigkeit, Wahrhaftigkeit und die Partnerschaft von Mann und Frau.

In diesem Sinne war Hans Küng wahrhaft „katholisch“, im wörtlichen Sinne „alles umfassend“. Er war wahrhaft „ökumenisch“ in der Sorge um den ganzen Erdkreis und im Bewusstsein der Zusammengehörigkeit aller Menschen.

Es ist der Menschheit zu wünschen, dass das Projekt Weltethos weiter wächst, dass das Bewusstsein der Notwendigkeit eines gemeinsamen Ethos aller Menschen und aller Religionen immer stärker wird.


Der Blick zurück, der Blick nach vorne, und der Blick nach innen.
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